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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte


Freitag, 13.04.2012

Der Nonkonformist Winfried Martini

„Von den Lemmingen, einer Art Wühlmäuse, wissen wir, daß sie sich in einem ungeklärten Todestrieb alle paar Jahre wieder massenweise ins Meer stürzen, wo sie dann kläglich versaufen. Was die Lemminge im Nordmeer, ist in Deutschland der Schriftsteller, der sich ’konservativ‘ nennt. Kaum hat der unernsthafte Schlamm sein Backpulver verschossen, da läßt der ernsthafte Winfried Martini seiner Philippika gegen die Demokratie ’Das Ende aller Sicherheit‘ (1954) eine vierhundert Seiten starke Unkerei gegen die Bundesrepublik folgen, unter dem Titel ’Freiheit auf Abruf‘“. Mit diesen launigen Sätzen beginnt die Rezension „Martini am Letzten“, die Rudolf Augstein unter dem Pseudonym Moritz Pfeil am 24. August 1960 im Spiegel veröffentlicht hat.

Martini habe durchaus eine politische Kinderstube und verfüge über schriftstellerische Manieren, doch ihm könne das Militärgerassel nicht laut, die Rüstung nicht perfekt, die Verfassung nicht autoritär und der Bundessoldat nicht hart genug sein, kritisierte Augstein (Pfeil). Der am 4. Juni 1905 in Hannover geborene und am 23. Dezember 1991 in Bad Endorf verstorbene Publizist und Rundfunkkommentator Winfried Martini dürfte heute nur noch wenigen Zeitgenossen bekannt sein. Großes Aufsehen erlangte Martini mit seinen – oben erwähnten – pessimistisch gestimmten Büchern „Das Ende aller Sicherheit. Eine Kritik des Westens“ von 1954 und „Freiheit auf Abruf. Die Lebenserwartungen der Bundesrepublik“ aus dem Jahr 1960, die zwar nicht den politischen Segen, aber zumindest die Achtung durch einen der wichtigsten linken Journalisten der Bundesrepublik erfuhren.

„Intellektueller Nonkonformist der äußersten Rechten“

Bei seiner Einschätzung der Lebenserwartung der Bundesrepublik interessierte den an Carl Schmitt geschulten Denker, ob dieses Staatswesen kämpfen könne – nicht, ob es demokratisch sei. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete Martini im Jahr 1975 anläßlich seines 70. Geburtstags als „intellektuellen Nonkonformisten der äußersten Rechten“. Diese Einschätzung ist mit Vorsicht zu genießen, denn in den 1950er und 1960er Jahren war der politische Schriftsteller, der für angesehene Blätter wie Rheinischer Merkur, Christ und Welt, Die Welt, Welt am Sonntag oder Münchner Merkur – gelegentlich sogar für den Spiegel – zur Feder griff oder für den Bayerischen Rundfunk Kommentare sprach, ein anerkannter politischer Publizist mit prononciert konservativem Profil, gewiß aber kein „rechter“ Außenseiter.

Auch sein biographischer Hintergrund läßt Vertreter der politischen Korrektheit ins Leere laufen. Seit 1933 war Martini als Journalist tätig. Während er an seiner Dissertation über das Thema „Der Arierparagraph“ schrieb, lud ihn die Jewish Agency for Palestine, damals die höchste zionistische Behörde, 1935 nach Palästina ein. Kurz vor seinem Tod sagte Martini, daß „aus der Dissertation glücklicherweise nichts wurde: Ich dürfte heute als ’Kommentator des Arierparagraphen‘ den Mund nicht aufmachen, außer ich wäre der SPD beigetreten, die als einzige Partei den lobenswerten Mut hat, ihren Mitgliedern volle Absolution von ihrer Vergangenheit zu gewähren.“

Berufsverbot in der NS-Zeit

Selbst das linke Hamburger Nachrichtenmagazin hielt Martini im Rahmen einer Besprechung von „Freiheit auf Abruf“ zugute, er habe zu Goebbels’ Zeiten Posten bevorzugt, die schon geographisch vom Berliner Propaganda-Ministerium weit entfernt lagen. In der Zeit von 1935 bis 1937 berichtete Martini für die Deutsche Allgemeine Zeitung als Nahost-Korrespondent aus Jerusalem. Ohne ein Philosemit zu sein, hatte der des Hebräischen und Jiddischen mächtige Martini schon in den zwanziger Jahren im ostjüdischen orthodoxen Milieu in Berlin verkehrt und Kontakte zu jüdischen Personen und Organisationen unterhalten.

Nach seiner Korrespondententätigkeit arbeitete Martini in der Rüstungsindustrie und im Auswärtigen Amt (1940), bevor er zwischen 1941 und 1943 über dreißig deutsche Zeitungen (Vereinigte Auslands-Pressedienste) in Stockholm vertrat. Die in seiner Berichterstattung zum Ausdruck kommende politische Gesinnung brachte ihm im Juli 1943 ein Berufsverbot ein. Im September noch zur Wehrmacht eingezogen, geriet Martini bei Kriegsende in US-amerikanische Gefangenschaft.

Freiheit als oberster Wert

In seinem Erstling „Das Ende aller Sicherheit“ hatte Martini bereits die auch heute noch gültige Frage nach der Krisenanfälligkeit der Demokratie gestellt. „Freiheit“ galt ihm als oberster Wert, während er der Demokratie nur „instrumentalen Charakter“ zubilligte. Martini artikulierte in dem brillant geschriebenen Buch seine Zweifel, ob die westliche Welt gegenüber dem kommunistischen Osten im Ernstfall genügend Selbstbehauptungswillen aufbringen würde. Sein provokativer Verweis auf das vermeintliche Vorbild des Modells Salazar führte dazu, daß seine „nur vorsichtig angedeuteten Ideen von einer beunruhigten Öffentlichkeit tief im Giftschrank verschlossen wurden“ (Hans-Peter Schwarz).

Martinis zweiter konservativer Klassiker „Freiheit auf Abruf“ plädierte für einen sogenannten „konstruktiven Pessimismus“. Der Verfasser sorgte sich darum, daß der Westen die Freiheit gegenüber dem Osten nicht offensiv verteidigen werde. Martinis durchgängige These lautet, der Osten habe eine Idee und sei offensiv eingestellt; der Westen habe viele Ideen und befinde sich in der Defensive. Es läßt sich kritisch anmerken, daß Martini die Geschlossenheit und die Kraft des Ostens überschätzt und die Ausstrahlungskraft der westlichen Demokratien und des westlich-liberalen Marktmodells unterschätzt hat. Zudem macht Martini nicht hinreichend deutlich, welches andere Modell er denn anstelle der seiner Meinung nach defizitären Demokratie favorisiert. Trotzdem ist „Freiheit auf Abruf“ das sehr anregende Buch eines Autors mit einem Hang zu autoritären Modellen (Todesstrafe, Wehrhaftigkeit, starke Exekutive, Mythen, Vitalhabitus als Stichworte), dessen Pessimismus nicht defätistisch wirken, sondern aufrütteln soll.



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