Montag, 30.07.2012
Wochenschau
Sonnabend, 7. Juli 2012
„Salzgitter II“: Im Streitgespräch mit dem Finanzwissenschaftler und Euro-Kläger Markus C. Kerber rechtfertigt der Politologe Eckart Stratenschulte, Leiter der Europäischen Akademie Berlin, im Deutschlandfunk die Einführung des Euro mit dem Argument, Deutschland sei mit der Mark zu stark gewesen, um von den anderen akzeptiert zu werden. Diese Äußerung ist eine Form akademischer Kapitulation – 62 Jahre nach dem 8. Mai 1945.
Freitag, 27. Juli 2012
Zum Sommerfest eines kleinen, feinen Verlages um die Ecke. Im Gespräch mit B. erklärt M., Redakteur einer Berliner Tageszeitung, unter Verweis auf meine Anwesenheit: „Vorsicht – Du weißt, daß hier die JUNGE FREIHEIT steht?!“ M. weiß jetzt, daß es B. schon lange weiß, und daß das selbstverständlich ist. Anschließend mit A. im Gespräch mit H., einem sehr reizenden ungarischen Historiker, der über den ungarischen Faschismus schreibt.
Auf seine der Selbstvergewisserung dienende Frage an uns, daß es doch allgemeiner Konsens sei, die Aufklärung und den freien Diskurs genuin bei der liberalen Linken zu verorten, schütteln wir beide augenblicklich den Kopf – es macht Spaß, seine plötzliche Fassungslosigkeit zu registrieren, gerade so, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.
Sonnabend, 28. Juli 2012
Im Deutschlandfunk – in diesem Fall mal wieder die „Desinformationen am Morgen“ – wird der angeblich erste deutsche Journalist interviewt, der nach Damaskus habe reisen können, nachdem ihm die syrische Regierung endlich ein Journalisten-Visum erteilt habe ... Tatsächlich waren vergangene Woche mit Karin Leukefeld (junge welt), Manuel Ochsenreiter (Zuerst!) und Andrea Ricci (compact) drei andere deutsche Journalisten vor Ort, um sich von der Wirklichkeit – einem von dubiosen Terroristen in die Städte getragenem Krieg – ein Bild zu machen, weil sie sich offenbar der Wahrheit verpflichtet fühlen und nicht einem staatlich gelenkten Informationsfluß, der um so absurder anmutet, wird doch gerade hier mit dem ansonsten stets verteufelten „Schlächter“ Assad kooperiert.
Es ist ein Armutszeugnis für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Deutschlands, das dereinst wohl – wenn auch nur als Fußnote – in den Geschichtsbüchern über den Arabischen Frühling auftauchen wird. Bezeichnend für diese Spezies hochbezahlter und korrumpierter deutscher „Journalisten“ ist „unser Gerd“, wie ihn der Kabarettist Christian Springer in seinem wunderbar unterhaltenden und informativen Buch „Wo geht´s hier nach Arabien?“ vorstellt.
„Eine Folge des Kniefalls“: Ausflug in die Neumark nach Küstrin zur künstlerischen Freiluft-Ausstellung „Denk-Zeichen Kostrzyn“ auf dem von gespenstischem Grün überwucherten Ruinengelände von Festung und Altstadt – der einmaligen Schädelstätte der jüngsten deutschen Geschichte, preußisches Pompeji am östlichen Oder-Ufer und einstiges Kernland Brandenburgs.
Hier, wo Kronprinz Friedrich von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. von 1730 bis 1732 inhaftiert, und sein Freund und Fluchthelfer, Hans Hermann von Katte, enthauptet worden war, begrüßt der polnische Museumsdirektor die deutschen Gäste in einer anmaßenden Selbstgerechtigkeit: Deutschland müsse dankbar sein, daß diese preußische Ruine überhaupt zugänglich gemacht werde. Das Geld hierfür könne man nämlich genausogut in polnische Schulen und Bildungseinrichtungen stecken. Lakonischer Kommentar von A.: „Ein frecher, polnischer Lügner. Erst klauen sie uns das Land, und dann wollen sie auch noch das Geld, um es zu sanieren.“
29. Juli 2012 – Sonntagsfragen
Wollt Ihr die totale Friedenswährung? Wollt Ihr die totale Euro-Rettung? Wollt Ihr Potemkinsche Euro-Dörfer? – Ich bin ratlos. Früher, zu DDR-Zeiten, war für mich im Westen die Freiheit und der reale Blick auf die Wirklichkeit. Heute gibt es keine Ausflucht. Geradezu paradox, mit Lenin nämlich, frage ich mich: Was tun? Nietzsche tröstet nicht, und doch trifft es zu: „Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“
Montag, 30. Juli 2012
Hüber wie drüber, oder: Die Täter sind über uns – die Debatte zur von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich veranlaßten Ablösung an der Spitze der Bundespolizei erinnert mich an eine skandalöse Personalie in dieser Behörde, die in der aktuellen Berichterstattung bezeichnenderweise gar keine Rolle spielt: Sven Hüber, seit Jahren Vorstandsvorsitzender des Personalrats der Bundespolizei, war Politoffizier jener Grenzeinheit, von der der letzte DDR-Flüchtling Chris Gueffroy erschossen wurde, bekanntgeworden durch die Publikation „Deutsche Gerechtigkeit“ von Roman Grafe, was Hüber seinerzeit (vertreten durch den berüchtigten Anwalt Johannes Eisenberg) hatte verbieten wollen.
Laut dem – mit zahlreichen Quellen – belegten Wikipedia-Beitrag hatte Hüber an der Offiziershochschule „Rosa Luxemburg“ der Grenztruppen in Suhl Gesellschaftswissenschaften studiert und mit einer Diplomarbeit unter dem Titel „Der Bundesgrenzschutz als Instrument imperialistischer Macht- und Herrschaftssicherung“ abgeschlossen. Heute entscheidet Hüber, der zugleich eine führende Position der Gewerkschaft der Polizei (GdP) bekleidet, mit darüber, wer in die höheren Positionen der Bundespolizei aufrückt.
„Salzgitter II“: In der Sendung „Kontrovers“ des Deutschlandfunks wieder zwei Apologeten des Euro-Verbrechens, der CDUhu und Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum und der Wirtschafts- und Finanzredakteur der Zeit, Mark Schieritz. Krichbaum verklärt die Aussagen der wissenschaftlichen Euro-Kritiker als bloßen „Professorenstreit“. Die Aussagen der Finanz- und Volkswirtschaft könnten für die Politik generell keine Ratgeber sein. Beigepflichtet wird ihm von Schieritz. Treffend die Charakteristik von dem Volkswirtschaftler Joachim Starbatty, dem zum Schluß das Wort abgeschnitten wird. Er sieht in der Wirklichkeit „eine zerstrittene Währungsunion, die versucht, das Wasser bergauf fließen zu lassen.“
Erinnerte mich gestern an die plötzlichen Reflexionen und Befürchtungen meines Vaters Anfang / Mitte der neunziger Jahre, die ich damals nicht nachzuvollziehen vermochte: „Eine einheitliche Währung – das kann doch gar nicht gutgehen. / Das vernichtet doch unser Geld. / Das ist doch vollkommen unmöglich, wie können die das denn wollen???“ Und immer wieder der fassungslose Satz: „Das kann doch gar nicht funktionieren!“ – Leider ist mein Vater nicht mehr da.
Die Etappen für der Weg zurück: Im Radio NDR Info erklärt Andreas Molau den Ausstieg aus dem Milieu des „Rechtsextremismus“, das heißt, auch den Rückzug aus der Parteiarbeit von Pro NRW. Unter dem Beitrag ist ein Foto von zwei minderjährigen Kindern zu sehen, kommentiert mit den Worten: „Schon die Jüngsten im Norden stellen sich mutig gegen Neonazis.“ Das von ihnen hochgehaltene Pappschild trägt das Motto „Nazis sind doof“. Eine hübsche, konterkarierende Anekdote ist diesbezüglich der NPD-Parteitag in Bamberg 2008, als die Stadt mit „zivilgesellschaftlichen“ Exorzismus-Ritualen die rechtsextreme Gefahr bannen wollte.
Erinnere mich, wie ich einem Zwiegespräch von Andreas Molau und Arne Schimmer beiwohnte, die sich – augenscheinlich kirchenmusikalisch gebildet – über die von der Stadt Bamberg völlig falsch zitierte und gegen den NPD-Parteitag instrumentalisierte Bach-Passage amüsierten und den richtiglautenden Choral respektive Vers repetierten sowie dessen Herkunft erläuterten. Das entspricht zwar nicht dem Bild von der NPD, aber es gehört zur Wirklichkeit.