Sonntag, 28.02.2010 Angriff auf die Normalität
Von Ellen Kositza
 Jan Gossaert: Die Verschmelzung von Hermaphroditos und Salmicis zum Zwitter (etwa 1517) Foto: Wikimedia/Museum Boijmans Van Beuningen
Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer für die Menschheit: Neil Armstrong sprach seinerzeit von man, was sich mit „Mann“ wie mit „Mensch“ übersetzen läßt. Die Worte Armstrongs bei der Mondlandung lassen sich passabel auf eine andere weltumwälzende Errungenschaft übertragen. Vor fünfzig Jahren hat man die Anti-Baby-Pille auf den Markt gebracht: ein Verhütungsmittel, das die von da an so genannten „Reproduktionsverhältnisse“ gründlich durcheinanderbringen sollte. 1960 hat die Geschlechterdebatte Anlauf genommen, sich forthin warmgelaufen, heute dreht das Räderwerk heiß.
Gleichberechtigung ist mittlerweile ein beinahe verzopftes Wort, Gleichstellung lautet die Devise und letztlich Gender Mainstreaming (GM) die Zielstellung. Das heißt nicht weniger als die Aufhebung des herkömmlichen binären Geschlechtersystems mit zwei Exponenten: Mann und Frau. Daß Frauen Mathematikprofessuren innehaben und Männer als Krankenpfleger reüssieren können, ist dabei fast ein alter Hut. GM ersetzt die alten Frauenfördermaßnahmen keinesfalls, sondern erweitert sie beträchtlich. Als Dorn im Auge empfinden heutige Entscheider die sogenannte Heteronormativität selbst westlicher, aufgeklärter Gesellschaften.
Heteronormativität ist ein negativer Kampfbegriff: Beanstandet wird von den Mainstreamern, daß in diesem als Ordnungssystem mit der klassischen Familie als Angelpunkt mangelnde Akzeptanz herrsche für andere Formen sexuellen Verhaltens: für Homo- und Bisexuelle, für Polyamory (nicht-monogam lebende Menschen) und – unter vielem anderen – für sogenannte Transgender, Menschen mit unklarer sexueller Identität. Es geht dabei um mehr als um „Toleranz“ gegenüber solcherlei Veranlagungen, sondern um PR-mäßige Maßnahmen, mit denen diese „erweiterten geschlechtlichen Identitätskonzepte“ von Kindergarten und Schule an als Normalität eingepflanzt werden sollen.
Geschlechtsspezifisch aufbereitet
Da seit nun fünfzig Jahren Sexualität und Fortpflanzung leichterhand voneinander zu trennen sind, gilt es, auch obrigkeitshalber Nägel mit Köpfen zu machen. Bereits 1999 hatte das Kabinett die Strategie des GM zum durchgängigen Leitprinzip, zur „Querschnittsaufgabe“ der Bundesregierung beschlossen, etwa zeitgleich mit der EU. Die Handlungsfelder, die sich damit auftun, sind unermeßlich – auch in finanzieller Hinsicht. Allein zwischen 2000 und 2006 ließ sich Deutschland die „Implementierung“ des GM über eine Milliarde (!) Euro kosten – und gibt damit den europäischen Klassenstreber.
Die meisten Bundesländer haben die Übersicht über die weitverzweigten Gender-Maßnahmen verloren und können die Ausgaben kaum beziffern. Gender Mainstreaming soll überall greifen: in Belangen der Ernährung, der Landwirtschaft, der Reaktorsicherheit, der Verkehrspolitik und des Städtebaus. 50.000 Euro wurden in NRW für die wissenschaftliche Begleitung eines Projekts ausgegeben, das die geschlechtsspezifischen Unterschiede von Waldbesuchern untersuchen sollte. Mann und Frau hätten unterschiedliche Auffassungen vom Ökosystem Wald – „wer geschlechtsblind ist, trägt unter Umständen zur Verschärfung ökologischer Probleme bei“. >>

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