Freitag, 11.11.2011
Zeit für eine Diät
Der Monat November eignet sich vielleicht nicht für eine Diät. Schließlich steht das Weihnachtsfest bevor. Dominosteine und heißer Glühwein verwandeln sich bekanntlich schnell in Hüftgold. Der Schweizer Schriftsteller und Unternehmer Rolf Dobelli empfiehlt eine andere Form der Diät, mit der man gegen die Fettablagerungen im Gehirn vorgehen kann. Beim Stöbern auf seiner Internetseite bin ich auf einen längeren Aufsatz gestoßen, den Dobelli für den Schweizer Monat geschrieben hat. Der Text lädt dazu ein, sich auf das wirklich Wichtige im Leben einzulassen und die Zeit nicht mit Unnötigem verstreichen zu lassen.
Dobelli zufolge sind wir heute in Bezug auf Nachrichten an dem Punkt, wo wir in Bezug auf „Fast Food“ vor zwanzig Jahren standen: „Denn – News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich und gleichzeitig höchst schädlich.“ Dobelli lebt schon über zwei Jahre auf Entzug und hat den Verzicht auf die trivialen Nachrichtenhäppchen nicht bereut. Er genießt die neue Freiheit, die ihn zu klarerem Denken, wertvolleren Einsichten, besseren Entscheidungen und mehr Zeit verholfen hat. Zumindest behauptet dies der Autor, der für das FAZ-Feuilleton die Kolumne „Klarer denken“ verfaßt. Kleine Anmerkung: Eine solche Nische ist auch bitter nötig, denn vom klaren Denken scheinen die Donaldisten und sonstigen Spezialisten des Kulturteils der Frankfurter Qualitätszeitung nicht viel zu halten. Bahners, Minkmar und Schirrmacher sei Dank!
Kein Sättigungsgefühl
Die schädlichen Folgen der „News“, die insbesondere über das Internet verbreitet werden, habe ich am eigenen Leib gespürt. Viele Jahre war ich eine ziemliche Technik-Niete. Mit dem Computer stand ich lange Zeit auf Kriegsfuß. Ich erinnere mich noch gut daran, daß ein brennender Zigarillo, der mir während der Abfassung meiner Magisterarbeit aus meinem Mund in den Drucker gefallen ist, für Panikschübe gesorgt hat. Und eine Tasse Kaffee in der Tastatur hat dann dazu geführt, daß mein Werk kurzfristig ruhen mußte. Sicher haben die neuen Medien viele Vorteile, und mittlerweile nutze ich den PC so selbstverständlich wie meine Zahnbürste. Allerdings habe ich heute viel mehr Mühe als früher, mich auf längere Texte einzulassen. Anstelle der „Buddenbrooks“ greife ich abends lieber zu den knalligen Covern der Serie „Hard Case Crime“ oder surfe im Internet.
Es ist ja auch so verlockend, im Internet hin und her zu springen. Doch ein Gefühl der Sättigung oder Information, die sich zum Beispiel nach Lektüre eines guten Buches einstellt, konstatiere ich bei solchem Verhalten nicht. Vielleicht macht nicht jeder die Radikalkur von Dobelli mit, der den Totalverzicht propagiert. Es hilft schon, auf das Fernsehen weitestgehend zu verzichten. Ich schaue zum Beispiel kaum noch Nachrichtensendungen. Die anbiedernde Balzerei eines Klaus Kleber oder der moralinsaure Gesichtsausdruck einer Marietta Slomka sind mir zuwider, so daß ich mit dem Verzicht gut leben kann.
Zermalmt und fatalisiert
„Newsgeschichten befassen sich zur großen Mehrheit mit Dingen, die Sie nicht beeinflussen können. Die tägliche Wiederholung von News über Dinge, die wir nicht ändern können, macht uns passiv. Wir werden zermalmt, bis wir am Ende eine pessimistische und fatalistische Weltsicht haben“, schreibt Dobelli. „Newsjunkies“ nehmen eine passive Opferrolle an und verfallen der Depression. Muß man wirklich jede neue Wasserstandsmeldung über die Rettungseuropäer im Fernsehen verfolgen? Muß ich im „Heute Journal“ und in der „Tagesschau“ verfolgen, daß sich Merkels Truppe in Berlin mal wieder nicht einigt? Ohne diese Informationen lebt man besser. Man fühlt sich leichter und schlanker und widmet sich wichtigeren Themen.
Doch was soll man lesen? Dobelli rät zur Lektüre von längeren Artikeln – hier hat er wohl nicht an den Spiegel oder Die Zeit gedacht, also Boulevardjournalismus für Studienräte – und Büchern. Empfehlenswert seien Science, Nature, The New Yorker, The Atlantic Monthly, getAbstract, Brandeins, Schweizer Monat etc. Wir ergänzen die Liste um die Junge Freiheit und die dortige Online-Kolumne, auf die ein Leser selbstverständlich trotz seiner Diät nicht verzichten sollte. Man kann ja auch nicht gleich von hundert auf null herunterschrauben. Dann hat man nachher nur den bekannten Jojo-Effekt.