Deutschland

Sonntag, 08.11.2009

Wir 89er

Von Dieter Stein

Das Brandenburger Tor am 11. November 1989 Foto: Jürgen Ritter

Es war der Tag, an dem sich alles für uns änderte. So dunkel der November nördlich der Alpen auch ist, jener Tag sollte der lichteste Tag werden für das deutsche Volk, das für eine Ewigkeit verurteilt schien, aufgespalten in zwei Staaten, gewaltsam voneinander getrennt zu leben: der 9. November 1989.

Ein 167 Kilometer langes Bauwerk aus Beton machte den Westteil der heutigen Hauptstadt Berlin zu einer Insel in der sozialistischen Diktatur DDR. Eine 1.378 Kilometer lange und 500 Meter tiefe Sperrzone mit übermannshohem Stahlzaun und Todesstreifen trennte nicht nur die Deutschen, sondern zwei feindlich sich auf deutschem Boden gegenüberstehende waffenstarrende Militärbündnisse: die von den USA geführte westliche Nato und den von der Sowjetunion beherrschten Warschauer Pakt.

Über 1.000 Deutsche, die den Versuch unternahmen, Mauer oder Sperranlagen zu überwinden, verbluteten im Stacheldraht oder starben im Kugelhagel – so wie zuletzt der 20jährige Chris Gueffroy, der am 6. Februar 1989 in Berlin von zehn Kugeln durchsiebt wurde.

Die Mauer schien Symbol eines Urteils der Geschichte über uns, eines Urteils infolge des moralischen Bankrotts, den Deutschland unter der nationalsozialistischen Diktatur erlitten hat. Die Teilung wurde gedeutet als zu tragende Strafe für die Schuld, die die Deutschen im Dritten Reich kollektiv auf sich geladen hätten. 

Warnung vor der „Versuchungen eines deutschen Sonderwegs“

Die Zweistaatlichkeit, die brutale Trennung eines Volkes, wird am Ende in der Bundesrepublik von der tonangebenden politischen Klasse als segensreich gedeutet. So etwa der „konservative“ Historiker Michael Stürmer, dessen Mantra die Warnung vor den angeblichen „Versuchungen eines deutschen Sonderwegs“ war, womit er schlicht die Einheit der deutschen Nation als Europa gefährdendes Ziel verwarf. 

Die Deutschen als „von der Geschichte widerlegtes Volk“ (Otto Westphal)? Angesichts der Zäsur von 1933/45 hat man beiderseits des Eisernen Vorhangs versucht, eine neue, von nationaler Kontinuität losgelöste Identität, neue Geschichtsbilder zu konstruieren. In der DDR mündete dies über den Mythos des Antifaschismus in die Proklamation einer sozialistischen Nation „DDR“.

Als das nicht ausreichte, bemühte sich in den achtziger Jahren Honecker, von Luther bis Bismarck plötzlich eine positive deutsche Geschichtstradition zu reklamieren. Das hatte Gründe: In Umfragen gaben bis zuletzt die Deutschen in Ost wie West unverdrossen zu 80 Prozent dem innigen Wunsch nach Wiedervereinigung Ausdruck. 

In Westdeutschland wurde über das Faktum des Untergangs des Dritten Reiches hinaus das Jahr 1945 seit den siebziger Jahren zum Endpunkt der deutschen Geschichte stilisiert. Von Habermas bis Kohl sah man das „Ende der Nationalstaaten“ gekommen und die postnationale BRD als Prototyp einer neuen Ära. >>



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Joachim Reuter aus Mönkeberg

Dienstag, 10-11-09 11:03

Die friedliche Wiedervereinigung war eines der großartigsten und berührendsten Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts.

Aber warum läßt man uns Deutsche diesen Tag nicht alleine feiern? Ohne krampfhafte Bezugnahmen auf Auschwitz?

Gorbaschow als Gast ist in Ordnung. Aber was haben Engländer und Franzosen dort zu suchen, die die Wiedervereinigung verhindern wollten? Und warum hofiert man ausgerechnet Lech Walesa in dieser Weise, diesen ausgewiesenen Deutschenhasser? Was hat der ZdJ, vertreten durch die unsägliche Frau Knoblauch da zu suchen. Sie ist doch jedesmal eine Garantie dafür, daß keine Freude aufkommt.

Insgesamt eine würdelose Veranstaltung voller Klamauk und Kitsch.

 

M. Müller aus Flensburg

Dienstag, 10-11-09 10:30

Wenn wir die beschriebenen Ereignisse nicht nur, wie im Webseiten-Aufmacher als "Fest der Deutschen", sondern als Fest Europas begreifen, haben wir verstanden, was passiert ist. Heute können sich Österreicher ohne Probleme auf die Suche nach ihrer Geschichte in Ungarn, Tschechien und sogar die ehemalige Sowjetrepublik Ukraine machen; können Deutsche Polen jenseits von Kaczinsky und Steinbach kennen lernen; können sich alte mitteleuropäische Kulturnationen wieder zu eben diesen Kulturen bekennen. Dass Deutschland nach seinem wenig schmeichelhaften Verhalten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so großes Vertrauen gewonnen hat, dass Wiedervereinigung und Spitzenrolle in der EU möglich sind, dafür bin ich dankbar.

 

Buko B. aus Stadt am Waldrand

Dienstag, 10-11-09 10:26

Sehr guter Artikel.
Ich hatte 1967 als 19-jähriger aus Sachsen-Anhalt Sperranlagen und Minenfeld überwunden. Wohlweislich wählte ich meine neue Heimatstadt an der Grenze zu Frankreich, in Nähe der Schweiz. Vor der Wende stand die SPD davor, das DDR-Regime anzuerkennen. Geissler zog nach. Das Ziel Volkseinheit hatten sie gegen Linke Utopien eingetauscht. Unmittelbar nach der Wende reihte ich mich in den Auto-Korso "Wir sind das Volk" am damahligen Grenzabschnitt ein. Auf diese meine Landsleute bin ich stolz! Sie haben das geschafft, was unsere Politiker aufgegeben, bzw. verraten hatten. Jetzt bekommt die Nationalhymne der DDR Sinn: Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, lass uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland!

 

Willi Wurst aus Hamburg - Sicherheitsamt

Montag, 09-11-09 21:44

kommen wir nun zur Frage der Vergeltung .

Zu viele Bolschewisten kamen ungestraft davon .

Das muss sich ändern .

bald !

 

michael schwarz aus Essen

Montag, 09-11-09 20:25

Ich bin dankbar und glücklich wenn ich an den 9 November denke, als in Sachsen-Anhalt geborener und damals im zarten Kindesalter von 7 Jahren gewesener bin ich mir bewusst welch Kelch an mir vorüber gezogen ist.
Dank an alle die damals gekämpft hatten, danke für das bessere Leben das ihr mir geschenkt habt!

 

Carsten Schulz aus Mannheim

Montag, 09-11-09 17:21

Bei allen Problemen und bei all dem täglichen Verdruß, der zu Recht in diesem Forum immer wieder thematisiert wird: heute sollten wir uns einfach nur freuen. 'Welch eine Wendung durch Gottes Fügung' stand nach dem deutsch-französischem Krieg 1870/71 über dem Brandenburger Tor. Das könnte auch als Motto für diesen Tag gelten!

 

Willi Wurst aus Hamburg - Begrüßungsgeldautomatenhalle

Montag, 09-11-09 15:40

eine tolle Zeit war das ! 9.11 ...mit den Kumpels vor der Glotze , wir wollten in die Disko ...dann ...DIE MAUER ist weg !! ...schnell die Freundin in Berlin angerufen ...JAAA!! ES IST WAHR !!!

Schnell zur Horner Rampe , dann im Tiefflug über die Autobahn , vorbei an den Minenfeldern , mit 230 km/ h ( ehrlich ! ) an den Vopos vorbei ...dann nach Charlottenburg ...die Mädels abgeholt , dann zur Mauer und dann wurde gefeiert !

Oft war ich (vor) und während der Wendezeit in Berlin , es war jedesmal phantastisch !! Tolle Frauen , tolle Partys , ...

UND : ALLE Hämmer waren ausverkauft ! Werkzeug hatten wir natürlich im Wagen , der Kollege Trockenbauer hatte einen Boschhammer dabei , damit haben wir ( im Blaumann und mit Helm ) gehämmert !

 

bernd langheinrich aus Kirchberg

Montag, 09-11-09 12:41

Herzlichen Glückwunsch Frau Merkel zum 20. Jahrestag der Beseitungung des DDR-Systems.Wir dürfen nicht vergessen, daß die Kinder von Pastoren z.B. nicht studieren durften. Es sei denn, Eltern und Kinder arangierten sich über das Übliche mit diesem Regime!

 

Dirk Pöhlmann aus .

Montag, 09-11-09 11:43

Plaßberg, Will und Konsorten wollen plötzlich große Unterschiede zw. Ost und West ausgemacht haben (die öffentl.-rechtlichen; und holen gleich die dümmsten Heinis i.d. Sendungen). Achtung!
Nicht, dass noch jemand auf die Idee kommt, und die Meinung äußert, sie, welche "das in Schutt und Asche liegende Deutschland" maßgeblich mit aufgebaut haben [und das wird bewusst gelehrt!] stünden den Westdeutschen näher, als die Ostdeutschen, und hätten damit auch mehr Rechte!

Schon 1990 sagte ein Portugiese wortwörtlich zu mir: "Ich Deutsch, ich deutsche Paß. Du nix deutsch, Du DDR"!

 

Horatio Germaniae aus Dresden

Montag, 09-11-09 11:08

@Volkmar Goldbach aus Nürnberg

Unter ähnlichen Bedingungen hätten die Franken und auch andere deutsche Stämme sich gleichfalls aufgelehnt. Das eint uns Deutsche: In der Bedrängnis zusammenstehend entfalten wir große Kraft, können Dinge bewegen, welche unerreichbar scheinen. Ich habe es erleben dürfen und bin dankbar dafür.
Es stimmt mich trotz gegenwärtiger politischer Kleingeistigkeit optimistisch hinsichtlich des Durchsetzungswillens und der -fähigkeit, wieder erfolgreich unseren eigenen Weg zu beschreiten.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Montag, 09-11-09 11:05

In den Beiträgen unserer Massenmedien zu diesem denkwürdigen Tag wird groß erinnert an die "jubelnden Menschen", an Rufe wie "Wir sind das Volk!", an die langen Schlangen von Trabbis und Wartburgs.

Von zwei Dingen ist indes so gut wie keine Rede: Daß dieser Tag, erstens, den endgültigen Bankrott der realsozialistischen Ordnung und somit der kommunistischen Ideologie und, zweitens, die Wiedererweckung der deutschen Nation symbolisiert.

Und das ist kein Zufall. Das Wachsen eines (neuen) Patriotismus sollte um jeden Preis verhindert (Kohl, Süssmuth, Geißler) und der gescheiterte Sozialismus als quasi ideologische Konserve für spätere Einsatzfälle aufbewahrt werden (westdeutsche Linke).

Wie man heute sehen kann, mit Erfolg.

 

M. Müller aus Flensburg

Montag, 09-11-09 10:52

Was sich 1923 andeutet und 1933 durch verheerende Falscheinschätzungen an die Macht gehievt wird, findet 1938 - wieder am 9. November - einen ersten alarmierenden Höhepunkt.
Und so plädiere ich in der Tat dazu, den 9. November als Nationalfeiertag, als nationalen Gedenktag, als großen Appell an das zu richten, wohin nationale Gemeinsamkeit führen kann: In gewaltige Höhen und in ungeahnte Tiefen. Wenn aus der Geschichte Lehren gezogen werden können, eignet sich ein so dramatischer Tag besser dazu, als das Gedenken eines bürokratischen Aktes. Wir sind ein Volk, bestehend aus sehr heterogenen Bevölkerungsteilen. Die Antwort darauf ist bestimmt nicht die Beschwörung eines "Biodeutschen".

 

M. Müller aus Flensburg

Montag, 09-11-09 10:45

"Heldenmütig" waren nicht nur die Menschen in der 1989 zerbröckelnden DDR, sondern auch diejenigen, die am selben Datum 1918 - ebenfalls unter Lebensgefahr auf der Straße - das Ende der anachronistischen Herrschaft größenwahnsinniger Militärs und eines realitätsfernen Kaisers erzwangen und der ersten Republik auf deutschem Boden den Weg bereiteten.
Bereits fünf Jahre später zeichnet sich ab, was passiert, wenn dieses willkürliche Boden-Attribut, das Deutsche, in blinde Ideologie übersteigert wird: Hochverrat und Putsch Hitlers, wie seine Richter befanden "aus ehrenwerten Motiven" und nur in ehrenwerter, produktiver Festungshaft abzubüßen.
- Fortsetzung -

 

Till Eulenspiegel aus Québec, Québec

Montag, 09-11-09 03:05

Die obigen Betrachtungen enden mit dem Zeitwort 'erneuern' -- was sich auf einem vorhergehenden Zustand beziehen würde. Welcher wäre das?

In der gedachten Geschichte -- et ça comme provocation sévère --, hätte Preußen sich mit Napoléon zu einem 'accommodement' gefunden, anstelle für England die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wäre das zweite Reich franko-germanischer Prägung als Erneuerung des ersten entstanden -- und die Tragödie des 20. Jahrhunderts unterblieben.

 

Volkmar Goldbach aus Nürnberg

Montag, 09-11-09 02:14

Ein starker, gar wuchtiger Artikel über das, was wir damals, 1989, als "Wunder" erlebt haben.

Ich ziehe den Hut und verneige mich vor allen Bewohnern der ehemaligen sogenannten DDR, die den Mut besaßen auf die Straße zu gehen als es Zeit dafür war.

Ganz ehrlich: wir "Wessis" wären dazu wohl zu feige gewesen. Alliert konditioniert wie wir nun mal waren und sind.

Danke, Brüder, Schwestern und Verwandte, daß ihr dies für uns getan habt: alles, euer Auskommen, euren Stand, eure Familie riskiert - und alles gewonnen. Danke.

Ich möchte weinen vor Glück.
Ihr seid Wegbereiter. Steht auf und zusammen: die Zukunft wird schwierig genug.

 
 

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