Sonntag, 21.02.2010 Weder ein Volk noch eine Sprache
Von Alain de Benoist
Sarkozys Manöver ist auf ganzer Linie gescheitert. Die linke Opposition ist keinen Deut von ihren Positionen abgewichen. Die Presse, die die Debatte zunächst wohlwollend verfolgt hat, macht aus ihrer Enttäuschung kein Geheimnis. Der Front National, den man eigentlich schwächen wollte, geht eher gestärkt aus den Erfahrungen der vergangenen Monate hervor. Einen deutlicheren Beweis ihrer Unfähigkeit, den Begriff der nationalen Identität mit irgendeinem substantiellen Gehalt zu füllen, hätte die bürgerliche Regierung kaum liefern können.
Der zuständige Einwanderungsminister Eric Besson, in Marokko geborener Sohn eines Franzosen und einer Libanesin und bis 2007 Mitglied der Sozialistischen Partei, äußerte sich am 5. Januar folgendermaßen: „Frankreich ist weder ein Volk noch eine Sprache, noch ein Gebiet, noch eine Religion. Es ist ein Sammelsurium von Völkern, die zusammenleben wollen. Es gibt keine angestammten Franzosen, sondern es gibt Frankreich nur als Gemisch aus Menschen unterschiedlicher Herkunft.“ Befremdliche Worte, die nicht zuletzt der Staatsverfassung widersprechen, deren erster Satz sie ausdrücklich auf das „französische Volk“ bezieht (und die die Justiz darauf verpflichtet, „im Namen des französischen Volkes“ zu handeln).
„Mich persönlich läßt das alles kalt.“
Sarkozy wiederum, der jüngst erklärte, er sei zum Präsidenten gewählt worden, „um die französische nationale Identität zu verteidigen“, schrieb 2006: „Ich glaube, daß die Franzosen sich ein neues Frankreich wünschen (...) Ein Frankreich, in dem der Begriff ‘angestammter Franzose’ nicht mehr existiert.“
Schon 1999 gestand er seinem alten politischen Rivalen Philippe de Villiers, der heute für Libertas im Europaparlament sitzt: „Du hast Glück, Philippe, daß du Frankreich liebst, seine Geschichte, seine Landschaften. Mich persönlich läßt das alles kalt. Ich interessiere mich nur für die Zukunft.“
Wenn das einzige Fazit aus der Debatte lautet, daß Frankreich „weder ein Volk noch eine Sprache, noch ein Gebiet, noch eine Religion“ ist – was ist es dann? Ein Übergangsort? Eine anonyme Gesellschaft? Ein Supermarkt? Das Frankreich der Zukunft wird, so hat es derzeit den Anschein, aussehen wie Brasilien.
JF 8/10
Alain de Benoist, französischer Philosoph und Publizist, ist Herausgeber der Zeitschriften „Nouvelle École“ und „Krisis“.

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