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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte
Literatur

Freitag, 14.10.2011

Messesplitter: Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse

 

Die JUNGE FREIHEIT finden Sie auf der Frankfurter Buchmesse in Halle 3.1, A 100 Foto: JF

 Eindrücke, Impressionen und Aufgeschnapptes von der Frankfurter Buchmesse 2011:

Mittwoch, 12. Oktober:

16.15 Uhr: In Halle 3.1 an einem verlassenen kleinen Stand (Box) fällt nur ein Buch auf, viele Dutzend im Regal platziert und mit zusätzlichen Plakaten beworben, dazwischen der Autor: an einem kleinen Tischlein, unbeachtet von den Passanten, sitzt ein vergessener Grande des deutschen Fernsehens - Ulrich Kienzle. Der linke Widerpart von Hauser scheint nur bei einem Kleinstverlag sein Buch untergebracht zu haben.

Donnerstag, 13. Oktober:

9.15 Uhr: Deutsche Sprache, Folge I: Auf dem neuen Gebäude im Innenhof der Messe prangt die Aufschrift: Frankfurt Sparks / Storydrive Media&Entertainment. Drinnen gibt es ein Storydrive-Kino. Kempowski hätte dazu wohl gefragt: Was das nun wieder soll?

9.30 Uhr: Das Neue Deutschland hat seine Titeloptik verändert. Die für das Marketing zuständige Dame erklärt am Stand warum: Zu viele unwissende Leser hätte die Zeitung (Neues DEUTSCHLAND) für ein rechtes Blatt gehalten. Deswegen jetzt „deutschland“ in Kleinschreibung und dafür groß darunter: Sozialistische Tageszeitung.

10.30 Uhr: Deutsche Sprache, Folge II: Frage eines Messebesuchers am Informationsschalter nach dem Weg in eine bestimmte Halle. – Antwort: sehr freundlich und bestimmt: Sorry, I'dont understand. Could you speak english?

14.30 Uhr: Wenn man aus Halle 3.1 die Treppe heruntergeht, um am Curry-Wurst-Stand Essen zu fassen, ist an Reiner Calmund einfach kein Vorbeikommen.

15.00 Uhr: Nein, auch wenn die FAZ in ihrer Buchmessen-Zeitung auf Seite elf behauptet, es gebe ein Jubiläumsfest der JUNGEN FREIHEIT und dazu als „die vermutlich beste Alternative“ eine Veranstaltung des Comic-Künstlers Craig Thompson empfiehlt, so stimmt das dennoch nicht. Dieter Stein und Thorsten Thaler stellen vielmehr jetzt das Buch Der Freiheit eine Gasse. 25 Jahre JUNGE FREIHEIT am Messestand der JF (Halle 3.1 A 100) vor.

16.45 Uhr: Deutsche Sprache, Folge III: Im Übergang von Halle 3 zu Halle 4 befindet sich ein weiterer der vielen Informationsschalter der Messe. Nur darf der hier nicht so heißen. Statt dessen firmiert er als Clients Lounge.

17.25 Uhr: Nein, sie schnarcht nicht, aber fest eingenickt ist die adrett gekleidete Dame an einem Stand in Halle 3 schon. Auf Ansprache jedenfalls reagiert sie nicht. Hypnos fordert seinen Tribut.

17.40 Uhr: Kurz vor Ende des Messetages wird an dem einen oder anderen Stand schon mal ein Sekt oder ein Schnäpschen verkostet. Wird man dazu eingeladen, gilt Nein-Sagen als unhöflich. Vielleicht wurden deshalb in den letzten zehn Minuten zwei JF-Redakteure erst an dem einen Stand mit einem Schnapsglas in der Hand und dann ein paar Meter weiter an einem anderen Stand mit einem Sektglas gesichtet. Wohl bekomm's.

17.55 Uhr: Mehr oder minder Prominenten aus Film, Funk und Fernsehen begegnet man auf der Buchmesse auf Schritt und Tritt. Aber keinem so häufig wie Roger Willemsen. Der Publizist ("Die Enden der Welt") und Fernsehmoderator scheint allgegenwärtig. Irgendwann kann man das Gesicht einfach nicht mehr sehen.

Freitag, 14. Oktober:

9.30 Uhr: Lesertreffen am Vorabend in der Sachsenhausener Warte: Einer der Gäste erzählt nebenbei, er habe in der Quizshow von Jörg Pilawa einen ordentlichen Batzen Geld gewonnen. Ungläubiges Staunen und die wiederholte Nachfrage, ob er einen veräppeln wolle. Nein, nein, das stimme. Zuweilen muß Mensch einfach Glück haben.

9.45 Uhr: Die JUNGE FREIHEIT als Synonym für Zeitung? Vielleicht, nimmt man einen Endfünfziger zum Maßstab, der bereits um diese Uhrzeit mit allerlei Tüten umhängt und dem auf Messen so beliebten Rollkoffer im Schlepptau durch die Gänge in Halle 4 schnürt. Am Stand der Wochenzeitung Freitag mit dem Angebot eines kostenlosen Leseexemplars konfrontiert, antwortete er ablehnend in tiefster schwäbischer Mundart: "Doange, noi. Henn i scho, ...die Junge Freiheit."

11.00 Uhr: Am Stand der FAZ befragt Lorenz Jäger den Schriftsteller Martin Mosebach zu dessem neuen Buch „Als das Reisen noch geholfen hat“. Noch vor zehn Tagen hätte man von einer Begegnung zweier Intellektueller konservativen Zuschnitts auf Augenhöhe gesprochen. Nach dem FAZ-Feuilletonaufsatz von Jäger in der vergangenen Woche, mit dem er publikumswirksam von den deutschen Konservativen Abschied nimmt, ist man sich da nicht mehr so sicher. Männer des Wortes sind beide noch, Mosebach und Jäger, nur will der eben eine nicht mehr als Konservativer gelten.

12.00 Uhr: Riesenandrang am Messestand der FAZ. Frank Schirrmacher spricht mit der Altfeministin Alice Schwarzer über deren Biographie. Schirrmacher lobt das Buch über den grünen Klee; es sei „Standard, wie wir unsere Gesellschaft verstehen”. Ein Lob, das sicher mehr über das Denken des FAZ-Mitherausgebers aussagt als über das Buch.

12.30 Uhr: Charlotte Roche, umstrittene Bestsellerautorin („Schoßgebete”), spricht über ihr Buch, umringt von einer großen Menschentraube. Zwei Männer mittleren Alters drängeln sich vorbei, bleiben kurz stehen, versuchen über die Köpfe der Menge hinweg zu sehen, wer da spricht. „Ach, das ist doch die Roche”, sagt der eine. „Komm weiter”, erwidert der andere, „die sollte lieber mal 'nen Strip hinlegen.”

13.00 Uhr: Dialog auf dem Blauen Sofa des ZDF. Frage an Umberto Eco: ”Political Correctness ist doch der Feind der Literatur?” Der italienische Schriftsteller stimmt zu und sagt: „Sonst hätte Victor Hugo seinen ‘Glöckner von Notre Dame’ nicht schreiben können, denn man darf ja nicht so über Behinderte schreiben.”

17.45 Uhr: Das abendliche Schauspiel am Himmel über Frankfurt, beobachtet von der Terrasse vor Halle 3, ist jedes Mal erneut faszinerend. Ein strahlend heller, zartblauer Himmel, durchzogen von breitflächigen Wolkenfeldern, Flugzeuge, die darin ein- und wieder auftauchen, manchmal drei, vier gleichzeitig auf scheinbar engstem Raum, kreuz und quer in verschiedene Richtungen unterwegs, Linienmaschinen und Sportflugzeuge, die eigenen Gedanken fliegen mit, nur fort von hier, weit in die Ferne, zu entlegenden Gestaden, neuen Geisteshorizonten.

19.30 Uhr: Gemeinschaftliches Autorentreffen der Verlage Junge Freiheit, Leopold Stocker/Ares, Edition Antaios und Karolinger in einem Lokal im Stadtteil Bornheim.

Samstag, 15. Oktober:

9.00 Uhr: Kaum hat man die Messehallen betreten, widerfährt einem schon die erste Begegnung der etwas anderen Art. Auf der Rolltreppe abwärts kommt, kein Scherz: Jesus. Der Mann mittleren Alters trägt ein Gewand und natürlich ein großes Holzkreuz. Am Ende der Rolltreppe verteilen junge Frauen eine Messezeitung. Der Mann schüttelt leicht den Kopf in ihre Richtung, lacht und sagt: „Danke ich bin schon schwer beladen.”

11.00 Uhr: Fasching im Oktober: Immer mehr Schüler durchstreifen die Hallen und flanieren über den Innenhof der Messe, gekleidet in die aberwitzigsten Fantasy- und Comic-Kostüme, mit grellen, quitschbunten neonfabenen Perücken. Motto: Schrill, Schriller, am Schrillsten.

11.00 Uhr: Reges Interesse ruft das Gespräch am JF-Messestand zwischen Felix Krautkrämer und dem Geschäftsführer des Instituts für Staatspolitik (IfS), Erik Lehnert, zum Thema Frauen in der Bundeswehr hervor.

12.30 Uhr: An den Zugängen zu den Hallen und ganz besonders an den Rolltreppen herrscht das größte Gedränge. Bisweilen geht dort gar nichts mehr. Auf der Ebene zwischen den Hallen 3.0 und 3.1 verschärft sich das Problem durch die Versorgung eines Verletzten. Der auf dem Boden liegende Mann hat eine blutende Kopfwunde, möglicherweise ist er gestürzt. Zwei Sanitäter kümmern sich um ihn, bandagieren seinen Kopf. Und was tun die Leute? Bleiben stehen und gaffen, gaffen, gaffen. Widerlich.

16.00 Uhr: Gespräch am Stand der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur e.V. (DVCK) in Halle 3.1 über Pornographie, Gewaltverherrlichung und Blasphemie in den Medien. Gegen diese Tendenzen wendet sich seit 1993 die Aktion „Kinder in Gefahr” des DVCK, die von Mathias von Gersdorff geleitet wird. Jetzt hat der Autor eine neue Schrift verfaßt: „Sexualisierung der Kindheit. Wie Kinder durch Politik, Pop-Kultur, Werbung und Medien manipuliert werden”. Eine Gefahr, vor der gar nicht genug gewarnt werden kann.

17.00 Uhr: „Auf Wiedersehen!” – Reaktion des Historikers Heinrich-August Winkler („Der lange Weg nach Westen”) auf die Ansprache eines JF-Redakteurs.

19.30 Uhr: Traditionelles Abendessen im Kellergewölbe eines Lokals im Frankfurter Stadtteil Ginheim. Die Fleischberge der dortigen „Balkan-Platte” erfüllen die sechste Todsünde: Völlerei.

Sonntag, 16. Oktober:

11.00 Uhr: Götz Kubitschek und Michael Paulwitz sprechen am JF-Messestand über ihr in der Edition Antaios erschienenes Buch „Deutsche Opfer – Fremde Täter. Ausländergewalt in Deutschland”.

13.30 Uhr: Um die Mittagszeit bilden sich an praktisch allen Freßständen in den Hallen und im Innenhof der Messe lange Warteschlangen. Die Phantasiepreise scheinen niemanden abzuschrecken. Ein Schinkenbaguette kostet 4 Euro, eine belegte Laugenstange ebenfalls 4 Euro, für eine Tüte Fish und Chips muß man 5 Euro berappen, für eine Currywurst mit Pommes Frites sogar 6 Euro. Mit anderen Worten: einfach unverschämt.

 

 



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