Montag, 18.07.2011

Wir sind Kinder unserer Zeit

Wie ist das, wenn man aus heiterem Himmel heraus ein neues Leben gewinnt? Das schottische Rentner-Ehepaar, das kürzlich den Rekord-Lotto-Gewinn von umgerechnet 183 Millionen Euro erzielt hat, muß sich jedenfalls tüchtig überlegen, wie es seinen „zweiten Frühling“ halbwegs angemessen zur Geltung bringen kann.

Die Schotten gelten im Volksmund ja als sparsam. Und Geld allein macht bekanntlich auch nicht glücklich. Nicht selten sind es karrieretechnisch erfolgreiche Menschen im mittleren, angeblich „besten“ Alter, die unter der spröden Schwester des „zweiten Frühlings“, der midlife crisis, zu leiden haben. Dickes Auto, gutes Bio-Essen, Designermöbel und Urlaubsimpressionen aus den verschiedensten Regionen des Erdballs trügen oftmals nicht hinweg über das Gefühl, im Leben etwas verpasst zu haben. Eine bestimmte Erfahrung oder gar den Sinn.

Zum Ende der Klausurenphase an den Universitäten stehen erst mal drei Monate Ferien an. Reihum jubeln die Kommilitonen, man habe endlich wieder „ein Leben“. Die nächste Klausurenphase läßt auf sich warten, jetzt könne man „durchstarten“, „genießen“ und – immer wieder – „endlich leben“. 

Verlust des würdevollen Alterns

Seitdem das würdevolle Altern zugunsten der Ausrufung der „goldenen Jahre“ mehr und mehr aus dem Bewusstsein verdrängt wird, ist jeder Lebensabschnitt einer, den man unbedingt genießen muß. Strittig wird wohl immer bleiben, was angemessen ist. Reife Mamas mit Stringtanga betrunken in der Disco weniger. Der Rentner, der es noch mal auf dem Abenteuertrip mit Wildwasser-Rafting und Bungeesprung wissen möchte, ist mir zwar sympathischer. Trotzdem bleibt befremden.

Daß die Jugend, insbesondere die Studentenzeit, als „beste Zeit“ im Leben gilt, ist wohl die am weitesten verbreitete Ansicht. Man ist vital, geht die ersten wirklich selbstständigen Schritte. Die Zukunft ist ungewiss, alle Türen stehen offen, seinen Weg zu gehen und etwas aus sich zu machen. Aus diesen Stereotypen ergeben sich wieder zwei Perspektiven. Man lebt im Hier und Jetzt, oder arbeitet auf Morgen hin.

Der Wert der Jugend

Offensichtlich stellen sich die meisten Studenten ihr pures Leben auf der Liegewiese vor, wenn eine milde Brise Wind durch die Haare zieht und man das wohlige Brutzeln des Grills vernimmt. Beim Ausschlafen, Betrinken und dem sorgenfreien In-den-Tag-leben, als einzige Sorge die Öffnungszeiten vom Aldi, die man angesichts der gähnenden Leere des WG-Kühlschranks nicht verpassen darf.

Ich frage mich dagegen: Wie und woher zieht man einen ganzheitlichen Nutzen aus den schlummernden Kräften junger Menschen? Gibt es eine Hierarchie zwischen körperlicher Ertüchtigung, geistiger Selbsterziehung und der Ausbildung sozialer Kompetenzen? Ist Jugend ein Wert an sich?

Oder hat sie sich mit Recht erst mal hinten anzustellen? Wenn es nicht um das unproduktive Chillen am Badesee geht, dann darum, Pluspunkte für den eigenen Lebenslauf und damit für die künftige Karriere zu sammeln. Noch nie war die Bereitschaft so hoch, für kurze, unbezahlte und in ihrer Tätigkeit fragwürdige Praktika derart Aufwand auf sich zu nehmen.

Nostalgische Erinnerungen

Selbst ich werde nostalgisch, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, an das Bimmeln des Eiswagens, wo eine Kugel 50 Pfennige gekostet hat, niemand Internet hatte, wir den ganzen Tag draußen spielten und ich ein Frühabend-Fernsehprogramm genoss, das ich selbst meinen Kindern noch erlauben würde. Wo die Sorgen nach einmal Schlafen verflogen waren – anders die Adoleszenz, wo man seine Grenzen austestet und die ersten blauen Augen kassiert. Doch auch diese Zeit erstrahlt später in einem anderen Licht. „Die Jugend wäre eine schönere Zeit, wenn sie erst später im Leben käme“, schrieb Charlie Chaplin einem ins Stammbuch.

Immer wieder sehnt man sich entweder in die vergangene, oder in die kommende Dekade, wo man entweder sorgen- und pflichtfrei lebt, oder mehr Verantwortung und Freiheit erhofft. Man sei letztlich so alt, wie man sich fühle, heißt es nicht nur in den Prospekten derer, die in den Golden Ages eine lukrative Marktlücke gefunden haben. Fakt ist: Man ist so alt, wie man an Jahren alt ist. Wir sind immer Kinder unserer Zeit.



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Toni von Schlummerland aus und vorbei isses schon lange

Dienstag, 19-07-11 18:03

Was habe ich als Kind darum gebetet dass es auch in Deutschland bald/oder überhaupt Pommes geben wird.
Das war in den 60er wo ich mal auf den Kanalinseln war und Fish and Chips mein Leibgericht wurde, eingewickelt in Zeitungspapier zum mitnehmen.

 

Kersti Wolnow aus Irrenhaus BRD

Dienstag, 19-07-11 07:42

Man muss kein Kind seiner Zeit sein, wenn die Zeit nicht stimmt. Sie ist zu schnellebig und oberflächlich. Alles ist überall billig verfügbar und alles ist überall gleich. Mc. Donald rund um den Erdball, Massentransport, Massenabfütterung, Massenbelustigung statt individuelles Reisen in andere Länder mit unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, das gibt es nicht mehr. Man kann sich in seine Individualität zurückziehen, echte Freunde haben statt virtuelle, regionale Kost statt internationale und möglichst autark werden, mein Leben verläuft daher ruhig, wie das meiner Vorfahren, man darf eben nicht mitmachen.

 

Inländischer Exilant aus BRD

Montag, 18-07-11 17:43

"Seitdem das würdevolle Altern zugunsten der Ausrufung der „goldenen Jahre“ mehr und mehr aus dem Bewusstsein verdrängt wird, ist jeder Lebensabschnitt einer, den man unbedingt genießen muß.

Also ich weiß nicht, aber ... das 'würdevolle Altern', das es angeblich 'früher' gegeben haben soll, ist doch auch ein Klischee. Wir sind halt in einer Übergangszeit, wo alte Menschen schlicht und einfach in der Regel gesünder und leistungsfähiger sind als es ihre gleichaltrigen Vorfahren je waren. Wenn sie dann in den Bergen kraxeln oder 'Wildwasser-Rafting' praktizieren wollen ... ja mei. Wäre es besser, wenn sie zuhause hocken und sich an ihre Arthrose freuen? Es ist halt eine Übergangszeit und das Angemessene wird sich schon finden.

 

Chris Kuhn aus Schland

Montag, 18-07-11 13:42

Schöner Essay, der aucvh in mir unbeschwerte Zeiten anklingen läßt.

Der akademischen jeunesse dorée kann ich nur empfehlen in ein gutes Ausland (Schweiz, Österreich, Skandinavien, Chile, Uruguay, ja selbst Südeuropa) umzusiedeln. Fraglich bleibt, wie lange die Bildungsmitgift aus der BRD dort noch was wert sein mag. Ich bin skeptisch, wenn ich mir das Niveau anschaue, das wir den "PISA"- und Bologna-Prozessen zu verdanken haben. Dabei ist die Misere u.,a. auch darauf zurückführbar, daß z.B. die Schweiz das Fünffache pro Kopf in einen der ca. 135 000 dortigen Studienplätze investiert.

 
 

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