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JUNGE FREIHEIT - Wochenzeitung für Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissen und Debatte


Montag, 24.10.2011

Ein Land, dem die Normalität fehlt

Deutschland ist häßlich und schön, arm und wohlhabend, stolz und schuldstolz, rückständig und Elite, verschlafen und allen voraus, „Frauentausch“ und Nobelpreis, Hartz IV und „made in Germany“. Es ist ein Land, dem Normalität fehlt. Mit einem Volk, das sich kaum als solches empfindet, sein Dasein nicht erklären, seine Gemeinschaft nicht definieren und seinen Willen nicht artikulieren kann. Gerade bei politisch desinteressierten Menschen erfahre ich oft, daß mit dem Selbstverständlichen etwas nicht stimmt.

Erstmalig habe ich vor einiger Zeit mit einem alten Schulfreund, gebürtiger Thüringer, über politische Dinge gesprochen. Ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema gekommen sind, spürte aber regelrecht, wie der Damm einen Riß bekam und unaufhaltbar herausströmte, was sich angestaut hat. Ich bin wahrlich kein Gutmensch, doch bei seinen teils authentischen, teils unqualifizierten Aussagen über Ausländer und Migrantengewalt mußte ich ihn wirklich bremsen.

„Du sprichst ja hervorragendes Deutsch“

Bemerkenswert war nicht, daß einer unpolitischen Person mal der Kragen platzt und sie hinter verschlossener Tür Dampf abläßt. Interessant fand ich sein späteres Bekenntnis, Wähler der Linkspartei zu sein. Jawohl! Ich wies ihn auf den kleinen Widerspruch hin, doch sein Ausfluß war auch diesmal unaufhaltsam. Die ehemalige PDS/SED zu wählen schien konstitutiv für seine Ossi-Identität zu sein, auf die er sich berief und stolz ist.

Während ich hier sitze und nach Worten für stilistisch akzeptable Sätze suche, kommt mir ein interessantes Kompliment in den Sinn, das ich letzte Woche bekommen habe. „Du sprichst ja hervorragendes Deutsch“, lobte mich der Arbeitskollege eines Freundes beim Kölsch. Der Germanistikstudent entgegnete, Deutsch sei seine Muttersprache. „Im Jahr 2011 sind nicht mehr alle Deutschen blond und blauäugig“, zwinkerte ich ihm zu. Der Kollege wähnte sich ertappt, er erklärte nun etwas kleinlaut, es habe für Sprachkenntnis und Integration kaum noch etwas zu bedeuten, hier geboren zu sein. Ich pflichtete ihm bei, damit er sich wieder einkriegt.

Bei bestimmten Themen hat man den Deutschen nicht beigebracht, wie sie sich angemessen zu verhalten haben. Integrationswerbespots von DFB, Bundesliga-Stiftung und Bundesregierung, oder PR-Kampagnen, die uns zum 50. Geburtstag des Anwerbeabkommens mit der Türkei nichts als „teşekkür ediyor“ sagen können, widersprechen so sehr alltäglichen Erfahrungen, daß einfache Leute auf stumm schalten. Unpolitische Menschen wollen ihre Ruhe. Und weil es der deutschen Mentalität nicht entspricht, zu explodieren, implodieren sie manchmal.

„Ich bin halt komisch, ich weiß“

Ein solcher Kurzschluß hinterläßt hilflose Gestalten und absurde Erzeugnisse. „Wir bräuchten mal wieder so einen kleinen Hitler“, entfuhr es einem absolut unpolitischen Freund, als es um unsere, für unfähig befundene, Politiker ging. Keine zwei Sekunden später bereute er seinen Satz aufs Tiefste und ruderte so weit zurück, daß er in der Nachbarschaft von Trotzki und Lenin landete. In einer Diskothek in Frankfurt lernte ich zwei Städtetouristinnen aus der bayerischen Provinz kennen, die mir nicht erklären konnten, warum es ihnen in der Main-Metropole nicht gefiel.

Ohne Boshaftigkeit und agitatorischer Absicht entfuhr es einer ausgerechnet: „Hier gibt es ja fast nur Ausländer.“ Eine Bekannte konnte mir keine Antwort auf ihre nach langem Ringen gewürgte Aussage geben, daß für sie zum Heiraten nur ein „Arier“ in Frage käme. Keine Rassistin, wirklich nicht! Sie konnte mir aber einfach nicht erklären, warum. „Ich bin halt komisch, ich weiß.“ Thorsten Hinz findet in seinem Buch Die „Psychologie der Niederlage“ jene Worte über „unaufhebbare Eigenrechte“ (…), die keiner Begründung bedürfen“, die meinen unwissenden Zeitgenossen und Mitdeutschen fehlen. „Sprechen die Deutsch?“, fragte vor vielen Jahren eine Museumskraft meine deutscher aussehende Großtante über meinen schwarzköpfigen Bruder und mich. Ist solche Tölpelhaftigkeit nicht fast schon ebenso liebenswert wie dämlich?



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