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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte
Kultur

Dienstag, 25.12.2012

Der Geist der Stille

Von Günter Zehm

Liedtext von „Stille Nacht“: In der wahrhaft Stillen Nacht werden Welt und Mensch eins Foto: Betty/pixelio.de

Weihnachten, die „Weihe-Nacht“ vom 24. zum 25. Dezember, der „Heilige Abend“, wird vielerorts auch als „Stille Nacht“ bezeichnet und just als solche hoch gepriesen und kräftig gefeiert. Das ist an sich merkwürdig und hinterfragbar. denn die Nacht von Christi Geburt ist bekanntlich alles andere als still, sie ist wahrscheinlich sogar – zumindest im Abendland – eine der lautesten Nächte des Jahres überhaupt. Chöre brausen, Glocken schallen, es herrscht ein fröhliches Tuten und Sich-Besuchen, eine Wuseligkeit des Schenkens und Beschenktwerdens, die dem Geist der wahren Stille so fern wie nur möglich ist.

Gibt es ihn überhaupt, den Geist der wahren Stille? Wenn damit die absolute Stille gemeint sein soll, dann lautet die Antwort eindeutig: Nein. Wer ein Gehör hat, der hört auch. Noch im gegen alle Außeneinflüsse sorgfältigst abgeschirmten „Lärmvakuum- Raum“ des Pariser Technikmuseums La Vilette dröhnt es: Der Besucher vernimmt plötzlich überlaut das Pulsieren des eigenen Blutes. Und auch das Ohr selber bringt Geräusche hervor. Es finden sich dort eine Reihe von Mechanismen zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, die eigene Schwingungen erzeugen. Wenn die feinen Härchen der sensorischen Zellen von diesen Schwingungen getroffen werden, ziehen sie sich mit Hilfe bestimmter Proteine zusammen und erzeugen Akustik, auch im Lärmvakuum.

Stille ist ein relativer Begriff

Stille ist ein relativer Begriff. Es gibt Geräusche, darunter sehr laute, an die wir uns derart gewöhnen, daß wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, etwa das Rollen der vor unserem Fenster vorbeifahrenden S-Bahn. Bleiben sie einmal aus, dann „hören wir die Stille“, das heißt die vielen feineren, aber ungewohnten Klänge und Töne, die uns ständig umgeben. Das hat einst auch der US-amerikanische Komponist und Künstler John Cage gewußt und forderte deshalb die Zuhörer seines originellen, 1952 uraufgeführten Stücks „4‘33“, in dem kein einziger Ton gespielt wird, dazu auf, nicht nur „in die Stille hineinzulauschen“ sondern auch „aus der Stille herauszulauschen“.

Die Welt insgesamt ist voll von Geräuschen, und es werden ihrer immer mehr, je weiter die Moderne mir Technik und omnipräsenter Medialität voranschreitet. Die Entwicklung hat tatsächlich bedrohliche Züge angenommen, und immer mehr Zeitgenossen leiden darunter. Zum Straßenlärm kam der Fluglärm, zum Baulärm das Rattern der „Freizeitmaschinen“: keine einst „stille“, vornehme Wohngegend mehr, in der nicht, je nach Jahreszeit, ratternde Rasenmäher oder heulende Laubeinsammler ganze Tage lang die Luft zerschneiden. Und aus Radio und Fernsehen ertönt ununterbrochen „Eventlärm“: vor allem die großen Popkonzerte sind wahre Lärmorgien.

Die Sehnsucht nach Stille wächst

Allenthalben wächst die Sehnsucht nach Stille, und zwar im Quadrat der Lärmentfaltung. Nach Meinung der Unesco ist der Lärm bereits weltweit zu einem der schlimmsten Unweltverschmutzer aufgestiegen; der 6. April wurde von ihr zum „Tag gegen den Lärm“ ausgerufen und die Bürger zum Widerstand aufgefordert. Aber auch hier gilt, genau wie bei der Stille: Lärm ist nicht gleich Lärm, Flugzeuglärm beispielsweise läßt sich nicht gegen Kinderlärm aufrechnen. Nicht jedes laute und lästige Geräusch ist schon Lärm, dem üblichen Wortgebrauch zum Trotz.

Es gibt hierzulande eine DIN (Deutsche Industrienorm) für „Lärm“: Er beginnt normalerweise bei 90 Dezibel, kann allerdings bei entsprechendem „Schalldruckpegel“, zum Beispiel Dauerhämmern, erheblich früher verderbliche Wirkung entfalten. Der Mensch hält einen hohen Pegel durchschnittlich nicht länger als 20 Minuten aus, ohne physisch wie psychisch Schaden zu nehmen. Manche Leute fallen aber schon bei 85 Dezibel in Ohnmacht, andere halten selbst bei 200 und mehr die zwanzig Minuten durch.

Mittlerweile gibt es auch einen veritablen „Gesundheitslärm“. Wer als Patient einer Kernspintomographie im Kopf- und Halsbereich unterzogen wird, wo also in Kopf und Hals Magnetfelder aufgebaut und wieder abgebaut werden und dabei sämtliche Körperatome ins Wackeln kommen – nie wieder wird er einer solchen Fülle in alle Richtungen variierenden Lärms begegnen. Es schreit und kreischt und donnert und jault, es hämmert und kratzt, haut auf Pauken und liefert tollste Trommelwirbel, es schmettert und quietscht, explodiert und orgelt, und zwar mit einer gewaltigen Lautstärke. Gottlob dauert alles nur wenige Minuten, es ist zu ertragen und dient der Gesundheit.



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