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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte
Interview, Politik

Samstag, 04.07.2009

„Verfall der Volksparteien“

Von Moritz Schwarz

Warum ist es verhängnisvoll, wenn die Union als Garant einer konservativen Familienpolitik ausfällt?

Liminski: Weil die Familie bedroht ist. Auch wenn die Zeiten der großen Ideologien vorbei sind, wirken diese doch immer noch nach. Da ist zum einen das klassische linke, also das marxistische Modell, für das Familie schlicht ein Feind ist. Denn sie ist ein autonomer Bereich, der sich dem Zugriff des Kollektivs – heute sind das Staat, Gesellschaft, Öffentlichkeit – tendenziell entzieht. Deshalb haben Marx und Engels auch immer gesagt: Fabrikation und Edukation gehören zusammen. Also ein frühes Einfordern von Krippenerziehung! Ein anderes, radikal-emanzipatorisches und an Wirtschaft und Arbeitsmarkt orientiertes  Modell betreibt die Auflösung der Familie in ihre  Bestandteile. Der Familienforscher Stefan Fuchs nennt das den „Myrdalismus“ in Anlehnung an den schwedischen Radikalfeministen Gunnar Myrdal. Hier ist auch eine Quelle zu finden, aus der sich Gender Mainstreaming nährt.

Die Auflösung der Geschlechterrollen als Angriff auf die Familie.

Liminski: Eben, Männer, die keine Väter mehr sein wollen, Frauen, die keine Mütter mehr sein sollen, und die „Befreiung“ der Kinder aus der „autoritären Familienhölle“ etc. Diese Befreiungsversprechen sind aber leere Versprechen. In Wahrheit ist etwa das „autonome Kind“ nichts als eine Wunschvorstellung der Sozialtechnokraten. Hier begegnet sich das Erbe von 1968 mit den Neokapitalisten etwa aus der OECD, die die Familie dem Erwerbsleben und dem Arbeitsmarkt unterordnen wollen. Hier begegnen sich auch Individualismus als Ideologie und Kapitalismus als Ideologie. Freiheitlich denkende Ökonomen wie etwa Friedrich August von Hayek sagen dagegen: Eine freie Gesellschaft ruht vor allem auf zwei Säulen – dem Privateigentum und der Familie. Ohne Familie keine Freiheit. Wenn die Union dies nicht erkennt und den Kampf um die Familie nicht aufnimmt, wie wollen wir dann langfristig unsere Freiheit bewahren?

In Ihrem Buch sprechen Sie gar von einem „Verrat“ an der Familie.

Liminski: Konkret auf die Politik bezogen – vor allem auf die der Union, der die Familie ja noch am ehesten am Herzen liegen sollte – meine ich damit: Wenn man nicht hält, was man verspricht, ist das Betrug. Wenn man das immer wieder tut, ist es Verrat. Es geht bei der Union immer stärker um eine Instrumentalisierung der Familie für die Arbeitsmarkt- und Erwerbspolitik. Das ist die klassische De-Familiarisierung. Beide Eltern sollen in den Arbeitsprozeß, und deshalb soll sowohl die Betreuung der Säuglinge als auch die Pflege der Alten in Staatshand gegeben werden. Dazu gehört logischerweise die Verkrippung der Kleinsten wie die Diskriminierung der Erziehungs- und Hausarbeit oder die Angriffe auf das Ehegattensplitting und die dahinterstehende Geringschätzung der Ehe. Hier findet ein Paradigmenwechsel statt, der für die Gesellschaft zerstörerisch ist.

Durchschaut man bei der Union diesen Zangenangriff aus linker Familienauflösung und neoliberaler Familienvernutzung überhaupt?

Liminski: Ich glaube, nein. Und ich vermute, das gilt auch für große Teile der anderen Parteien sowie für viele Medien. Man begreift in den meisten Führungsetagen der Parteien und Redaktionen weder die wirtschaftliche noch die freiheitliche, noch die menschliche Bedeutung der Familie. Wahrscheinlich betreiben nur wenige Ideologen ihre Zerstörung gezielt, alle übrigen beteiligen sich daran, ohne zu erkennen, was vor sich geht. Allerdings ist es vielen wohl auch einfach egal, solange nur Auflage und Wahlergebnisse stimmen.

„Eine neue christlich-konservative Denkfabrik“

Seit einiger Zeit läßt sich Familienministerin Ursula von der Leyen von einem sogenannten „Kompetenzzentrum“ in ihrem Haus unterstützen. Könnte man das von Ihnen ins Leben gerufene Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF) als Gegenentwurf dazu verstehen?

Liminski: Nein, unser Institut verfolgt das Ziel, ganz nüchtern und wissenschaftlich Zusammenhänge darzustellen, die sonst in Politik und Medien nicht aufgezeigt werden. Wir wollen aufklären. So publizieren wir etwa eine Kurzanalyse pro Woche: Gezielt also auch in kleinen Häppchen, damit jeder – und nicht nur Experten – unsere Ergebnisse kennenlernen und nachprüfen kann. Wir bedienen dabei einen ansehnlichen Verteiler, unter anderem alle Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Wer von ihnen die kurzen Analysen liest, weiß ich allerdings nicht. Was Frau von der Leyens Kompetenzzentrum angeht, will ich nur soviel sagen: Wenn es notwendig war, dieses Zentrum einzurichten, dann war zuvor offenbar keine Kompetenz vorhanden oder diese ungeordnet. So ein Zentrum birgt auch immer die Gefahr, Deutungshoheit zu beanspruchen. Das ist im Kern vielleicht sogar totalitär, wenn Ideologen es betreiben.

Wie politisch ist das IDAF?

Liminski: Sicherlich gibt es eine ethische Grundausrichtung des IDAF, aber ansonsten sind wir strikt überparteilich. Unser Ziel ist es ja, allen Politikern wissenschaftlich fundierte Fakten, Zusammenhänge und Argumente zu liefern, auf deren Grundlage eine verantwortungsbewußte Politik gemacht werden kann. In den USA würde man uns wohl einen „Think Tank“, eine Denkfabrik nennen.

Was meinen Sie mit „ethischer Grundausrichtung“ inhaltlich?

Liminski: Mein persönliches Weltbild ist eindeutig christlich, und ich glaube, daß die meisten anderen Mitglieder nicht den Kopf schütteln würden, wenn man sie fragte, ob sie christlich-konservativ seien. Aber allen geht es in erster Linie um zwei Werte, die über jedem weltanschaulichen Fragen stehen: Ehrlichkeit und Menschlichkeit. Das kommt hierzulande im Diskurs über Familie, Demographie und Gemeinwohl ständig zu kurz.

Welches Fazit soll der Wähler nun am 27. September ziehen?

Liminski: Wir machen keine Aussagen zugunsten einer Partei. Ich weiß auch nicht, was die Mitglieder des Vereins wählen. Es ist mir auch ziemlich egal. Aber jeder Wähler sollte sich nicht scheuen, seine Kandidaten und die Parteien intensiv zum Thema Familie zu befragen und dann gewissenhaft zu wählen.

Nur welche Partei? Brauchen wir eine neue konservative Partei?

Liminski: Das würde vielen Wertkonservativen wieder eine Heimat bieten. Ich bin überzeugt, daß eine neue vernünftige Partei, die zwei, drei wirklich seriöse und etablierte Köpfe vorweisen könnte, Erfolg hätte. Diese Köpfe braucht es, und es gehört auch Geld dazu. Aber das muß aus der Bürgerschaft kommen, das kann nicht die Aufgabe unseres Instituts sein.                      

Jürgen Liminski, Mitbegründer des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie (IDAF), ist Publizist sowie Moderator beim Deutschlandfunk und widmet sich besonders der Gesellschafts- und Familienpolitik. Als Fachmann und Autor schreibt er Gastbeiträge für verschiedene Zeitungen mit einer Gesamtreichweite von vier Millionen Lesern und ist immer wieder Gast in Talksendungen in Funk und Fernsehen. Zuvor war er Ressortleiter beim Rheinischen Merkur und bei der Welt. Geboren wurde Liminski 1950 in Memmingen, er ist verheiratet und hat zehn Kinder. 2007 erschien sein Buch „Die verratene Familie. Politik ohne Zukunft“ (Sankt Ulrich Verlag). Das 2005 gegründete IDAF versteht sich als Ideenfabrik und wissenschaftlicher Anwalt von Kindern und Familie im vorpolitischen Raum. Mit Veröffentlichungen, Vorträgen und Kongressen tritt es seit 2007 regelmäßig an die Öffentlichkeit.

JF 28/09



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