2. Platz: Matthes Holstein

Zweihundert Freunde - bloß kennst du sie nicht

Hannah kennt Leon, Maria, Ivonne und all die anderen gut. Sie alle sind Freunde und erzählen sich alles – wirklich alles. Wie sehr Hannahs Bruder unter der Scheidung ihrer Eltern leidet, warum sie ernsthaft über eine Brustvergrößerung nachdenkt und sogar, wie Leon mit seiner psychischen Erkrankung umgeht. Nichts scheint ihnen an einander unbekannt, unvertraut. Dennoch ist Hannah heute Abend aufgeregt. Sie läuft durch die Straßen, geht Umwege um nicht zu früh am Treffpunkt zu sein und denkt über die anderen nach. Sie werden sich heute erstmals sehen. Sie kennen sich nur aus einem sogenannten „sozialen Netzwerk“.

 

Hannah zweifelt jetzt daran, daß diese Leute, die sie da Freunde nennt, jemals ihre Freunde werden könnten. Sie kommt sich jetzt ganz klein vor. Ist dieser Johannes, der sich als Antifa-Sympathisant beschreibt, nicht viel zu brutal und Sahra, ist die nicht viel zu cool für sie mit ihren fast 200 Freunden?

 

Ohne es zu ahnen, hat Hannah in diesem Moment genau dieselben Gedanken wie alle anderen. Alle haben sich gegenseitig etwas vorgemacht. Alle haben flüchtige Bekanntschaften Freunde genannt. Alle sind Mitglieder in sogenannten Gruppen – Diskussionsforen – nur weil sie „cool“ klingen. „Ja, ich bin ein Sexmonster“, „Joints are Life“ oder „Null Toleranz gegenüber Niemandem“ – Gruppen, die aus ihnen interessantere Menschen machen sollten als sie sind.

 

Hannah hat nie gelogen. Sie hat immer nur Gruppenmitgliedschaften eingerichtet, die mehr oder minder charakteristisch für sie waren. Am Anfang stimmten die Selbstbeschreibungen noch. Aber schon nach kurzer Zeit änderte sich das. Sie charakterisierten einen Menschen, der sie selbst jedenfalls nicht war. Hannah, die immer schüchtern, zurückhaltend und manchmal für ihre Mitmenschen langweilig war, ist plötzlich zu einer rotzfrechen Göre geworden, die sich von niemandem etwas vorschreiben läßt. Nun hat Hannah Angst. Sie weiß, daß sie immer noch ihr altes Leben führt, und das weicht von ihrem Internetprofil einfach zu stark ab.

 

Es ist soweit: Das VWL-„Ersties“-Treffen, das früher Erstsemestertreffen geheißen hätte, beginnt. Langsam treffen die ersten vor der Mensa, dem vereinbarten Treffpunkt, ein. Ein Mädchen in Hannahs Alter steht unschlüssig herum. Sie wirkt unsicher, aber auch voller Neugier. Ist der große Blonde da auch einer von uns? Oder die kleine Mollige mit dem Arafat-Tuch? Sie geht auf die junge Frau zu und fragt sie etwas schüchtern. Es stellt sich heraus, daß es Esther ist, und sie fragt sich, warum Esther auf ihrem Profilbild so anders aussieht. Wenig später wird sie feststellen, daß man unter ihren zukünftigen Kommilitonen tatsächlich nur wenige wiedererkennt. Viele posierten derart gestylt, daß ihr Foto mit ihrem eigentlichen Aussehen nichts mehr zu tun hat.

 

Hannah kommt fünfzehn Minuten zu spät. Sie haßt Unpünktlichkeit, aber käme sie pünktlich, sähe es ja so aus, als hätte sie nichts Besseres zu tun, als wäre sie am Ende noch an den anderen interessiert. Dafür, daß sich so viele coole Typen und interessante Persönlichkeiten im Internet getummelt haben, schweigen sich aber sehr viele die ganze Zeit nur an. Das Gespräch kommt bei manchen nur schwer in Gang.

 

Eine weitere halbe Stunde später sind auch die Letzten angekommen, und die Gruppe zieht los. Einmal durch die Kneipenmeile ihrer neuen Heimatstadt. Nach ein oder zwei Bier werden die meisten schon redseliger. Plötzlich erzählen alle von ihren gänzlich unspektakulären Schulzeiten, von ihrem Abiturdurchschnitt oder ihrer Einsamkeit, die sie jetzt, da alle alten Freunde nicht mehr in der Nähe wohnen, verspüren. Nichts erinnert mehr an die bunte VWL-„Ersties“-Gruppe, die nur aus Hooligans, Dauerpartymachern und modernen Helden zu bestehen schien. Glücklich sind dennoch die meisten in diesem Moment. Sie sind froh, daß sie nicht die einzigen sind, die in ihrem Profil geflunkert haben, froh, neue Freunde gefunden zu haben.

 

Nur an einem Tisch ist man mit mehr als Trinken und Feiern beschäftigt. Hier haben sich – rein zufällig oder nicht – drei junge Männer und eine Frau versammelt, die leisere Töne anschlagen, die sich über Dinge unterhalten, die doch eigentlich gar nicht hierher passen. Es sind diejenigen, die über ihre eigene Überraschung angesichts ihrer doch so normalen Kommilitonen nicht einfach hinweggehen konnten. Ihr Gespräch dreht sich nun um den gesamtgesellschaftlichen Aspekt dieser Kollektivtäuschung. Da hört man Worte wie „gemeinschaftlicher Selbstbetrug“ und „Realitätsentfremdung“. Martin erzählt hier, wie ablehnend er früher solchen Netzwerken wie Studi VZ gegenüber stand und daß er eigentlich nur beigetreten ist um an wichtige Informationen und an Termine für Treffen zu gelangen. Aber nach und nach – ein paar Tage, vielleicht auch ein oder zwei Wochen hätten gereicht – habe sich die Sache verselbstständigt. Er sagt, er wollte doch nur mithalten können mit diesen ganzen perfekten Leben der anderen. Seine Gesprächspartner kennen das. Ihnen erging es ganz ähnlich.

 

Juliane spekuliert darüber, was das für eine Gesellschaft werden soll, die danach lechzt alles über jeden zu wissen und am Ende gar nichts weiß vom Wesen eines Menschen, außer seiner aufgebauscht spannenden Welt. Und was würde mit jenen werden, die sich länger davor verschlössen oder zumindest die Kraft aufbrächten, in einer gewissen Anonymität Ruhe zu finden? Sie würden zu Außenseitern werden, denn schon heute sei der gesellschaftliche Status eines jungen Menschen eher durch die Anzahl seiner Kontakte, als durch die Beziehung zu seinen wahren Freunden und seinen Charakter bestimmt.

 

Ein beklemmendendes Schweigen macht sich jetzt breit. Keinem ist so recht zum Feiern zumute. Marcel, der schon fast dreißig ist und dennoch erst jetzt sein Studium der Volkswirtschaftslehre beginnen wird, fängt an von früher zu erzählen. Als man als Kind oder Jugendlicher noch höchstens ein oder zwei Hand voll Freunde hatte, als jeder, der etwas anderes behauptete, ein Aufschneider genannt wurde, als man nicht alle zehn Minuten vor den Computer rennen mußte um ja keinerlei Veränderungen im Freundeskreis und keine Neuigkeiten zu verpassen. Damals, als es die weniger modernen Kommunikationsmittel noch nicht vermochten, das Leben von Menschen zu verbiegen und als man auch einfach mal seine Ruhe haben konnte, wenn einem danach war. „Andererseits –“, wirft Ricarda ein, „wer will eigentlich auf die Möglichkeiten der heutigen Zeit verzichten? Sind diese sozialen Netzwerke nicht eigentlich eine tolle Erfindung, die funktionieren würde, wenn alle ein wenig ehrlicher mit sich selbst wären und diesem Sog des ständigen Verfügbarseins und der ständigen Selbstvermarktung häufiger widerstehen würden?“

 

Martin, Juliane und all die anderen werden wohl selbst nach einer individuellen Lösung suchen müssen. Ob sie am nächsten Tage ihre Profile veränderten, bleibt – nein, eigentlich bleibt es nicht ihr Geheimnis, weil es in sozialen Netzwerken kaum noch Geheimnisse gibt.

 

Wie ihre ganze Generation mit dieser und anderen neuen Kommunikationsmöglichkeiten umgeht, ist ungewiß, aber eine beständige informationstechnische Revolution mit derart gravierenden Auswirkungen auf das tägliche Leben setzt immer ein Hinterfragen und manchmal auch eine Rückbesinnung auf alte Werte voraus, um zum Fortschritt zu werden.