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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte


Montag, 04.06.2012

Wochenschau

Montag, 21. Mai 2012

Die Politik hat ein neues Zauberwort gefunden: „Wachstum“. Wäre Merkel souverän, hätte sie ihren bettelnden Gesprächspartnern am vergangenen Wochenende zum G8-Gipfel jeweils eine Rolle Wachstuch in die Hand gedrückt.

Dienstag, 22. Mai 2012

„Lafontaine macht Rückzieher“ / „Gauck verzeiht Schweinsteiger“ (Schlagzeilen aus dem Netz).

Pressekonferenz von Thilo Sarrazin im Hotel Adlon – nicht eine einzige seriöse Frage, die seine Thesen in Frage stellen würden. Alle namhaften Medien schweigen. Stattdessen nur dümmliche Anwürfe von RBB, Hamburger Abendblatt, Deutscher Welle und Jüdischer Allgemeiner, die sich de facto mit ihren Provokationen blamieren. – DDR 2.0 am späten Abend in der Berichterstattung im RBB. Noch dreister der Folgetag. Da unterdrückt der RBB-Rundfunk die Ausstrahlung der Besucherstimmen der ersten Sarrazin-Lesung in Potsdam.

Mittwoch, 23. Mai 2012

„Dialog für Deutschland“ – in der Niedersächsischen Landesvertretung wird erstmals eine Auszeichnung für deutschsprachige Medien im Ausland verliehen. Als Christoph Lanz von der Deutschen Welle angekündigt wird, hinter mir in der Reihe Tuscheln: „Lanz, ist das nicht dieser Fernsehkoch?“ Lecker im Anschluß das Buffet, kurzes Gespräch mit Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und längeres mit einer koketten kinderlosen deutschen TV-Moderatorin, die „Kinderrechte“ im Grundgesetz verankert sehen will. Die Botschafterin des Deutschen Kinderhilfswerkes, die ihre Karriere unter einem holländischen Künstlernamen betreibt, findet Deutschland wegen der angeblich fehlenden Kinderrechte „scheiße“.

Donnerstag, 24. Mai 2012

An der Haltestelle wirbt ein Plakat für die schwul-lesbischen „Respect Games“ im Jahn-Sportpark. Wenn die Betroffenen wirklichen Respekt wollten, sollten sie im türkischen oder arabischen Viertel im Wedding oder an der Hasenheide antreten – so sind es bloß „Reservoir Games“.

Die Berliner Zeitung mit einer entlarvenden, sprich: fremdenfeindlichen Geisteshaltung. Im Bericht über das Scheitern des ersten „Interkulturellen Pflegehauses“ heißt es in der Überschrift, die Muslime wollten lieber „zu Hause“ alt werden. W.z.b.w. Deutschland ist doch ein Gastland.

Freitag, 25. Mai 2012

Ungeregelte Zuwanderung in meinem eMail-Postfach – stoße unvermittelt auf die Betreffzeile „jetzt Spamvorteil sichern“. Die Zeitersparnis ist längst dahin, so oft ich mich vergucke. Mit Liebe hat das nichts zu tun. Wie ich mich jetzt verlas, hatte ich mich vor meinem Eintritt ins Internet verhört. Damals, gegen Ende der Neunziger, klagte am Nachbartisch im Café ein junger Geschäftsmann seinem Gegenüber, er müsse jeden Morgen zwischen 30 und 50 „Mädels“ checken – ich war unheimlich neidisch.

Sonnabend, 26. Mai 2012

Eurovision Contest – der Deutschlandfunk meldet, BDI-Präsident Keitel sähe einen Euro-Austritt Griechenlands skeptisch, weil dies ein Experiment mit ungewissem Ausgang sei. Die Risiken eines solchen Schrittes könne niemand überschauen. In welcher Welt lebe ich? Das Szenario, vor dem Keitel warnt, ist doch längst in statu nascendi, Keitel selbst zählt zu seinen Protagonisten.

Der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag, Krichbaum, orientiert sich derweil an Nordkorea. Er plädiert für die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen in Griechenland. Auch Octopussy Grass meldet sich nochmal mit letzter Tinte, diesmal ist es "Europas Schande", ein gräßliches Gedicht über die Griechenlandpolitik Europas. Laut Süddeutscher Zeitung beklagt der Dichter, Griechenland werde nackt an den Pranger gestellt, weil es dem Markt nicht gerecht werde. Das ist mal wieder wohlfeil, der Dichter als Richter.

Sonntag, 27. Mai 2012

„Es wird einsam um Merkel“ / „Deutsche als Sklavin gehalten“ (Schlagzeilen aus dem Netz).

Pfingstmontag, 28. Mai 2012

Realityrest: Durchsicht alter Papiere, darunter Katalog vom Werbekongreß 2003 („Heul doch! Die Werbung und ihre Depression“) – the best things in life are fee.

„Wissenschaftler lösen Rätsel um Jesus: Studie gibt Aufschluss über Tod. Jesus starb am 3. April 33“ (Schlagzeile aus dem Netz).

Mittwoch, 30. Mai 2012

Wer mit einander redet, liest nicht – im Radio laufen die Hits der Achtziger, everybody wants to rule the world in harmonischen Akkorden. Erinnere mich an meine Schulzeit in der DDR mit dem damals üblichen Mantra der Friedenspropaganda: „Wer mit einander redet, schießt nicht.“ Gestern abend sprach ich mit dem legendären Kremlflieger Mathias Rust, der – als wäre es ein Comic-Märchen – am 28. Mai 1987 mit einer Cessna vor dem Roten Platz landete. Wäre nicht zufällig ein britischer Arzt vor Ort gewesen, Teilnehmer eines medizinischen Kongresses und in Besitz einer Videokamera, und wäre nicht ebenso zufällig ein NBC-Reporter in der Nähe gewesen, der sich sogleich das Band sicherte, hätte es keine Bilder von Rusts Landung gegeben. Was wäre diese Geschichte ohne das Bild von ihr?

Danach Austausch mit einem Journalisten vom Deutschlandfunk, wir kommen auf Syrien zu sprechen, die fragwürdige Schuldzuweisung des Massakers im medialen „Hula-Hoop“ und die darauf erfolgte Ausweisung des Botschafters durch das deutsche Außenministerium. Der Radiomann lakonisch: „Das ist super, da braucht man auch nicht mehr miteinander zu sprechen.“ Für ihn ist klar: „Jetzt kommt der Krieg.“ Als die Musik zu laut wird und das Publikum für die nachfolgende Disko eintrifft, machen wir uns davon.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Bitte alle aussteigen! Auf dem Juso-Internet-Portal „Endstation rechts“ denunziert und diffamiert der sächsische Landtagsabgeordnete Henning Homann (SPD), Fraktionssprecher für demokratische Kultur und bürgerschaftliches Engagement, unter der Überschrift „Die CDU Sachsen und der rechte Rand“ den Moderator Jürgen Liminski und offenbart dabei seine Beschränktheit.

Sonnabend, 2. Juni 2012

ePost von B., der – nach langer Zeit – wieder in die Welt geschaut hat: „Was für ein beflissenes Siegerblatt der Schuldfrohen, die sich durch Superamerikanismus entschuldigen. Zu den rechtwidrigen Computerangriffen des Präsidenten der USA fällt denen in der WELT nur ein – diesen Freunden des Weltfriedens, der Freiheit und des Völkerrechts –, daß es besser gewesen wäre, darüber weiterhin möglichst zu schweigen, weil Offenheit dem Ansehen der USA schaden könne. Lügen für den Frieden! Nieder mit der Wahrheit!“ Und wenig später: „Die Deutschen werden nicht verfolgt oder mißverstanden. Die verfolgen sich selber. Es war doch vorauszusehen, daß Polen gar nicht zufrieden sind, wenn deutsche Fussballspieler nur zwei Stunden in Auschwitz verweilen, und wenn von den dreien zwei Oberschlesier sind. (...) Warum soll ein Türke den Ehrgeiz haben, ein Mitglied einer Schuldgemeinschaft zu werden? (...) Es ist nicht sonderlich attraktiv, Mitglied einer reuigen Bande zu werden, die jedem erzählt, wie schrecklich sie war und vor allem wie gut sie jetzt ist. Die Deutschen sind gräßliche Narren (...) Wir müssen vor Deutschland Angst haben, und erst recht alle Menschen vor uns. So kann man keine Politik treiben. Deswegen sind Deutsche die unberechenbarsten und verworrensten Gesprächspartner. Was für ein schreckliches Gesindel, das aber gut und gerne Europa in den Abgrund reisst, weil es keine Idee von sich noch von Europa hat, vor allem weil es keine Idee vom Leben hat, nur im Totenreich versinkt, um dauernd den 30. Januar 1933 zu verhindern. Die Bundesrepublik ist eine einzige Katastrophe der Realitätsverweigerung. Sie lebt nur in Fiktionen.“

Doch damit ist es in der Welt nicht genug. Lesenswert sind Henryk M. Broder über „Gaucks Woche der wahren Worte“ – auch wenn Gaucks Bemerkung vor der evangelischen Kirche Norddeutschlands, als er davor warnte, den „Heiligen Geist“ mit dem „Zeitgeist“ zu verwechseln, hier unerwähnt bleibt –, und das Interview mit Hans Magnus Enzensberger „Oh je, politisch korrekt!“

Die Stille nach dem Stuß – unter dem Titel „Liebes Schweigen im Land!“ greift Mely Kiyak in der Berliner Zeitung in billiger Manier die deutschen Ermittlungsbehörden an. Kein Wort des Bedauerns über ihre Ausfälle gegen Sarrazin in ihrer – inzwischen vom Verlag gelöschten – Kolumne vom 19. Mai 2012, als sie Thilo Sarrazin als „lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur“ verhöhnt hatte, deren Anliegen es sei, „das niedrigste im Menschen anzusprechen“. Absurder- und perfiderweise war es ja Kiyak selbst, die hier in einer Stürmer-Diktion das betrieb, was sie Sarrazin vorwarf. Folgend die Namen der Jury-Mitglieder, die für den Theodor-Wolff-Preis an Kiyak im Jahr 2011 verantwortlich sind: Wilm Herlyn, Ulrich Reitz, Peter Stefan Herbst, Bernd Hilder, Christoph Irion, Bernd Mathieu, Bascha Mika, Evelyn Roll, Franz Sommerfeld.

Sonntag, 3. Juni 2012

Mein Google-Alert „Junge Freiheit“ ist eine Überraschung: Er generiert als einzigen Fund den Hinweis auf das neue Dexys-Album von Kevin Rowland – die Sehnsucht der einstmals „jungen“ Soul-Rebellen, deren Heimat die „Freiheit“ ist. Das letzte Album der Dexys Midgnight Runners liegt heute über ein Vierteljahrhundert zurück. Damals, Mitte der achtziger Jahre in der DDR, löste der Song „Come On Eileen“ in mir wie wohl kein anderer ein unbeschreibliches Freiheitsverlangen und Glücksgefühl aus.



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