Dienstag, 10.02.2009 War der Bombenkrieg ein Kriegsverbrechen? Der Jurist Björn Schumacher legt ein wegweisendes Buch vor
„Warum nicht ein Tribunal von Dresden?"
Von: Moritz Schwarz
Herr Dr. Schumacher, der führende deutsche Fachmann auf dem Gebiet der Luftkriegsforschung, der Historiker Horst Boog, lobt Ihr neues Buch „Die Zerstörung der deutschen Städte im Luftkrieg“ in dieser Zeitung (siehe Rezension Seite 20) als „mutig“ und stellt fest, daß es „den Bombenkrieg gegen Deutschland erstmals einer umfassenden völkerrechtlichen Sicht unterwirft“. Eine erstaunlicher Erfolg, denn von Haus aus sind Sie kein Völkerrechtler.
Schumacher: Als ich mit meinen Recherchen begann, war ich selbst erstaunt festzustellen, daß kaum jemand vor mir dieses Feld beackert hat. Ich hatte angenommen, daß es dazu mindestens ein halbes Dutzend Arbeiten gäbe. Fehlanzeige!
Woran liegt das?
Schumacher: Offensichtlich besteht unter den Völkerrechtlern in Deutschland wenig Interesse daran. Der westalliierte Luftkrieg ist seit 1945 aus Rücksicht auf unsere Verbündeten tabuisiert.
Altbundespräsident Roman Herzog, so mutmaßen Sie im Vorwort, würde Ihr Buch gleich wieder zuklappen.
Schumacher: Ich spiele dabei auf seine Äußerung an, es habe „keinen Sinn, darüber zu richten, ob der Bombenkrieg, an dessen Unmenschlichkeit ohnehin niemand zweifelt, im juristischen Sinne rechtmäßig gewesen ist oder nicht ... Was bringt uns das?“ Solch eine Aussage aus dem Munde des ehemaligen höchsten Repräsentanten des deutschen Volkes … das muß man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen! – Ganz abgesehen davon, daß Roman Herzog ein renommierter Staatsrechtslehrer ist. Es befremdet mich, daß gerade er Rechtsfragen von so elementarer Bedeutung als belanglos hinstellt.
„Phosphorbomben in Gaza zeigen Aktualität der Frage“
Gut, aber dennoch: Was bringt uns das – heute im Jahr 2009?
Schumacher: Das jüngste Beispiel für die Aktualität dieser Fragen ist kaum drei Wochen alt: Weltweit regte sich Empörung, als ruchbar wurde, daß Israel möglicherweise Phosphorbomben in Gaza eingesetzt hat. Oder denken Sie an Afghanistan, wo sogar die US-freundliche Regierung Karzai die zahlreichen Ziviltoten durch westliche Luftangriffe beklagt.
Der Luftkrieg ist seit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg das wichtigste strategisch-imperiale Instrument erst der Briten, dann der Amerikaner. Ich will damit nicht sagen, daß alle strategischen Luftangriffe der USA oder Großbritanniens seit 1945 völkerrechtswidrig waren. Allerdings wird der Luftkrieg insgesamt als nicht so problematisch eingestuft, wie das eigentlich geschehen sollte.
Wenn aber nicht einmal die Opfer, während des Zweiten Weltkriegs vor allem wir Deutsche, solche Fragen aufwerfen, dann lernen Militärs und Politiker weltweit daraus, daß es sich um „Kavaliersdelikte“ handelt. Insofern ist die nonchalante Bemerkung des Altbundespräsidenten schon ein dicker Hund.
Ist es etwa nur eine rhetorische Frage, wie viele weitere Bombenopfer die Bereitschaft der bundesdeutschen Eliten, dieses Thema zu beschweigen, bis heute weltweit gekostet hat? Dessenungeachtet kommt in der Äußerung Roman Herzogs natürlich zum Ausdruck, daß er unter das Thema gerne einen Schlußstrich ziehen würde – und da wären wir bei der zeitlos aktuellen Frage nach dem Umgang der Deutschen mit sich selbst.
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