Montag, 29.08.2011

Aufstand der Videospieler

Die weltweit größte Videospielemesse „Gamescom“ öffnete vom 18. bis zum 21. August in Köln ihre Pforten. Längst sind die früheren „Telespiele“ kein Randphänomen für picklige Verliererjungs und strengriechende Außenseiter mehr. Vielleicht stecken unter den Lesern dieser Kolumne noch Atari- oder C64-Pioniere? Super Mario oder Sonic: Gehörten auch Sie einmal einer der erbittert verfeindeten Nintendo- oder Sega-Fraktionen an? (Die richtige Antwort lautet übrigens Mario.)

Seit einigen Jahren sind sogenannte „Casual-Gamer“ ins Visier der Konzerne geraten. Mit Imagekampagnen, attraktiven Werbespots und leicht zugänglichen Spielkonzepten soll die zahlungskräftige Masse erobert werden. Konsolen stehen in den Wohnzimmern von Erwachsenen, Videospiele sind Volksspielzeug geworden – dem Privatsender RTL („Dschungelcamp“, „Mitten im Leben“, „Bauer sucht Frau“) ist das offenbar entgangen.

Entsprechend verärgert zeigte sich die Zockergemeinschaft, als RTL am 19. August einen kurzen Fernsehbericht ausstrahlte, in dem Besucher der Messe, die mit 275.000 verkauften Eintrittskarten und mehr als 5.000 Medienvertretern aus über 50 Ländern erneut Rekorde brach, mit mikrowellenaufgewärmten Klischees übergossen wurden. Verkleidete „Cosplayer“ werden mit Außerirdischen verglichen. Ein hübsches Messemädchen darf an lebendigen Beispielen erklären, warum Videospieler nicht auf Aussehen und Hygiene achten; ein liebenswürdiger Student erklärt den ausbleibenden Erfolg beim anderen Geschlecht mit seiner Schüchternheit.

Gegenaktionen offenbaren wehrhafte Gemeinschaft

Daß diese Jungs auch anders können, haben die Verantwortlichen schnell erfahren: Petitionen auf Facebook, das Profil des Messemädchens vollbombardiert mit zornigen Kommentaren, die RTL-Seite gehackt, Gegenvideos produziert. Das Gaming-Portal GIGA besuchte die Sendezentrale und drehte den Spieß humorvoll um. Am 25. August folgte im Fernsehen die öffentliche Entschuldigung. Es sei nicht beabsichtigt gewesen, Gefühle zu verletzen.

Die Gegenaktionen im Netz offenbarten eine wehrhafte Gemeinschaft, viele Spieler zeigten Gesicht und machten klar, daß es sich bei ihnen mitnichten nur um sexuell frustrierte Nerds handelt. Jedoch: Moralisch empörte Rufe, wonach eine solche Satire niemals hätte gezeigt werden dürfen, da sie Gefühle verletze, machten sich als erster Reflex breit. Es waren die einstudierten Phrasen einer weinerlichen Zivilgesellschaft, die keine Kontroverse mehr kennt, sondern nur noch im Interesse eines „harmonischen Miteinanders“ (fügen Sie an dieser Stelle einen beliebigen Pressesprecher Ihrer örtlichen Moscheegemeinde/Homo-Vereinigung/CDU ein) zu handeln gedenkt.

Ich bin viele Jahre selbst in der Szene unterwegs gewesen. Killerspiele-machen-Amokläufer-Warner halte ich für weltfremd. Den RTL-Beitrag habe ich dennoch begrüßt, er war keine „Hetze“, sondern verallgemeinernd und bemüht lustig. Boykottaufrufe sind ohnehin legitim, Argumente dafür liefert der Sender im Schnitt 23 Stunden am Tag. Dennoch hat die Polemik einen wahren Kern.

Rückzug in parallele, digitale Welten

Der Bildschirmkonsum in vielen Kinderzimmern ist besorgniserregend. Statt außerhalb des geschützten Raums lebenswichtige Erfahrungen zu machen, ziehen sich Zigtausende in parallele Welten zurück, wo sie fehlende echte Erfolge durch virtuelle kompensieren. Es besteht grob ein nicht zu leugnender Zusammenhang zwischen übermäßigem Bildschirmvergnügen und einem anstößigen Auftreten und Verhalten.

Viele dieser Nerds, Geeks und Freaks haben durchaus ein elitäres Bewußtsein. Das Gespür dieser sensiblen Außenseiter gegenüber einer abgelehnten Dekadenz der Mitläufer-Masse kann sympathisch sein. Die Sehnsucht, das mehr oder weniger wahrgenommene und artikulierte Gefühl von Verzicht und Einsamkeit, umschreibt die Tragik dieser Gesellen. Selbstgerechtigkeit verhärtet nur die Fronten, hindert das Arbeiten an sich selbst. Das offene Fenster für eine wichtige Diskussion wurde vorschnell zugeschlagen.



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Ralf Kersten aus Flensburg

Sonntag, 04-09-11 00:47

Ja, und die Folgen dieser kommerziell motivierten Verdammung zur Passivität? Hier:

http://www.wdr.de/themen/global/webmedia/webtv/getwebtv.phtml?ref=70100

Einzige Lorbeere: Die "Feinmotorik" sei gestiegen, gegenüber den Eltern und Großeltern. Also die Fähigkeit, mit der rechten Hand einen "Joystick" zu bedienen bzw. SMS zu senden. Ansonsten versagen diese untrainierten Schlaffis auf der ganzen Länge, bekommen keine Rumpfbeuge, keinen Klimmzug hin, können keinen Schritt rückwärts laufen ohne umzufallen wie ein Sack Mehl. Noch keine 12 und schon vergreist, gleichzeitig "Leistungsdruck" von allen Seiten. Daraus soll sich später unser Heer rekrutieren. Kein Wunder, daß sie flüchten in Traumwelten, was wiederum schamlos ausgebeutet wird...

 

O. Hartmann aus Berlin

Donnerstag, 01-09-11 15:26

Der deutsche Volksmund sagt: getroffene Hunde bellen. Was RTL Kraft einer Sendeanstalt und dem notwendigen Budget und Stand in der Gesellschaft medial verbrechen kann, bewerkstelligen die "Macher" des angeblich lustigen Gegenvideos im Kleinen durch ihre offen zur Schau getragenen Falschheit, Bereitschaft zur Verleumdung und des vielzitierten "Schmuddeljournalismus". Von RTL kann man in der Regel nicht viel erwarten, doch war das Resümee zur "Gamescon", einer Veranstaltung für zahlungswillige Kellerkinder und verpeilte Phantasten treffend. Grobmotorisch, einseitig "gebildet", sozial verarmt, entwickeln sie sich im kritisierten Milieu, um als adulte Individuen dann bei RTL Arbeit zu finden.

 

Bernd Schmieder aus Berlin

Dienstag, 30-08-11 15:00

Nun sollte man von RTL und Co keine wertvollen Beiträge erwarten. Ich habe aber Sorge, daß diese Games eine Flucht aus der realen Welt sind. Die Jugend glaubt nicht, ihre Welt verändern zu können und die Machthaber haben diese Generation ohne Fesseln sicher weggesperrt.

 

Luftschloss K. aus Vaterland

Montag, 29-08-11 23:25

"Den RTL-Beitrag habe ich dennoch begrüßt, er war keine „Hetze“, sondern verallgemeinernd und bemüht lustig."

Es war keine Hetze, richtig aber es ist gut das Menschen sich gegen diese "saudummen" Berichte (gibt da ja wöchentlich dutzende zu zig Themen) mal zur Wehr setzten.

...so ich zog jetzt weiter Battle Isle 3 (1995)

 

D. Grenzposten aus Sachsen

Montag, 29-08-11 23:22

Schade nur, dass die CDU in einem Atemzug mit "...Pressesprecher Ihrer örtlichen Moscheegemeinde/Homo-Vereinigung..." genannt wird. Auch wenn die eigentliche CDU nur noch rudimentär ihren Idealen verbunden ist, steht sie jedoch über den vorgenannten Personen.

 

Herbert Weiß aus Stahnsdorf

Montag, 29-08-11 23:11

Wenn jemand seine Zeit nur noch mit Killerspielen totschlägt, ist ein gewisses destruktives Potential bereits vorhanden. Ansonsten macht auch hier die Dosis das Gift.

"Die Eltern müssen ihren Kindern klar machen, dass stundenlanges Fernsehen und Computerspielen Apfel­mus aus ihrem Gehirn macht. Pädagogen müssen lehren, dass man mit der Datenflut aus dem Netz kritisch umgehen muss."
Computer-Pionier Joseph Weizenbaum

 

Der Klaus aus Deutschland

Montag, 29-08-11 16:15

Das geschrei um diesen RTL Beitrag ist unnötig. Das Messemädel wirkte etwas aufgeblasen aber in dem Alter sind die heute alle so und der Rest der Sendung war auch eher albern als alles andere. Viel geschrei um nichts, da sollten die Spieler einfach drüberstehen.

 
 

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