Interview

Dienstag, 10.02.2009

„Warum nicht ein Tribunal von Dresden?"

Von Moritz Schwarz

„Haben wir Anspruch auf Entschädigung? – Im Grunde ja!“

Könnte Deutschland heute Entschädigung verlangen?

Schumacher: Im Grunde ja. Allerdings gibt es markante Probleme: Kann und will die Bundesrepublik Deutschland einen solchen Anspruch rechtlich begründen und faktisch durchsetzen? Angenommen, Berlin würde das ernsthaft wollen, dann würden die ehemaligen Westalliierten wahrscheinlich auf Verjährung sowie einen „stillschweigenden Forderungsverzicht“ seitens der Bundesrepublik pochen.

Tatsächlich kann das jahrzehntelange Unterlassen der Geltendmachung einer Forderung zu ihrem Untergang führen. Umgekehrt sind wir dadurch allerdings gegen alliierte Reparationsforderungen gefeit, da auch wir während des Luftkriegs in London und anderen englischen Städten schlimme Schäden angerichtet haben.

„Streng sachliche, argumentgeleitete Auseinandersetzung“

Was wird Ihre bahnbrechende Interpretation tatsächlich bewirken – juristisch und politisch?

Schumacher: Das ist schwer einzuschätzen und sollte nur in langfristiger Perspektive betrachtet werden. Die Bastionen der Political Correctness sind nicht leicht zu erobern. Aber ich plane auch keinen „Sturmangriff“, sondern eine streng sachliche, argumentgeleitete Auseinandersetzung. Erste Reaktionen meiner Leser deuten darauf hin, daß plausible, ausgewogene Geschichtsdeutungen einem vitalen, weitverbreiteten Bedürfnis entsprechen.

 

Dr. Björn Schumacher studierte Rechtswissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte in Bochum und Göttingen. Seit 2000 schreibt er, Jahrgang 1952, gelegentlich für die JUNGE FREIHEIT. Sein Buch „Die Zerstörung deutscher Städte im Luftkrieg. ‘Morale Bombing’ im Visier von Völkerrecht, Moral und Erinnerungskultur“ (Ares, 2008) gilt in Fachkreisen als bemerkenswerte und bahnbrechende Studie auf dem bislang verwaisten Gebiet einer völkerrechtlichen Durchleuchtung des alliierten Bombenkriegs gegen Deutschland.

Mit seinem monographischen Debüt ist ihm nach jahrelanger intensiver Beschäftigung mit der Materie ein großer Wurf gelungen. Sein Buch zeigt die völkerrechtlichen wie ethischen Dimensionen des „Morale Bombing“ auf, diskutiert die fortgeltenden angelsächsischen Legitimierungsmuster genauso wie die meist peinliche bundesdeutsche „Erinnerungskultur“, die mit den Bombenkriegsopfern wenig anzufangen weiß.

Nach den großen militärhistorischen Darstellungen Horst Boogs und der epischen Vergegenwärtigung Jörg Friedrichs („Der Brand“) liegt hiermit eines der raren Standardwerke zu einem deutschen Tabu-Thema vor.