Donnerstag, 01.12.2011

Die Rückkehr der Nation

Man wird annehmen dürfen, daß „Europa“ auf eine politisch evolutionäre Weise zu tendenziell rechten, also präsidialen oder autoritär demokratischem Staatsverständnis gelangen wird – und dies nicht etwa aus Gründen einer allerorten mystifizierten rechten Gefahr, sondern in Konsequenz des Handelns gerade jener, die sich, vorzugsweise in den Führungsgremien der EU, als Siegelbewahrer der Demokratie geben.

Die Schulden-, Finanz- und Eurokrise, die den Kontinent existentiell getroffen hat, ist im weitesten Sinne das Ergebnis einer verhängnisvollen Politik von Jahrzehnten. Der für die Demokratien erforderliche Grundkosens der Kräfte, bislang leidlich stabil, dürfte nur zum Geringeren Ausdruck eines Bürgerbewußtseins sein; zum größten Teil wurde er durch die Garantie einer staatlich alimentierten Wohlfahrt erkauft, die die Vorkriegszeit so noch nicht kannte, die im Kalten Krieg jedoch forciert wurde, nicht zuletzt um innerhalb der großen Systemauseinandersetzung sozial zu punkten und zu werben: Wohlstand statt Sozialismus!

Stabilität durch Teilhabe am Konsum

Immer größere Gewinne für immer wenigere, dabei aber noch die Garantie eines passablen Standards für die dem Klassenkampf entwöhnte und wohlgenährte Arbeiterschaft zu gewährleisten, das kostet eine Menge in Transfergesellschaften, die aus Effizienzgründen immer weniger Produzierende brauchen, aber die freigesetzte Hälfte wenigstens als Verbraucher mitziehen wollen. Westliche Demokratien waren bislang stabil, weil sie Unternehmern und Hochfinanz liberalistisch satte Dividende ermöglichten, der Arbeiter- und Angestelltenschaft aber ein Milieu erlaubten, in dem Urlaubs- und Weihnachtsgelder sowie regelmäßige Mittelmeerferien einen kleinbürgerliche Zufriedenheit erzeugten.

Schönwetterdemokratie mag ein strapazierter Begriff sein, gleichwohl trifft er den Kern der Sache. Spätestens nach dem Untergang des Sozialismus ist der Bürgersinn auf ein reines Geldverhältnis zwischen Staat und Wählern reduziert worden, also auf einen sachlich-kühlen Klientelismus. Was die Krise jetzt hervorbringt, ist ein Korrektiv, mit dem es sich so komfortabel wie bisher kaum weiterleben lassen wird.

Schwer vorstellbar, daß griechische, portugiesische und spanische, alsbald dann italienische und französische Regierungen weiter in einer Laisser-faire-Demokratie lavieren können, wenn die Spardiktate greifen, zumal die Bürger sich immer weniger mit dem Parlamentarismus identifizieren, mit dem nationalen allenfalls in traditionellen Restbeständen, mit dem des Europaparlaments gleich gar nicht.

Der geschmähte Nationalstaat kommt zurück

Fatalerweise werden Bürgerrechte und Pluralismus kaum mehr als historische Errungenschaften erlebt, weil der Durchschnittsbürger, reduziert auf den Konsumenten („Ich bin doch nicht blöd!“), ihrer immer weniger bedarf, wenn er im Panoptikum von Warenfetischismus und Medienschwachsinn degeneriert. Keine Spur mehr vom Citoyen! Die Wahl zwischen zwei Flachbildschirmen dürfte vielen wichtiger erscheinen als die zwischen zwei Parteien, insofern es überhaupt noch Markierungslinien zwischen denen gibt. Alles ist Mitte, also mittelmäßig, also lau und beliebig. Menschenketten gegen Atomkraft, Massentierhaltung und rechte Gewalt muten an wie der putzig-folkloristischer Rest dessen, was an couragierter Positionierung übrig blieb.

Mag aber wohl sein, die anstehenden Konflikte sorgen für Erfrischung. Greift die soziale Einschränkungspolitik erst erlebbar zu, sieht der Mensch seine Lebensumstände wieder kontrastschärfer an. Vielleicht entsteht dann, was es lange nicht mehr gab, politische Bewegung. Der Wunsch nach Identität stiftenden Persönlichkeiten oder wenigstens solchen, an denen man sich abarbeiten kann, ist deutlich. Das Operettenheldentum zu Guttenbergs gab davon nur einen Vorgeschmack und ließ ahnen, daß selbst peinliche Gestalten zu Symbolfiguren aufsteigen können, wenn sie nur als Alternative zum gängigen „Establishment“ mit seinen mediokren Figuren und redundanten Sprachregelungen gelten.

Weil das Abstraktum EU die Fragen der Zeit nicht lösen kann, wird der geschmähte Nationalstaat neue Bedeutung gewinnen. Merkels und Sarkozys sachpolitische Vormundschaft gegenüber EU-Entscheidungen einerseits, Camerons berechtigter isolationistischer Skeptizismus andererseits deuten dies gegenüber Barrosos Gewimmer bereits an. Die Zeit der hehren, rhetorisch hergeredeten Vorstellungen, die für Tatsachen gehalten wurden, ist vorbei. Von unten kann man mit Gärung rechnen, von oben mit Druck, und so werden plötzlich im politischen Kräfteparallelogramm lange verblaßte Vektoren wieder nachzuzeichnen sein. Schwere Zeiten sind gleichsam solche großer Lebendigkeit.



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Magnus Milvus aus Swakopmund

Samstag, 03-12-11 21:14

Korrektur zu 03-12-11 19:17

@Olaf Ditges aus NRW
@Anne Gallinat aus Leipzig

"Die umjubelte Demokratie ist im Wesen nichts anderes als relativ ausgeglichene Beziehungen zwischen Produktion und Konsumtion. Kommt das aus dem Lot, ist die Farce am Ende."

------

Wenn, wie absehbar, der Kollaps des €speranto-Geldes zur Verknappung wichtiger Versorgungsgüter führen sollte, ist der ohnehin dünne Firnis der Demokratie nichts als Schnee von gestern.

Die Notverordnungen auf deren Basis dann mit einer "Allparteienregierung" weitergewurschtelt werden soll, dürften längst fix und fertig ausgearbeitet sein.

Binnen Minuten ist das Programm im Hartz4-TV umgestellt, werden die Mobilfunknetze abgeschaltet, das Internet blockiert ...

 

Magnus Milvus aus Swakopmund

Samstag, 03-12-11 19:17

@Olaf Ditges aus NRW - Sonnabend, 03-12-11 16:18
@Anne Gallinat aus Leipzig - Sonnabend, 03-12-11 14:14

"Die umjubelte Demokratie ist im Wesen nichts anderes als relativ ausgeglichene Beziehungen zwischen Produktion und Konsumtion. Kommt das aus dem Lot, ist die Farce am Ende."

-----

Wenn, wie absehbar, der Kollaps €speranto-Geldes zur Verknappung wichtiger Versorgungsgüter führen sollte ist der ohnehin dünne Firis der Demokratie nichts als Schnee von gestern.

Die Notverordnungen auf deren Basis dann mit einer "Allparteienregierung" weitergewurschtelt werden soll, dürften längst fix und fertig ausgearbeitet sein.

Binnen Minuten ist das Programm im Hartz4-TV umgestellt, werden die Mobilfunknetze abgeschaltet, das Internet blockiert ...

 

Olaf Ditges aus NRW

Samstag, 03-12-11 16:18

@Liebe Frau Gallinat, das ist wichtig klarzustellen. Nur allzu schnell resultiert aus eigener Haltung und Meinung die Forderung, nach dementsprechenden allgemeinverbindlichen Regelungen, gerade in Deutschland wie mir scheint. Das machen auch immer wieder viele Umfragen deutlich. Es gibt einen riesengroßen Unterschied zwischen der Haltung der Menschen und ihrem Austausch darüber untereinander und dem, was staatliche Institutionen uns als solches unterjubeln, obwohl es zu nichts weiter dient als deren eigener Machtausweitung. Das unsere wirtschaftliche Lebensordnung droht aus dem Lot zu geraten (und das ist die Basis unserer Versorgung), liegt ganz wesentlich auch an letzerem, denn wo der Staat eingreift zerstört er das Gleichgewicht.

 

Anne Gallinat aus Leipzig

Samstag, 03-12-11 14:14

@Olaf Ditges: Lieber Herr Ditges, ich spreche hier anmerkend weder von Staat noch von Recht, sondern schlicht von Haltung. Tatsächlich sehe ich einen Akt veritablen Alltagswiderstands darin, sich der Wachstumsunvernunft und dem Medienschwachsinn für Krethi und Plethi weitgehend zu verweigern. An Bosselmanns Beitrag finde ich ganz interessant, daß er klarstellt: Die umjubelte Demokratie ist im Wesen nichts anderes als relativ ausgeglichene Beziehungen zwischen Produktion und Konsumtion. Kommt das aus dem Lot, ist die Farce am Ende.

 

Olaf Ditges aus NRW

Freitag, 02-12-11 23:24

@Anne Gallinat
Herr Boselmann redet von Staatsverständnis und von Politik, Sie reden von einer Reduktion von Bedürfnissen und Waren.
Jetzt frage ich mal ganz dumm, geht es hier um einen guten Lebensstil oder um Politik?
Wenn Sie eine "Reduktion von Bedürfnissen und Waren" wünschen, bedeutet das dann, daß Sie die Vorstellung haben, der Staat möge ein Gesetz erlassen oder eine Regelung schaffen die Ihre Vorstellung beim Bürger durchsetzen soll? Und wenn das so ist frage ich Sie, mit welchem Recht?

 

Anne Gallinat aus Leipzig

Freitag, 02-12-11 09:47

@Prabahindran Thambineera: Wenn Bosselmann hier ab und an zugegeben rabiat auf den Konsumismus einschlägt, dann gebe ich ihm grundsätzlich Recht, ohne daß ich meine, er argumentiert asketisch. In der Reduktion von Bedürfnissen und Waren läge wohl schon der Versuch einer konservativen Konzentration. Dass Wachstum eine schwierige Kategorie und Logik ist, haben Konservative vergessen, die eigentlich Marktradikale sind. Ihr Hauptargument: Geht nicht anders. Und dass Medienkonsum mit Jugendverblödung korreliert, meine ich in meinem Erfahrungsbereich durchaus zu bemerken. Die Glotze mal abzuschalten, das ist echter Widerstand. Zu "Zivilisation" mal bei Oswald Spengler nachsehen.

 

Olaf Ditges aus NRW

Freitag, 02-12-11 02:51

Was wir erleben, ist eine sich seit Bestehen der BRD stetig ausweitende Staatsmacht, die an einen Punkt gekommen ist, der sowohl das wirtschaftliche wie das gesellschaftliche Leben zu erdrücken droht, ein Prozess, dem das Grundgesetz offensichtlich nichts entgegen setzt (im Gegensatz zur amerikanischen Verfassung). Der demokratische Umverteilungsstaat verbraucht und zerstört die Grundlagen, die in den goldenen Zeiten freien Lebens und Wirtschaftens der Gründerjahre geschaffen worden sind. Die Zeiten, in denen dieser Staat mittelständischen Unternehmern "satte Dividende" ermöglichte, sind seit 20-30 Jahren vorbei und die kleinen Leute kriegen wie immer beim Abstieg als erste die nassen Füße. Die Hochfinanz spielt auf einem anderen Planeten.

 

Klaus Kurz aus Russell, Neuseeland

Freitag, 02-12-11 00:28

Tja, Herr Bosselmann, Ihre Ansicht in allen Ehren, aber sie wird leider ein frommer Wunsch bleiben, denn Sie haben vergessen, "die Rechnung mit dem Wirt zu machen". Deutschland wird nie wieder ein echter Nationalstaat werden, mit allem, was dazu gehoert. Schliesslich hat man sich doch nicht umsonst all die Muehe gemacht, unser Nationalbewusstsein so sehr zu reduzieren, dass von 2000 Jahren deutscher Geschichte im Grunde nur 12 unglueckliche Jahre uebriggeblieben sind, und die letzten 66 immer im Buesserhemd erlebt wurden.

 

Herbert Weiß aus Stahnsdorf

Donnerstag, 01-12-11 22:29

(2) Ebenso bedarf es eines Rückbaues der alle bevormundenden EU-Monsterbürokratie. Was auf europäischer Ebene sinnvoll ist, sollte dort laufen. Aber nicht mehr!

Nötig ist allerdings auch ein erhöhtes Bewusstsein für echte Legensqualität. Mögen auch die alten 68er in vielen Dingen voll danebengelegen haben - der bitter-böse Kampfbegriff des "Konsumidioten" passt leider nach wie vor in die Zeit.

 

Herbert Weiß aus Stahnsdorf

Donnerstag, 01-12-11 22:28

Diese "staatlich alimentierte Wohlfahrt" konnte man sich in einer Zeit des forcierten Wettrüstens leisten. Schon merkwürdig. "Wohlstand statt Sozialismus!" - Hätte man alternativ auch die andere (die eigene) Seite der Mauer streng bewachen sollen, um die Leute am Davonlaufen zu hindern?

Das Problem ist doch nicht, dass es manchen armen Würstchen zu gut ginge, sondern es ist der ausufernde Beglückungs- und Kontrollapparat. Den könnte ein einfaches System, wie der Ersatz des Grundfreibetrages durch einen Grundabzug von der Steuerschuld ersetzen. Für weitergehende Ansprüche könnte dann der Bürger selbst vorsorgen. Sogar eine Steuer-Flatrate wäre dann machbar (Kirchhoff-Plus-Modell). >

 

Fritz Fuchs aus Westpreußen

Donnerstag, 01-12-11 22:07

>>Der für die Demokratien erforderliche Grundkosens der Kräfte... Wohlstand statt Sozialismus!

 

Johannes Erichsen aus Vorpommern

Donnerstag, 01-12-11 19:49

Und wenn die Dinge allgemein so liegen, was ich in etwa bestätigen kann: Rechts kann Staat machen, Links konnte es nie. Wurde es versucht, geriet's pervers.

 

armes deutschland aus Frankfurt

Donnerstag, 01-12-11 15:56

Da muß sich der Nationalstaat aber sehr beeilen, sehr geehrter Hr. Bosselmann! Zumal er in der BRD das Problem hat, nicht von der Mehrheit der Bürger getragen zu werden. Das Ziel der EU-Politik, die Übernahme der Macht durch den EU-Beamtenmoloch mittels einer möglichst zeitnahen Zerschlagung von Eigenständigkeit, Nationalbewußtsein und Volksgemeinschaft aller europäischen Staaten und Völker ist nah. Auch der politische Hebel in Deutschland ist schon längst auf Euro-Diktatur umgestellt. Schließlich hat die Regierung trotz aller Dementis doch stets gegen den Willen der Mehrheit der Bürger ihre Pläne umgesetzt und der Europäisierung Tür und Tor geöffnet. Durch die Krise wird das Ganze nur noch forciert unter dem Deckmantel der "EU-Rettung".

 

Jan Pretorius aus Bayern

Donnerstag, 01-12-11 13:56

"Die nationale Exekutive wird in der Gestalt des Europäischen Rates auf europäischer Ebene zur Legis-lative ..." Also: Weder Gewaltenteilung noch Parla-mentarismus (J.P.). "Läßt man diesen Prozess sich so weiterentwickeln, führt dies entweder zur Forderung nach einer Renationalisierung ... oder zu einer Erosion der Fundamente unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung."
Quelle: Biedenkopf, Kurt "Ordnungspolitik in einer Zeit des Umbruchs", 1999, S. 17

 

Markus Junge aus Deutschland, nicht die BRD

Donnerstag, 01-12-11 13:52

"Schwere Zeiten sind gleichsam solche großer Lebendigkeit."

Wie erst kürzlich hier in einem anderen Artikel zu finden, schwere Zeiten können auch Krieg bringen, mehr "Lebendigkeit" geht dann nicht.


"daß selbst peinliche Gestalten zu Symbolfiguren aufsteigen können, wenn sie nur als Alternative zum gängigen „Establishment“ mit seinen mediokren Figuren und redundanten Sprachregelungen gelten"

Ja der Freiherr, er galt, WAR aber nie mehr als das übliche Mittelmaß + Teil des „Establishment“. Außerdem, wenn ich einen Clown sehen will, dann kann ich in den Zirkus gehen.

 

Prabahindran Thambineera aus Zürich, Schweiz

Donnerstag, 01-12-11 11:42

Mit Vielem bin ich einverstanden, nicht aber mit der permanenten und mittlerweile peinlichen Kritik am Konsum. Gerade der Konsum, seien es Lebensmittel oder Konsumelektronik (immer gut für Kritik) ist Ausdruck einer besonnen Politik des (heiklen) gesellschaftlichen Friedens und somit Ausdruck einer maturierten Gesellschaft. Sie ist letztlich der Ausfluss von Zivilisation, in der nicht dauernd über Grundnahrungsmittel gekämpft wird. In diesem Sinne sehe ich es durchaus positiv wenn politische Parteien im Alltag relativ unbedeutend sind.

 

Olaf Ramcke aus Fellin

Donnerstag, 01-12-11 10:13

Das wäre wohl alles so, Herr Bosselmann, wenn nicht diejenigen, welche ihre Ansprüche gegen ein Volk durchzusetzen hätten, dieses Volk bereits beherrschten.

Wenn einem eine Kuh gehört und sie nunmal nicht mehr Milch gibt als sie gibt, was nützt es einem da sie weniger zu füttern, wenn man sie nicht gegen eine bessere Kuh austauschen kann?

Das sind doch alles Schattenfechtereien. Am Ende kommt der Schuldenschnitt, was sonst?

 
 

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