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Donnerstag, 25.02.2010

Dynamit für die Sozialsysteme

Stolz posiert die verschleierte Fürsorgeempfängerin vor einem nagelneuen Riesen-Flachbildschirmfernseher in ihrer vom Steuerzahler finanzierten Sozialwohnung. Nein, das ist keine Illustration zur Westerwelle-induzierten deutschen Sozialstaatsdebatte: Dieses Foto entstand im zu „Greater London“ gehörenden Middlesex-Städtchen Harrow.

Die Szene wäre weiter nichts Besonderes, hätte nicht die auf dem Foto sichtlich triumphierende 34Jahre alte Somalierin Nimco Hassan Ibrahim, alleinerziehende und arbeitslose Mutter von vier minderjährigen Kindern, soeben ein Urteil mit Dammbruch-Qualität vor dem Europäischen Gerichtshof erstritten (EuGH C-310/08).

Obwohl nämlich ihr Ehemann, ein Äthiopier mit dänischer Staatsbürgerschaft, nur acht Monate in Großbritannien gearbeitet und nach Auslaufen der Sozialhilfe das Land verlassen hatte und die Frau nach britischer Rechtsauffassung selbst kein Aufenthaltsrecht im Vereinigten Königreich besitzt, muß die Gemeinde ihr nunmehr ebenfalls Fürsorge bezahlen (bisher hatte sie „nur“ Leistungen für ihre Kinder erhalten) und auf Staatskosten ein Haus zur Verfügung stellen.

Psychisch krank durch Ausweisungsdrohung?

Die übergangsweise zur Verfügung gestellte Unterkunft, hatte die Somalierin geklagt, sei zu klein für ihren fünfköpfigen Haushalt, und die ständige Ausweisungsdrohung habe sie psychisch krank gemacht. Jetzt könne sie endlich „ihr Leben genießen“, zitiert das Boulevardblatt Daily Mail die in ihrer Anspruchshaltung offenbar von keinerlei Skrupel angekränkelte Dame. Finanziert hat den Musterprozeß übrigens eine britische Wohlfahrtsorganisation.

Die Begründung der Luxemburger Richter ist blankes Dynamit für die Sozialsysteme der europäischen Nationalstaaten. „Ein Elternteil, der die elterliche Sorge für ein Kind eines Wanderarbeitnehmers wahrnimmt, das im Aufnahmemitgliedstaat seine Ausbildung fortsetzt, hat ein Recht auf Aufenthalt in diesem Staat“, argumentiert der EuGH.

Artikel 12 der Verordnung über Arbeitnehmerfreizügigkeit von 1968 regelt, daß Kinder von Unionsbürgern, die in einem anderen EU-Mitgliedstaat arbeiten, dort vollen Zugang zum Schul- und Ausbildungswesen haben müssen. Bereits 2002 hat der EuGH im „Baumbast-Urteil“ (C-413/99) entschieden, daß diese Kinder dadurch ein unabhängiges Aufenthaltsrecht erwerben, das weiterbesteht, auch wenn der Wanderarbeitnehmer den betreffenden EU-Mitgliedstaat wieder verlassen hat.

Umfassende Niederlassungsrechte und Sozialhilfeansprüche

Das jetzt ergangene „Ibrahim-Urteil“ streicht nun auch noch die Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeitsrichtlinie von 2004, die die alte Verordnung von 1968 dahingehend abgeändert hatte, daß Familienangehörige nur dann ein Niederlassungsrecht erwerben können, wenn sie Arbeitnehmer oder Studenten sind oder über ausreichende Existenzmittel und Krankenversicherungsschutz verfügen, so daß sie keine Sozialhilfeleistungen in Anspruch nehmen müssen. 

Das heißt im Klartext: Jeder, der als EU-Bürger (Eingebürgerte natürlich inklusive) einmal kurzzeitig in einem anderen EU-Staat gearbeitet hat, erwirbt dadurch in diesem Mitgliedsland umfassende Niederlassungsrechte und Sozialhilfeansprüche für seine Familie.

Britische Behörden befürchten nun, daß hunderttausende arbeitslose Ausländer, insbesondere Polen und Osteuropäer, die kurzzeitig in Großbritannien gearbeitet haben, unter Berufung auf dieses Urteil ebenfalls Sozialhilfe und Sozialunterkünfte verlangen könnten. Finanziell dürfte der britischen Regierung die seinerzeit nicht zuletzt volkspädagogisch motivierte sofortige Totalöffnung des Arbeitsmarktes für die neu beigetretenen EU-Mitgliedstaaten noch leid tun.

Profiteure der Sozialindustrie

In Berlin sollte man diesen Präzedenzfall aufmerksam studieren. Denn schon in wenigen Jahren laufen die Übergangsfristen aus, die bisher noch eine Beschränkung des Zuzugs von Arbeitnehmern aus den ost- und südosteuropäischen Beitrittsländern nach Deutschland zugelassen haben.

Das Ibrahim-Urteil demonstriert nicht nur, wie die Profiteure der Sozialindustrie zu jedem Mittel greifen und notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen, um ihre Klientel und damit ihren Einflußbereich weiter auszudehnen; es belegt auch, daß der EuGH nach wie vor jede Gelegenheit nutzt, um die Souveränität der Mitgliedstaaten systematisch auszuhöhlen.

Das Lissabon-Urteil des Bundesverfassungsgerichts hat Sozialstaatlichkeit und Sozialrecht ausdrücklich zum nicht übertragbaren nationalen Recht erklärt. Das Ibrahim-Urteil reiht sich dagegen nahtlos in die Rechtsprechungspraxis des EuGH ein, die nationale Sozialstaatsgestaltung auf dem Umweg über andere Rechtsfelder auszuhebeln und zu enteignen.

Mal sehen, ob unser großer Sozialstaatsreformer und Außenminister Guido Westerwelle auch dazu etwas zu sagen hat.

 



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Herbert Weiß aus Stahnsdorf

Freitag, 26-02-10 18:24

Zur Zeit des kalten Krieges war jeder hergelaufene Hurensohn als Herrscher willkommen, wenn er der jeweiligen Seite - Ost oder West - in den Kram passte. Als billige Rohstofflieferanten oder als Absatzmärkte für Waffen, nutzlose oder gar schädliche Pillen, sonstige Überproduktion und Wohlstandsmüll-Deponie sind die Dritte- und Vierte-Welt-Staaten immer noch gut genug. Wen wundert's, wenn so die Menschen entwurzelt werden? Andererseits wurden vor Jahren Deutsche-Welle-Mitarbeiter gerüffelt, weil sie zu realistisch über die Arbeitslosigkeit in der damaligen BRD berichteten. Mehr Optimismus bitte - so weckt man aber Begehrlichkeiten!

 

Ralf Auch aus Pforzheim

Freitag, 26-02-10 17:35

Es wird nicht mehr lange dauern, bis unsere Finanzsysteme zusammenbrechen.
So, oder so!

Wenn ich solche Meldungen lese, kann ich es gar nicht mehr erwarten, bis der Finanzcrash kommt.

Dann ist Schluss mit lustig. Dann geht es wieder ans ARBEITEN!

 

Carsten Schulz aus Mannheim

Freitag, 26-02-10 11:14

Es klingt zynisch, aber ich kann nur hoffen, dass unsere Sozialsysteme von solchen Leuten regelrecht überrannt werden. Nur dann besteht Hoffnung auf Umkehr und Besserung. Ich erinnere an die Asylthematik anfangs der 90er Jahre. Erst als Deutschland von bis zu 400.000 'Asyl'bewerbern pro Jahr geradezu überschwemmt wurde, hat man sich dazu aufgerafft, die Asylregeln zu ändern, um den vollständigen Ruin unserer Sozialsysteme zu verhindern.

 

Paul Pope aus Baden-Württemberg

Freitag, 26-02-10 08:00

Dann muss auch der anständige Durchschnittsarbeitnehmer dahinsiechen und die "soziale Gerechtigkeit" ist verwirklicht. Dadurch das Probleme nur noch in seltensten Fällen offen angesprochen, wirklich gelöst aber quasi gar nicht mehr werden kulminiert alles in einer Eruption. Also schon einmal einstudieren "Auferstanden aus Ruinen, Teil II"

 

Paul Pope aus Baden-Württemberg

Freitag, 26-02-10 07:58

Herr Ohnesorge, ich denke es ist eine Mischung aus Opportunismus und Selbstläufer, was die EU antreibt. Eine Verbesserung der Lage ist von diesem Gebilde nicht zu erwarten. Man sollte sich fast über solche Urteile freuen. Nur so können wir schneller Bankrott gehen. Erst dann ist eine Änderung möglich. Erst wenn auch die arbeitende Bevölkerung z.B. medizinisch nicht mehr versorgt werden kann, wenn Rentner mit 50 Arbeitsjahren nicht mehr würdig leben können und der Staat zahlungsunfähig ist, wird man erkennen, das es zwar schön wäre, jedem Wohlstand zu gewähren, dies aber nicht möglich ist. Ich fürchte nur dann gibt es keine wohlüberlegten Einschnitte mehr, sondern radikale Veränderungen.

 

Jörg Hildesheim aus der Eifel

Freitag, 26-02-10 01:32

Wir sollten nicht das "divide et impera" der Oligarchen mitspielen und diese Frau verdammen. Sie handelt systemimmanent und mikroökonomisch ausgesprochen klug.
Warum sollte sie Skrupel zeigen? Soll sie sich für die Hilflosigkeit ihrer Anspruchsgegner oder die Dämlichkeit von "Shelter" schämen? Der EUGH wendet doch nur (gewollt) schlampige oder unkluge aber gültige Vertragsstexte an. Die Briten werden sich die Frau und ihren Nachwuchs schon noch leisten können, angesichts der Summen, die sie dekadenten Adelsclans, korrupten Politikern oder abgefeimten Bankern, verwirrten Klerikern und Kriegstreibern willig hinterherwerfen.

 

Bernd Schmieder aus Ostberlin

Donnerstag, 25-02-10 23:13

Ja, Herr Ohnesorge, ich stehe auch mit runtergeklppter Kinnlade hier und muss zweimal lesen. Es kann nicht anders sein --> Herr Pöhlmann hat recht. Prekariat, Kanonenfutter sollen wir sein oder werden. Ich hoffe allerdings doch noch, daß wir bald wieder "Wir sind das Volk" rufen ! Zumindest der Osten hat diese Gehirnwäsche noch nicht und ist auch nicht so abhängig. Hoffe ich, also augenscheinlich auch ein Verschörungstheoretiker, jedenfalls ganz fest.

 

Kassandra Priamos aus Troya

Donnerstag, 25-02-10 19:07

Jeder, der NICHT Glaubt, daß alle Europäischen Regierungen ZUFÄLLIGERWEISE den gleichen Fehler machen, ist ein Verschörungstheoretiker!!
Bitte merken und weitersagen.

 

Dirk Pöhlmann aus .

Donnerstag, 25-02-10 18:46

Herr Ohnesorge, die etablierten Parteien in Europa haben ihre Länder in Grund und Boden gewirtschaftet. Nur diejenigen, die ganz oben bei den Fettaugen schwimmen, werden zukünftig noch ein sorgenfreies Leben führen können. Also schmeisst man die Länder in Europa zusammen, durchmischt sie untereinander und mit Ausländern, und hat dadurch eine homogene Prekariatsbevölkerung, in welcher der Einzelne nur noch seine Arbeitskraft zu Markte tragen kann, und regionale und völkische Zusammenhalte (ja selbst die Familie als sicherer Rückzugsraum und Halt gebendes Element mittels Gender) zerstört wurden.

Es gibt kein (z.B. deutsches) Volk mehr, welches mit "Wir sind das Volk" auf die Straßen geht.

 

Otto Ohnesorge aus Berlin

Donnerstag, 25-02-10 18:11

Kann mir mal jemand das Ziel dieser EU nennen? Ich meine, die können doch nicht alle doof sein, oder?
Was versprechen diese Bürokraten sich davon? Oder wollen die etwas verhindern, von dem ich noch nichts weiß?
Oder ist das ein Selbstläufer geworden, den keiner mehr stoppen kann, ohne seine Karriere zu gefährden? Dann ist das wahrlich nicht mehr aufzuhalten.
Was denkt eigentlich der normale Bürger davon? Interessiert den das überhaupt? Findet der das alles in Ordnung?

Fragen über Fragen: Was zieh ich an, was koch ich meinem Mann?

 
 

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