Samstag, 06.03.2010 „Anbruch einer neuen Welt“
Von Moritz Schwarz
 Michio Kaku: „die Welt wird sich auch politisch grundlegend verändern“ Foto: privat
Herr Professor Kaku, wieso stehen wir vor einer Revolution?
Kaku: Weil die Wissenschaft sich anschickt, keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Wir werden in den kommenden Jahren den Anbruch einer neuen Welt erleben.
Seit der industriellen Revolution sind gut hundert Jahre vergangen – warum sollte es jetzt wieder soweit sein?
Kaku: Die Antwort ist das Mooresche Gesetz. Der Ingenieur Gordon Moore, Gründer der Firma Intel, formulierte es 1965, um die Geschwindigkeit unseres technologischen Fortschritts zu beschreiben. Derzeit besagt es, daß sich die Potenz unserer Mikrochips alle achtzehn Monate verdoppelt! Damit kann man ausrechnen, wie weit sich die Potenz unserer Computer in zehn Jahren entwickelt haben und was dann möglich sein wird.
Was wird möglich sein?
Kaku: Wenn unsere Vorfahren in der frühen Vergangenheit das für sie Unerklärliche wie Donner, Sonne oder Tod erklären wollten, wählten sie mythische Geschichten, um es sich begreiflich zu machen. Auch uns mag der Blick in die Zukunft im ersten Moment überfordern, deshalb erkläre ich es gerne nach der Methode unserer Vorfahren: In der nahen Zukunft werden die Dinge wahr werden, die wir aus den Märchen kennen. Die Zukunft wird zum Beispiel sein wie bei Schneewittchen: Die böse Königin befragt dort den Zauberspiegel: „Spieglein, Spieglein an der Wand“ – das ist die Zukunft des Internet. Wie der magische Spiegel wird es ein Mittel zur Erlangung „unendlichen“ Wissens sein. Überall werden wir diesen Zauberspiegel haben, und fast alles wird er uns sagen können. Peter Pan dagegen, der Junge, der niemals altert, ist die Zukunft der Medizin. Pinocchio ist die Zukunft der Künstlichen Intelligenz: Roboter und Computer werden immer menschlicher werden – ohne je wirklich menschlich zu sein, so wie Pinocchio das als Holzpuppe auch nie gelungen ist. Pocahontas wiederum konnte zu den Bäumen und den Lüften sprechen, und diese sprachen zu ihr – das ist die Zukunft unserer Mikrochips, durch sie wird unsere Umwelt intelligent werden. Chips werden billiger sein als Kaugummipapier, und sie werden in alle möglichen Gegenstände eingebaut.
„Verbotene Bücher könnten selbst ihre Leser anzeigen“
Die Welt der toten Dinge, sagen Sie, wird zum Leben erwachen.
Kaku: Wenn Sie in naher Zukunft einen Raum betreten, wird er nicht voller toter Einrichtungsgegenstände sein, sondern voller Intelligenz. Sie sitzen jetzt gerade im Sessel, eine Tasse Kaffee neben sich und lesen dieses Interview? In naher Zukunft schon wird der Sessel wissen, daß und vielleicht wer in ihm sitzt, Ihre Tasse wird wissen, wer aus ihr getrunken hat, und auch die Zeitung, die Sie in der Hand halten, wird wissen, daß Sie sie lesen, und vielleicht auch, wer Sie sind. Gut, daß es heute keinen Index verbotener Schriften mehr gibt, denn in naher Zukunft schon könnten sonst die verbotenen Bücher selbst ihre Leser bei der Inquisition denunzieren. Schon unsere Kinder werden sich wundern und sich nicht vorstellen können, daß und wie wir noch in einer Welt voller dummer, toter Gegenstände gelebt haben, wo ein Tisch nur ein Tisch war, eine Tasse nur eine Tasse, ein Buch nur ein Buch.
Auf der eben begonnenen Cebit feiert man die neuesten Computermodelle – Sie aber sagen das Verschwinden des Computers in nicht allzu ferner Zukunft voraus.
Kaku: Er wird in Bälde verschwinden, eben weil unsere Umwelt selbst intelligent sein wird. Wir sprechen doch schon gar nicht mehr von Computerzeitalter, sondern vom Internetzeitalter, und vielleicht weicht der Begriff bald dem Wort Chipzeitalter. Den Rechner am Schreibtisch mit Tastatur und Bildschirm als Schnittstelle zur Welt der Mikrochips brauchen wir nicht mehr, wenn diese überall direkt eingebaut sind. >>

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