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Gesellschaft

Samstag, 06.03.2010

In Datengewittern

Von Michael Paulwitz

Gewitter: anschwellende Informationsströme Foto: Pixelio/Frank Güllmeister

Das Internet ist heute unser Leben.“ Die Politiker, die zur Eröffnung der Cebit in Hannover aufgaloppiert waren, haben wohl kaum die Tragweite dessen begriffen, was Bitkom-Verbandspräsident August-Wilhelm Scheer ihnen da ins Stammbuch geschrieben hat. Die Leitmesse der Branche mag in der Krise stecken, doch die digitale Revolution geht weiter – und sie wird nicht nur unser Alltagsleben, sondern auch Wirtschaft, Gesellschaft und Staat weitaus grundstürzender verändern, als wir es uns heute vorstellen.

Medien und Kommunikation haben die „vernetzten Welten“, denen die Cebit diesmal ihren Schwerpunkt widmet, bereits signifikant revolutioniert. Mit Rechner, Text- und Gestaltungsprogramm kann jeder mit erschwinglichem Aufwand zum Verleger werden, dank Internet-Anschluß steht es jedem frei, sich als Kommentator oder Berichterstatter in eigener Sache zu betätigen, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen oder spontan Anhänger für ein gemeinsames Anliegen zu mobilisieren. Die Aufbrechung der lange allein vorherrschenden frontalen Sender/Empfänger-Kommunikationshierarchien hat die Informations- und Meinungsfreiheit in einem Maße demokratisiert wie zuletzt ein halbes Jahrtausend zuvor die Erfindung des Buchdrucks.

Information, jederzeit und dank mobiler Geräte zunehmend auch überall verfügbar, stellt neue Herausforderungen an den Umgang mit dieser Ressource. Die Quantität hat zugenommen und wächst rapide weiter an, nicht aber zwingend auch die Qualität. Die Notwendigkeit, die Informationsflut zu filtern und dem eigenen Denken Freiräume von allgegenwärtiger Dauerablenkung zu verschaffen, führt nicht nur bei FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu einem Gefühl der Überforderung, dem er in seinem Buch-Essay „Payback“ Ausdruck verliehen hat.

Massendemobilisierung manueller Arbeitskraft

Kritiker haben Schirrmacher entgegengehalten, er fühle sich von den neuen digitalen Lebenswelten überfordert, weil er über sie aus der Distanz des Außenstehenden urteile und nicht selbstverständlich in ihnen lebe. Damit bestätigen sie indirekt die gern geleugnete Gefahr einer „digitalen Spaltung“ der Gesellschaft. Wer sich den interaktiven Kommunikationsformen der digitalen Medien und Netzwerke verweigert oder mit ihnen nicht mehr mitkommt, wird von gesellschaftlicher Teilhabe zunehmend abgehängt und ausgesperrt.

Das gilt auch für die Arbeitswelt. Wie die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts verändert die digitale Revolution unser Denken und unsere Lebensweise. Sie konzentriert die Wertschöpfung auf immer weniger Personen, an deren Qualifikation immer komplexere Ansprüche gestellt werden. Wer heute ein Auto reparieren will, muß rechnergesteuerte Maschinen und elektronische Diagnosesysteme bedienen können. Für den handwerklich begabten funktionalen Analphabeten wird die Luft dünn.

Ein Kennzeichen der industriellen Revolution war die massenhafte Mobilisierung und Formierung des Arbeiters, begleitet von Klassenspaltungen, die in den blutigen totalitären Experimenten des 20. Jahrhunderts mündeten. Die digitale Revolution ist begleitet von der Massendemobilisierung manueller Arbeitskraft und der neuen Spaltung der Gesellschaft in eine gut ausgebildete, international vernetzte und konkurrierende Informationselite und einen stetig anwachsenden Rest, der für die Wertschöpfung nicht mehr benötigt wird und auf Fürsorgeleistungen angewiesen ist. >>



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Ralf Kersten aus Flensburg

Dienstag, 09-03-10 00:44

@ Hans Holt & Carsten Schulz

Danke für Ihre Zustimung. Das Beispiel mit dem gezogegen Stecker ist sehr zutreffend und veranschaulicht, wie sehr wir von elektronischen Dosenfutter aus der Konserve leben.

@ MB. Casonue

Ich bin auch prinzipiell kein "Fortschrittsfeind" (das ist ja immer die Holzhammerkritik, die dann sofort aufschreit!). Dort, wo der Fortschritt nötig und sinnvoll ist (z.B. in der Medinzin-, Ernährungs-, Mobilitäts- und Sicherheitstechnik), dort soll er ja auch unbedingt Einzug halten! Ich wollte ja nur sagen, wie sehr wir selbst in der Gefahr sind, allem, was sich nur den Anschein von Fortschrittlichkeit verleiht, auf den Leim zu gehen, denn das war Thema. Kritiklose Hinnahme und Befürwortung sind gängiger Zeitgeist.

 

Carsten Schulz aus Mannheim

Montag, 08-03-10 10:38

@Hans Holt und Ralf Kersten,
das ist zwar alles richtig. Aber sollte jemand den 'großen Stecker' ziehen, dann reduzierte sich unsere Kommunikation wieder auf die lokale Dorfgemeinschaft. Eine Einladung an autoritäre Regime jeder Art, die Meinung nach Belieben manipulieren. Von anderen negativen Auswirkungen eines technologielosen Umfeldes ganz zu schweigen.
Übrigens gäbe es dann Foren wie dieses auch nicht mehr. Das Internet birgt zwar viele gefährliche Versuchungen in sich, aber es hat eben auch sehr demokratische Aspekte, erlaubt Teilnahme, wo es früher unmöglich war.
Es ist eben wie mit jeder neuen Technologie: es kommt auf ihre Nutzung an, also auf das Verhalten der Nutzer. Und da gibt es eben 'Solche und Solche' - wie immer im Leben.

 

Hans Holt aus Berlin

Sonntag, 07-03-10 14:13

@ Ralf Kersten aus Flensburg: "Ich, der jahrelang begeistert im Wohstandsmüll versank, links wählte und laut von "Frauenbefreiung" fabulierte, merkte gar nicht, wie sehr ich selbst Teil dieses neumodischen Irrsinns geworden war!" Diese Aussage macht Sie symphatisch, weil Sie offensichtlich lernfähig waren. Ihre Analyse ist meiner Meinung nach zutreffend. Stellen Sie sich einmal vor: Jemand zieht den großen Stecker! Ohne Strom ist die ganze moderne Technik nur Müll. Nichts läuft mehr, keiner weiß, was im nächsten Dorf geschieht und alle langweilen sich grausam. Die uns bekannte Zivilisation wird zusammenbrechen, weil niemand mehr in der Lage ist, auf normalen - nichtdigitalem - Weg zu überleben. Eigentlich eine schöne Idee für die Umwelt.

 

MB. Casonue aus Mbcasonue

Sonntag, 07-03-10 12:46


@Ralf Kersten aus Flensburg

Wahrscheinlich hat auch die Großmutter der Großmutter ähnliches zu Ihre Enkelin gesagt.
Wer kann den Fortschritt verhindern?
Wer will das?
Ist Fortschritt immer schlecht? immer gut?
Lass uns der Gefahr in`s MegaByte schauen!
Es sind immer welche "auf der Strecke" geblieben.

 

Ralf Kersten aus Flensburg

Sonntag, 07-03-10 02:35

Nur hat die Oma eben noch feierlich an der eigenen Kultur teilgenommen (wenn auch nur durch solche in pseudoamerikan. "Kultur" eingetunkte Krimiserien wie "Stahlnetz" etc., aber immerhin!).

Manchmal erinnere ich die Worte meiner verstorbenen Großmutter: "Feminmismus, AIDS, Terroranschläge, Katastrophen, Internet ... nein nein: Ich bin froh, daß ich das alles nicht mehr erleben muß und noch ein bißchen Natur kennenlernte! Wir hatten es nicht einfach, aber eure Zeit macht mir Angst!"

Mittlerweile ahne ich leise, was sie gemeint haben könnte. Ich, der jahrelang begeistert im Wohstandsmüll versank, links wählte und laut von "Frauenbefreiung" fabulierte, merkte gar nicht, wie sehr ich selbst Teil dieses neumodischen Irrsinns geworden war!

 

Ralf Kersten aus Flensburg

Sonntag, 07-03-10 02:20

Das haben wir nun davon, daß wir uns nach dem Krieg so willfährig dem Kultursammelsurium einer amerikan. Nichtidentität an den Hals warfen, die alles schon immer Jahre im Voraus über ihre gewaltsamen und entseelten Filmproduktionen vorführt, was uns an neuen memschl. "Errungenschaften" so erwartet. Eine entkernte, zusammenhanglose Masse wie die EU-Staatsgebilde sind die perfekte Manipulationsmasse für die im Silicon Valley angekurbelte mediale Massenverblödung per Tele-Superschirm: zurechtgeschnitten auf den identitätslosen "europ. Kunden" (nun unterscheidet uns endlich nichts mehr!). Diese Dinge haben sich "unentbehrlich" gemacht. Was für die Opa noch die Glotze, ist für den "Teen" der Laptop.

 

Ralf Kersten aus Flensburg

Sonntag, 07-03-10 02:09

Und so bedingt sich das stille Kämmerlein und das Teilhabenwollen (und -müssen!) auf verquickte, verquere, perserve, nahezu unauflösl. Weise. Es ist schon was dran, wenn Kulturpessimisten voraussagen, daß einestages die Menschen mit dem Strichcode auf der Stirn gekennz. werden. Diese Dinge haben sich fast unmerklich in unser aller Leben geschlichen u. fangen an, uns zu tyrannisieren und unser Handeln + Denken zu bestimmen (Stichwort: Einschalt-Quoten). Konservatismus jdf. muß immer auch eine deutl. krit. Position gegenüber jedem Fortschrittswahn einnehmen. Ich glaube, eine '89er Revolution hätte es qua Internet nicht gegeben. Die Menschen auf die Straßen zu treiben, das konnte nur das Fernsehen vollbringen! Man mußte definitiv AKTIV werden!

 

Ralf Kersten aus Flensburg

Sonntag, 07-03-10 01:58

Aber wer ist dazu schon in der Lage!? Und vor allem: Wer will schon ein "Outsider" und gesellschaftl. Verlierer sein? Selbst "im stillen Kämerlein" will man noch teilhaben ("stille Teilhabe" szs.).

Und daß man das kann, suggeriert ja immerhin dieses vorgebl. Hexen-Medium. Wie groß dann diese Einflußnahme ist, bemißt sich immer in Relation: Wenn Jeder im Netz eine Mio. Zeilen zur Verfügung hat, macht sich kaum mehr ein anderer die Mühe, auch nur eine dieser Zeilen zu lesen! Netz = Inflationärcharakter (Kopieren & Kopiertwerden = Vervielfachung).

Nur sind und bleiben wir Menschen eben Einzelwesen, szs. bisher "kopiergeschützt" (Cloning ausgenommen, aber das kommt noch, geht Hand in Hand). Aber dennoch: Die Illusion ist (nahezu) perfekt!

 

Ralf Kersten aus Flensburg

Sonntag, 07-03-10 01:34

Jawoll: Digital vernetzter Globalismus und nationale Frage - da beißt sich was! Aber was soll man machen: dem Rechner jetzt die Burka umhängen, damit Homo Ökonomicus von Ablenkung und Zerstreuung aller Art nicht mehr gar so verführbar sei? (Zu spät!)

Immerhin glänzend analysierter, "zukunftsweisender" Artikel, der ganz klar herausgestellt: Der wesensverändernde, manipulative Feind ist heute ganz woanders zu suchen als bei "Straßenkämpfen mit linksextrem. Randalierern". Aber das werden auch noch andere Nationen & Völker kapieren, wenn die erste Google-Mania abgeklungen ist und sich Ernüchterung + Zersetzung einstellt. Da hilft eigentlich nur eines: Die Kiste aus dem Fenster schmeißen und sagen: "Wieviel Zeit hast du mir im Leben geraubt!

 
 

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