Samstag, 30.06.2012
Das Ende vom Lied
Einigkeit und Recht und Freiheit: Nicht alle deutschen Staatsbürger sind bereit, sich zu unseren nationalen Werten zu bekennen. Deutlich sichtbar wurde das bei dieser Fußball-Europameisterschaft. Mehrere Nationalspieler verweigerten das Mitsingen der Nationalhymne. „Einigkeit? Nein danke!“ lautete die unausgesprochene Botschaft der „Migrahigrus“ (Migrationshintergründler) um Özil, Khedira, Boateng und Podolski.
Man mag viel darüber fachsimpeln, warum die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale gegen Italien ausgeschieden ist: warum Joachim Löw, der zuvor scheinbar alles richtig gemacht hatte, sich ausgerechnet bei diesem Spiel mit der Aufstellung verzockte; warum der angeschlagene Schweinsteiger mitspielte, obwohl er aufgrund seiner Verletzung nur ein Schatten seiner selbst war; warum Klose, der als Spieler von Lazio Rom die Italiener wie kein anderer kennt, nicht von Anfang an spielte, sondern der weniger umtriebige Gomez; warum der überschätzte Özil nicht „explodierte“, wie Löw zuvor versprochen hatte; warum er auf Podolski setzte, der seit der Weltmeisterschaft 2006 nicht mehr viel gerissen hat.
Ein Riß trennt „Staatsdeutsche“ und „Volksdeutsche“
Das alles wird aber in einem Jahr vergessen sein. Doch etwas anderes werde ich ganz gewiß noch lange in Erinnerung behalten: nämlich die demonstrative Mißachtung der Nationalhymne durch einzelne Spieler. Nirgendwo wurde der Riß, der durch die Mannschaft, ja durch ganz Deutschland geht, deutlicher. Auf der einen Seite die „Staatsdeutschen“, die stumm bleiben, weil sie sich offenkundig nur durch ihren Paß an Deutschland gebunden sehen; auf der anderen Seite die „Volksdeutschen“, die singen. Deutscher ist man jedoch nicht nur durch einen Paß, sondern auch durch ein Bekenntnis. Dieses Bekenntnis verweigerte ein Teil der Spieler, während Millionen zusahen, Angestammte wie Einwanderer. Das Integrationssignal an die Einwanderer blieb aus.
Für den ehemaligen deutschen Juniorennationalspieler Martin Hyun, Sohn koreanischer Eltern, ist der Fall klar. Schuld seien die angestammten Deutschen. Die deutsche Gesellschaft identifiziere sich zu wenig mit den Einwanderern, erklärte Hyun im Deutschlandradio. Daher sängen die Özils und Boatengs in diesem feierlichen Augenblick nicht mit.
Aufruf zu Respekt geht ins Leere
Indessen mußte der kleine Lahm vor dem Spiel gegen Italien einen vorformulierten Text aufsagen, in dem er artig zu „Respekt“ aufrief. Wie glaubwürdig ist eine solche Aufforderung, wenn einige Spieler nicht einmal in der Lage sind, der eigenen Nationalhymne Respekt entgegenzubringen? Zum genauen Inhalt der lahmen Rede kann ich übrigens nichts sagen, weil ich völlig respektlos die Zeit nutzte, mir ein gutes fränkisches Bier zu holen.
Die deutsche Nationalelf hat hervorragende Einzelspieler, aber keine Mannschaft. Wenn eine Mannschaft nur durch Erfolgsstreben zusammengehalten wird, dann wird es heikel, wenn der Druck steigt und der Erfolg auf sich warten läßt. Solche Situationen gibt es vor allem in Turnieren. Früher galt die Nationalmannschaft als Turniermannschaft, die sich von Spiel zu Spiel steigerte. Heute ist das nicht mehr so, denn es fehlt der Mannschaftsgeist. Dieser Geist ist unserem ganzen deutschen Land abhanden gekommen.
Europameister der Selbstverleugnung
Was ist das denn für ein Land, in dem der Bundesinnenminister die Anhänger der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auffordert, in der Ukraine bloß nicht „Sieg“ zu rufen? In dem der Löw-Gehilfe Hansi Flick um Entschuldigung bitten muß, weil er in Danzig das Wort „Stahlhelm“ in den Mund genommen hat? In dem die Gewerkschaft „ver.di“ Spielpläne verteilt, in denen alle Länder auf deutsch bezeichnet werden – bis auf Deutschland, das „Germany“ heißt? Ein Land, in dem pubertierende Politgrüne zur Europameisterschaft Aufkleber verteilen, auf denen „Patriotismus? Nein danke!“ steht?
Ein Land, in dem in der Halbzeitpause der deutsch-italienische Nachrichtensprecher Ingo Antonio Zamperoni im Ersten Deutschen Fernsehen seine innere Zerrissenheit beklagt, aber beim Stand von 2:0 für Italien grinsend die Zuschauer provoziert, indem er auf italienisch feixt: „Che vinca il migliore“ („Möge der Bessere gewinnen“)? In welchem anderen Land ereignet sich ein vergleichbarer Unfug? So gesehen, konnte Deutschland zwar Europameister werden, aber nur in einer Disziplin: in der Verleugnung alles Eigenen und in der Zelebrierung des Trennenden.
Wie Integration geht, zeigt uns ausgerechnet die italienische Mannschaft. Seien es Mario Balotelli, Sohn ghanaischer Einwanderer, oder der Deutschitaliener Riccardo Montolivo: Ihre Abstammung spielte keine Rolle, sie sind fest in die Squadra Azzurra integriert, und selbstverständlich bekennen sie sich zu Italien und singen die italienische Nationalhymne mit. Die Italiener überzeugten durch Einigkeit und Selbstbewußtsein. Deswegen drücke ich ihnen für das Endspiel ganz fest die Daumen.