Sonntag, 08.11.2009
„Ich bin froh und dankbar!“
Von Moritz Schwarz
Offenbar hat das die Deutschen nicht gestört.
Ortleb: Ich habe mich damals auch gefragt, woran das eigentlich liegt: Handeln die Politiker so, weil die Deutschen sich nicht mehr für Volk und Nation interessieren? Ich kann diese Frage natürlich nicht mit Sicherheit beantworten, mit Sicherheit kann ich überhaupt nur sagen, daß ich und auch mein Bekanntenkreis nach 1990 wieder mehr Volk und Nation erwartet haben und daß man aus der historischen Erfahrung heraus feststellen kann, daß ohne Gemeinschaft die Leute nicht zusammenhalten und daß das auch für Nationalstaaten gilt.
Im übrigen wäre ich mir nicht so sicher, daß es die Deutschen nicht gestört hat, denn obwohl ich eben dazu aufgerufen habe, die persönlichen Enttäuschungen nicht über die Freude an der Wiedervereinigung zu stellen, sage ich Ihnen ebenso klar: Diese Enttäuschungen existieren, und es hat wiederum keinen Zweck, sie mit der Freude über die Einheit überdecken zu wollen.
Sie zählen sich zu den Enttäuschten?
Ortleb: Leider ja. Und inzwischen ist mir auch klar, welchen Geburtsfehler die Wiedervereinigung hat. Sie ist bekanntlich nicht so abgelaufen wie im Grundgesetz vorgesehen, nämlich als Beendigung des Interimszustands nach 1945 durch das Schaffen eines neuen Deutschland gemäß Artikel 146 des Grundgesetzes.
Statt dessen kam es nur zu einem Beitritt gemäß Artikel 23, der eigentlich dafür gar nicht vorgesehen war, sondern geschaffen wurde, um 1957 den Anschluß des Saarlandes zu ermöglichen. Das aber hat dazu geführt, daß erstens der eine Teil Deutschlands bei der Wiedervereinigung quasi „hinten runtergefallen“ ist und daß zweitens die Deutschen heute nicht wie andere Völker auch in einem selbstbewußten Nationalstaat leben, sondern quasi immer noch in einem verlängerten Nachkriegsprovisorium.
„Heute würde ich manches anders machen, wenn ich könnte“
Sie waren damals als aktiver Politiker selbst am Prozeß der Wiedervereinigung beteiligt.
Ortleb: Das stimmt, als Fraktionsvorsitzender der Liberalen in der letzten, freigewählten DDR-Volkskammer, die in einer Koalition mit der CDU-geführten Allianz für Deutschland und der SPD die Regierung unter Lothar de Maizière stellten, war ich sogar maßgeblich für die Ausarbeitung des Einigungsvertrags verantwortlich.
Heute muß ich einräumen, daß dabei nicht alles geglückt ist, so manches würde ich heute anders machen, wenn ich könnte. Allerdings standen wir damals auch unter erheblichem Druck, und zudem ist man hinterher immer klüger. Heute empfinde ich es allerdings – als jemand, der damals Verantwortung getragen hat – als Verpflichtung, in diesen Fragen auch mir selbst gegenüber Rechenschaft abzulegen.
Sie waren bereits vor 1989 Funktionär der DDR-Blockpartei LDPD. Als solcher haben Sie alles andere als die Wiedervereinigung im Sinn gehabt, sondern die SED-Herrschaft aktiv unterstützt, die DDR-Diktatur gar als „verteidigungswürdige Gesellschaftsordnung“ und „gerechte Sache“ bezeichnet.
Ortleb: In die LDPD bin ich eingetreten, weil mir als Student eine SED-Mitgliedschaft nahegelegt wurde. Da mein Vater schon in der LDPD war, war plausibel, daß auch ich den Liberaldemokraten beitrete. Und natürlich wurde erwartet, nicht einfach nur als Karteileiche dahinzuvegetieren, sondern auch Verantwortung zu übernehmen.
Ich habe diese Rede, aus der Sie eben zitiert haben, nicht selbst geschrieben, aber es stimmt, daß ich sie gehalten habe. Das war 1977, ich wurde damals dafür ausgewählt, sie wurde mir quasi „aufs Auge gedrückt“. Weitere solcher Reden gab es folglich nicht. Aber richtig ist, ich habe in der Tat, das muß ich einräumen, diesem Staat gedient.
Ich bin von Beruf Mathematiker und Programmierer, und mein Interesse galt Technik und Wissenschaft und nicht der Politik, ich habe mich deshalb nicht so sehr mit dem Staatswesen der DDR beschäftigt. Aber ich habe nach der Wende feststellen müssen, wie weit weg wir damals von aller Realität im Lande waren. Später habe ich allerdings eine ähnliche Tendenz auch im Politikbetrieb der Bundesrepublik bemerkt. >>