Mittwoch, 08.02.2012

Bürokraten in Uniform

Der Bundesminister der Verteidigung Thomas de Maizière hat in einem Interview mit dem Tagesspiegel einige kluge Dinge gesagt, unter anderem über die militärische Bürokratie. Auf die Frage des Journalisten, ob der Minister den Soldaten denn „gleich ein neues Denken“ verordnen wolle, antwortet er jedenfalls nicht mit Nein. Der Minister: „In den letzten Jahrzehnten hat sich eine Absicherungsmentalität angestaut.“ Wie wahr! Dann spricht er von Freude an der Übernahme von Verantwortung, Führen müsse belohnt werden, und die altbekannte Regel, daß das Melden eines Problems den Soldaten von der Behebung desselben befreie, solle fortan nicht mehr gelten. Der Minister: „In der Bundeswehr darf nicht Bürokratie herrschen, sondern der Grundsatz der Eigenverantwortung.“

„Weniger Bürokratie“ in der Bundeswehr wird dann wahrscheinlich per Erlaß verordnet. Von ganz oben geht die Verordnung dann durch alle Führungsebenen hinab bis hin zu den Kompanien. Dabei ist dafür Sorge zu tragen, daß jeder Soldat den „Weniger Bürokratie“-Erlaß zur Kenntnis nimmt und diese Kenntnisnahme per Unterschrift bestätigt. In jeder Einheit wird ein Bürokratie-Verantwortlicher bestimmt, der „Weniger Bürokratie“-Lehrgänge an einem „Zentrum für die Verringerung der Bürokratie in der Bundeswehr (ZeVeBüBw)“ besucht.

Als Multiplikator wird er dann Unterrichte halten, die mannstundentechnisch pro Quartal festgelegt sind. Nach jedem Unterricht füllen die Soldaten dann auf Befehl Evaluationsbögen aus, die im ZeVeBüBw von Regierungsangestellten ausgewertet werden. 2015 schickt der Minister daraufhin eine Pressemitteilung raus, und die Tageszeitungen melden: „20 Prozent weniger Bürokratie in der Bundeswehr“. In den dienstlichen Beurteilungen wird ein neuer Passus eingeführt: „Oberfeldwebel Dosenkohl hat die Grundsätze des unbürokratischen Führens verinnerlicht und wendet sie im Rahmen seiner Fähigkeiten an.“

Freiheit kann mißbraucht werden

Gut. Genug gespottet. Prinzipiell hat der Minister natürlich Recht. Und geschickt ist er auch, denn seine Worte werden in der Truppe gut ankommen. Der Wille zum Führen und die Freude an der Übernahme von Verantwortung sind ja da. Er sagt das mit einem wohlwollenden Blick auf die militärisch Geführten. Nur, die Kehrseite der Medaille zeigt er nicht: Die Übernahme von Verantwortung und das Belohnen von Führungswillen bedeuten für die militärischen Führer auch das Risiko, daß in ihrem Beritt Schindluder getrieben wird, gegen den sie sich nicht absichern können.

Das Gewähren von Freiheiten beinhaltet die Möglichkeit des Mißbrauchs – und damit den ganzen Rattenschwanz von Skandälchen, Meldungen (die frei machen), Übertreibungen und Angstschweiß auf der Stirn der Generalitäten, sobald der Presseoffizier die Medienanfragen meldet. Natürlich wird der Mißbrauch das eher geringere Übel sein. Fehler werden gemacht, Irrtümer finden statt, Dinge werden ein Nachspiel haben und wer dann nun wirklich schuld ist, wird vielleicht niemand so recht beurteilen können.

Das muß erstmal ausgehalten werden. Wie ernst es dem Minister und der militärischen Führung mit dem „neuen Denken“ ist, wird sich zeigen, wenn das erste Mal ein erheblicher Mißbrauch der neuen Freiheiten zeigt. Wenn das Ministerium dann darauf verzichtet, ein neues Formular zur Kontrolle einzuführen, und den militärischen Führer schützt, dann könnte man getrost den Hut vor dem Minister ziehen. Ein angeblicher „Maulkorb“ des Lenkungsausschusses zur Bundeswehrreform, der den Inspekteuren der Streitkräfte „eine direkte Kommunikation in den politisch-parlamentarischen Raum“ versagen soll, zeigt nicht in die richtige Richtung.



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Olaf Ramcke aus Fellin

Donnerstag, 09-02-12 21:59

Ich denke auch, daß es sehr töricht wäre, die Meldedisziplin zu untergraben. Als Soldat denkt man sich die ganze Zeit, ob man das nun melden soll oder nicht, und der innere Schweinehund tendiert stets zum Nein. Wenn man dem jetzt Ausreden in die Hand drückt, warum etwas nicht gemeldet wurde, wird schon sehr bald sehr vieles nicht mehr gemeldet werden.

Meistens läuft halt irgendetwas schief, meistens ist es peinlich, und meistens ist es von der Art, daß man hofft, es werde sich schon wieder einrenken. Aber manchmal tut es das eben nicht. Und dann tauchen plötzlich völlig unerwartet für die Führung größere Probleme auf.

 

Klaus Kurz aus Russell, Neuseeland

Donnerstag, 09-02-12 09:31

et Na ja, Herr Boecker, schoen, dass Sie sich solche Gedanken machen, und "ausspreche Anerkennung" fuer den guten Willen. Doch sicher hat sich der Alltag und die grausame Wirklichkeit bei der Bundeswehr seit meiner Zeit kaum geaendert, und das werden Sie auch noch merken, wenn Sie dereinst nach Abschluss Ihres Studiums (welches eigentlich?)in Eigenverantwortung vor der Truppe stehen: Bei der BW handelt es sich naemlich nicht um richtige Streitkraefte, um echtes Militaer, sondern eher um einen Trachtenverein, der so tut, als ob... Vielleicht erinnern sich noch ein paar Ihrer "Alten Kameraden" daran, dass der Leutnant einmal "Verteidigungsinspektor" genannt werden sollte. Daher weht der Wind!

 

Lüder Osmers aus Deutschland

Mittwoch, 08-02-12 22:12

"Melden macht frei!", wer will denn diese uralte bewährte Landserweisheit außer Kraft setzen?!
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Die Bundeswehr macht die Erfahrung jeder Armee, der der scharfe Kriegseinsatz über Jahrzehnte hinweg erspart wurde: sie wird erstickt von Bürokraten, die ja auch ihre Existenzberechtigung nachweisen wollen.
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(Wir wollen doch den Einsatz als Vasallen der U.S.-Amerikaner gegen die Partisanen in Afghanistan nicht anmaßend als "scharfen Kriegseinsatz" überhöhen!)
.
Aber mit dieser auf Zwergenmaß geschrumpften Armee in den Krieg ziehen? Mit femininer Kompetenz?

 

MB. Casonue aus Mbcasonue

Mittwoch, 08-02-12 21:24

" Gut. Genug gespottet. "
Das hab ich auch gedacht, bei diesem Abschnitt.
Bis ich den Artikel im "Bendler Bock" gelesen habe.
"...Hüten muss man sich vor dem, der gleichzeitig dumm und fleißig ist; ..."
Ich hoffe der Herr Bundesminister der Verteidigung ist der, der im Zitat zu vorletzt beschrieben wird und trotzdem fleißig ist.

"„In den letzten Jahrzehnten hat sich eine Absicherungsmentalität angestaut.“"
Nicht nur bei der Bundeswehr. Ein Beispiel dafür sind die " Cc`s " an den Vorgesetzten, in jedem größeren Betrieb.
Wenn etwas Falsch war, kann man bequem sage: Der Chef hat`s ja gewußt"

Die schlechteste Entscheidung ist keine Entscheidung!

 

Ralf Beez Ofw d. R. aus 72250 Freudenstadt

Mittwoch, 08-02-12 19:14

Solange wir solche Verteidigungsminister und eine noch
unfähigere Regierung haben, wird sich absolut nichts
ändern. Im Gegenteil, mit der Einführung einer
Söldnerarmee wird alles noch viel schlimmer werden als
wir uns jemals zu träumen wagten!!!

 

Paul Pope aus Baden-Württemberg

Mittwoch, 08-02-12 11:16

Ich bin im Staatsdienst und habe meinen Wehrdienst abgeleistet.
Nach meiner Erkenntnis gibt es nirgends soviel Bürokratie, wie beim Bund - auf keinem Finanzamt, keinem Gericht, nicht einmal bei der Arbeitsagentur (oder wie heißt die Behörde aktuell?). Trotz vieler williger Unteroffiziere, die ihr Bestes geben, gibt es immer wieder Dienstvorschriften die peinlichst eingehalten werden (seltsam, die Auftragstaktik steht dem eigentlich entgegen).
Wenn man genauer hinsieht, will Keiner die Bürokratie, aber Alle halten sich daran?!

 
 

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