Freitag, 08.05.2009 „Das ist mein Heimatland“
Von Moritz Schwarz
 Wolfgang Grupp Foto: Trigema
Herr Grupp, nach den Maßstäben moderner Unternehmensberatung dürfte es eine Firma wie Trigema gar nicht geben.
Grupp: Seit vierzig Jahren mache ich angeblich alles falsch. Eine Unternehmensberatung dürfte bei mir nicht ins Haus kommen, denn sonst müßte ich als erster meinen Platz räumen. Wenn ein Fremder mir auf Anhieb Fehler nachweisen könnte, wäre ich sicher fehl am Platze.
Ihre erste Todsünde: Sie produzieren ausschließlich im Hochlohnland Deutschland.
Grupp: Nehmen Sie zum Beispiel die Firma Schiesser. Dieser Wäschehersteller war eine Goldgrube, als er ausschließlich in Deutschland produzierte. Als er meinte, seine 3.500 Produktionsarbeitsplätze in Deutschland abbauen und Millionen im Ausland investieren zu müssen, ging es ihm nicht besser, sondern im Gegenteil immer schlechter. Heute ist er insolvent.
Ich kannte natürlich viele Textilproduzenten; fast alle waren sie gestandene Millionäre, als sie ausschließlich in Deutschland produzierten. Ich kenne keinen, der reicher geworden wäre, seit er im Ausland fertigen läßt, aber viele, die wesentlich ärmer geworden oder von der Bildfläche verschwunden sind wie Steilmann, Jockey, Schiesser und viele mehr.
„Die Ursache für unsere Misere ist der allgemeine Größenwahn“
Schiesser ist allerdings nicht an seinen Auslandsinvestitionen gescheitert, sondern weil man „aus der Unterhose mehr machen wollte, als sie ist“, wie ein Kritiker schrieb: Man hat mit Unterhosen für Boss oder Ralph Lauren Schulden gemacht.
Grupp: Das kommt sicher noch dazu. Aber das alles hat den gleichen Ursprung, nämlich den Größenwahn! Früher war die höchste Unternehmertugend die Verantwortung für das Unternehmen und damit für die Mitarbeiter, heute frönt man dem Größenwahn.
Haben Sie überlegt, Schiesser zu übernehmen?
Grupp: Am Tag der Insolvenz wurde ich von der Presse angerufen und danach gefragt. Aber ich bin nicht so größenwahnsinnig, zu glauben, die Probleme eines anderen übernehmen zu müssen. Dieser Größenwahn hat vielen Firmen große Sorgen bereitet, denken wir nur an die Merckle-Gruppe oder an die Firma Schaeffler oder natürlich auch an Daimler Benz mit seinem Ziel, Technologiekonzern zu werden, und den Übernahmen von AEG, Focker, Chrysler usw. Viele versuchen, hinter der Größe ihre eigentliche Schwäche zu verbergen.
Wie meinen Sie das?
Grupp: Wenn ich morgen 12.000 statt 1.200 Mitarbeiter beschäftigen würde und Produktionsstätten nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in Hamburg, Rumänien oder vielleicht auch Asien hätte, dann könnte ich mein Unternehmen sicher nicht mehr persönlich führen. Nur frage ich mich, zu was ich das brauche: Ist es denn nicht besser, daß zehn Unternehmer je 1.000 Mitarbeiter haben anstatt einer 10.000?

Anmelden um Kommentare zu schreiben.
|