Sonntag, 25.07.2010 Die vergessenen Opfer
Von Martin Lichtmesz
 Wolfskinder: Von ihren Familien getrennt, kämpften viele in den Wäldern ums Überleben Montage: JF
Im Jahre 2008 gestand die belgische Schriftstellerin Misha Defonseca, daß ihr angeblich autobiographischer Bestseller „Überleben unter Wölfen“, übersetzt in 18 Sprachen und für das Kino verfilmt, eine freie Erfindung ist. Das Buch schildert die (allzu) abenteuerliche Odyssee eines jüdischen Waisenkindes im Zweiten Weltkrieg, das sich, beschützt von Wölfen, in den Wäldern vor den Nazibesatzern versteckt, die ihre Eltern deportiert haben. Defonseca erwies sich als nichtjüdische Hochstaplerin, die offenbar schwer an einem dunklen Punkt in der Familiengeschichte litt: ihr Vater hatte sich vom Widerstandskämpfer zum Kollaborateur umdrehen lassen.
Der Erfolg Defonsecas und anderer vergleichbarer Autoren wie Binjamin Wilkomirski läßt sich wohl nur durch ein kulturelles Klima erklären, in dem der Holocaust die Rolle einer großen, alles überdachenden mythischen Erzählung eingenommen hat.
Demgegenüber können die Lebensgeschichten der tatsächlichen „Wolfskinder“ des Zweiten Weltkriegs, die ostpreußischen Waisenkinder, die nach dem unvorstellbaren Horror des Krieges zu Tausenden in Litauen herumirrten und dort zum Teil eine neue Heimat und Identität fanden, kaum eine ähnliche Resonanz erwarten.
Schicksal über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten
Sie gehören zur „anderen“, verdrängten, abgeschobenen und bagatellisierten Geschichte des Krieges. Ihr Schicksal war über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, und weder im sowjetisch beherrschten Litauen, noch in der Bundesrepublik und der DDR, wo viele dieser Kinder später hingelangten, hatten sie eine Möglichkeit, eine eigene Stimme zu finden. Erst nach der Wende sollte sich dies allmählich ändern.
Bereits 1990 drehte der Schauspieler Eberhard Fechner einen zweistündigen Dokumentarfilm, und seither ist eine Vielzahl von Publikationen zu dem Thema erschienen. Es scheint, daß die emotionale Barriere, sich dieser vergessenen Opfer des Krieges zu widmen, geringer ist, als bei anderen Opfergruppen. Den Unschuldigsten und Wehrlosesten kann man schlecht vorwerfen, durch Verstrickung in den Nationalsozialismus selbst die Verantwortung für ihr Leiden zu tragen, nichts anderes als bestrafte „Täter“ zu sein.
Nicht ohne Grund war das Kapitel über die „Wolfskinder“ des TV-Dreiteilers „Kinder der Flucht“ (2006) der gelungenste und anrührendste Teil der Serie: denn hier konnte man sich erlauben, die ängstlichen Scheuklappen der Bewältigung für einen Moment herunterzufahren.
Die Geschichte der in Litauen aufgewachsenen Wolfskinder kann auch die heutigen Generationen von Deutschen lehren, was es bedeutet, nicht nur eine Heimat, sondern auch die eigene Identität aufgeben zu müssen. Der Verlust der Familie, der Sprache und des eigenen Namens konnte das Bewußtsein über die eigene Herkunft nicht restlos auslöschen.

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