Geschichte

Mittwoch, 17.06.2009

Die blutige Rache der Werktätigen

Von: Bernd Rabehl


Stunden später fuhren russische Soldaten durch die Stadt. Ein Ausnahmezustand war verhängt worden. Über die Schulleitung wurden wir unterrichtet, daß in Potsdam fünf Täter aus dem „faschistischen Mob“ vor dem Bezirksgericht standen. Zwei von ihnen wurden zum Tode verurteilt. Drei der Jugendlichen erhielten Zuchthausstrafen, weil sie noch nicht das 18. Lebensjahr erreicht hatten. Ich war entsetzt. Eine Rachejustiz wurde eingesetzt, um den Tod Hagedorns zu sühnen.

Eine Woche später revidierte das Politbüro der SED das Urteil. Die Todeskandidaten erhielten eine lebenslange Haftstrafe. Bei den anderen wurde die Haftzeit herabgesetzt. Musold, der gerade das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, mußte sich in einem Jugendwerkhof für mehrere Jahre bewähren. Aus ihm sollte ein anderer Mensch geformt werden.

In der Schule wurde weder über Hagedorn noch über Musold gesprochen, auch von den Lehrern nicht. Irgendwann ging ich zu seiner Großmutter, bei der er mit seinem jüngeren Bruder gelebt hatte, um zu erfragen, wo er zu erreichen sei. Die Tür wurde nicht geöffnet. Der Bruder verweigerte später auf der Straße jede Auskunft. Meine Mutter verbot mir, mit anderen über den Schulfreund zu sprechen; es sei zu gefährlich.

War Hagedorn ein Spitzel in beiden Diktaturen?

Eine Woche danach prangte ein großes Transparent von Hagedorn an der Frontseite des Kaufhauses. Der Text feierte einen „mutigen Antifaschisten“, der von einem faschistischen Mob gequält und erschlagen worden war. Werktätige aus dem Bezirk kamen angereist, um an der Trauerfeier für Hagedorn teilzunehmen. Der Bürgermeister aus Ost-Berlin, Friedrich Ebert, hielt die Grabesrede.

Der ehemalige Sozialdemokrat und Sohn des ersten Reichspräsidenten sollte vor den Rathenower Arbeitern sprechen, die in ihrer Mehrheit aus der alten Sozialdemokratie stammten. Ein Blasorchester der Volkspolizei aus Potsdam intonierte den revolutionären Trauermarsch der Bolschewiki: „Unsterbliche Opfer, ihr sankt dahin“.

Hagedorn wurde am Eingang des Friedhofs der „Freidenker“ beigesetzt. Aus Rathenow hatten sich nur wenige „Werktätige“ dem Trauerzug angeschlossen. Nachts wurde wiederholt sein Grabstein umgestoßen. Eine Straße oder ein Platz sollte nach ihm benannt werden. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) weigerte sich, Hagedorn diese Ehre zu gewähren. Das mochte daran liegen, daß die SED diesen „politischen Streik“ gegen ihre Macht nicht aufbauschen wollte und an Märtyrern nicht interessiert war.

Bald behaupteten Gerüchte, daß dieser Spitzel ab 1935 für die Geheime Staatspolizei der NS-Diktatur gearbeitet hatte. Er soll der Gestapo Hunderte Kommunisten und Sozialdemokraten ausgeliefert haben. Die antifaschistischen Feierlichkeiten verstummten. Der Spitzel verfiel der Unendlichkeit des Schweigens.


Prof. Dr. Bernd Rabehl, 1938 in Rathenow geboren, gehörte 1967/68 dem Bundesvorstand des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) an und war einer der engsten Weggefährten von Rudi Dutschke.

JF 26/09



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Matthias Richter aus Bayern

Mittwoch, 17-06-09 14:56

Rabehl hat diese Geschichte geschrieben, weil er eine - sehr zweifelhafte - Parallele zwischen diesem Hagedorn und Kurras ziehen will. Die Moral der Geschicht: Spitzel sind sozusagen berufsmäßige Verräter, eine Spezies für sich, keine echten Kommunisten oder Nazis oder Musterdemokraten oder was auch immer. Und wenn Hagedorn zugleich Kommunist und Nazi war, und damit zumindest "keine echter Kommunist", dann wars Kurras bestimmt auch nicht. Und schon ist für den Alt-68er Bernd Rabehl der "2. Juni" und das Benno Ohnesorg Märchen gerettet, der Gründungsmythos der 68er-Bewegung gerettet.

Hagedorn ist kein Nazi hier:
http://www.17juni53.de/tote/hagedorn.html
http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.[..]

 

Hans Holt aus Berlin

Mittwoch, 17-06-09 13:38

Heute ist der echte "Tag der Deutschen Einheit". Es ist eine Schande, dass der Tag der "administrativen Zusammenlegung" der beiden deutschen Teilstaaten am 3. Oktober 1990 als Staatsfeiertag auserkoren wurden. Die geistige deutsche Elite hat damals versagt, versagt heute und wird bis zum letztlich moralischen Niedergang in naher Zukunft wieder versagen.
Für mich ist der 17. Juni nach wie vor ein Tag zum Gedenken, er ist mein persönlicher politischer Feiertag!

 

Wolfgang Steuer aus Rochlitz

Mittwoch, 17-06-09 12:28

Diese Geschichte beeindruckt doch sehr. Man sollte öfters die Handlungen zum 17. Juni auf die Personen beziehen, sie auch benennen. In Geithain/Sachsen befindet sich in der Bahnhofstraße ein kleines Schild, das an den ermordeten Arbeiter Eberhard von Cancrin erinnert. Er arbeitete im nahe liegenden Borna, war wohl auch bei den Streikenden, wurde von den SED Schergen verhaftet und in einer Kiesgrube erschossen. Zu Hause warteten Frau und seine zwei Kinder auf den Vater, der nicht mehr heimkam. Später schickte man der Witwe, die heute noch hochbetagt in Geithain lebt, die Asche zur Beerdigung. Diese durfte nur im kleinen Rahmen stattfinden. Zu DDR Zeiten wurde dann die ganze Familie benachteiligt und schikaniert.

 
 

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