Samstag, 22.08.2009 Rache an Deutschland
Von Claus-M. Wolfschlag
 Filmplakate für „Inglourious Basterds“:  Unentschlossen zwischen Parodie und Drama Fotos: Universal
Die Story ist plump wie bei faktisch allen Tarantino-Filmen: Eine alliierte Spezialeinheit unter Führung des bärbeißigen Leutnant Aldo Raine (Brad Pitt), bestehend zumeist aus jüdischen Deutschenhassern, hat im Zweiten Weltkrieg den Auftrag, hinter der Frontlinie möglichst viele Skalps von den Köpfen getöteter Wehrmachtssoldaten zu schneiden.
Zur Premiere eines deutschen Propagandafilms in Paris, zu der sich die gesamte Führungselite des NS-Staates versammeln will, plant der Trupp schließlich ein Massaker. Dasselbe Ziel verfolgt die jüdische Kinobesitzerin Shoshanna (Mélanie Laurent), um die Ermordung ihrer Familie zu rächen.
Mit Hilfe des aus persönlichen Motiven überlaufenden SS-Mannes Landa gelingt der alternative Geschichtsverlauf. Das Kino explodiert, mit ihm Hitler, Goebbels sowie einige hundert geladene Gäste, darunter Frauen und Kinder. Hurra, der Krieg ist vorbei. Die Geschichte ist alternativ und dennoch gleich verlaufen. Die Guten haben schon aus Gerechtigkeit gewonnen. Das war „Inglourious Basterds“.
Stil eines Italo-Western
Doch in Tarantino-Filmen kommt es bekanntermaßen viel mehr auf die Art der Inszenierung, die Dialoge an. Konnte Regisseur Quentin Tarantino auf diese Weise seinerzeit mit „Pulp Fiction“ (1994) und „Death Proof“ (2007) unterhaltungstechnisch überzeugen, weil er in seinem US-amerikanischen Denkkosmos blieb – der Welt von Drogendealern, Auftragskillern, Stuntmen, Barbetreibern und Go-go-Tänzerinnen –, so hat er sich nun gründlich verhoben. Inhaltlich wird er der hochkomplexen historischen Situation ohnehin nicht gerecht, liefert keinerlei Erkenntnisgewinn.
Aber auch filmisch hat es nicht zu Neuem gereicht. Nicht ansatzweise ist die Virtuosität und Verspieltheit von „Death Proof“ erkennbar. Die oft erwähnte Anlehnung von „Inglourious Basterds“ an B-Movies der 1970er Jahre erfolgt nur in der Eingangsszene, die das Auftauchen des SS-Mannes Hans Landa auf einem einsam gelegenen französischen Bauerngehöft im Stil eines Italo-Western inszeniert. Danach bleibt „Inglourious Basterds“ ein konventioneller, zähflüssiger, ja langweiliger Streifen ohne besondere Raffinesse, irgendwo unentschlossen zwischen Parodie und Drama.
Die einzige schauspielerisch interessante Figur stellt der SS-Judenverfolger Hans Landa dar, in dessen Rolle der Österreicher Christoph Waltz alle anderen Darsteller an die Wand spielt. Landa verkörpert den Typus des hochintelligenten, weltgewandten Soziopathen, der schon in der alliierten Propaganda üblicherweise als NS-Führungsfigur dem tumben Landser gegenübergestellt wurde. In „Inglourious Basterds“ erweist sich Landa letztlich als purer Technokrat, der rechtzeitig zum persönlichen Vorteil die Seiten wechselt.
Kein Unterschied zwischen Deutschen und Nazis
„Inglourious Basterds“ ist ein absurdes Kriegsdrama, gespickt mit Stereotypen und Ressentiments. Auch die Darstellung der NS-Größen bietet keine neuen Facetten. Dutzende Male schon hat man etwa die ewig gleich dumm herumkreischende Hitler-Karikatur gesehen, wie sie nun „Tatort“-Darsteller Martin Wuttke schlecht verkörpert.
Schon der dumpfe antideutsche Charakter des Streifens sollte zu denken geben. „Nazis verdienen keine Menschlichkeit. Sie müssen vernichtet werden“, gibt Aldo Raine lässig als Anweisung aus. So kann sich der popcorngesättigte Zuschauer belustigt daran weiden, wie Menschen bestialisch totgeprügelt, zerschossen und zerstückelt werden. Dabei ist eine Unterscheidung zwischen Deutschen und Nazis in „Inglourious Basterds“ Makulatur, ständig und wahllos wechseln die synonym verwendeten Begriffe.
Abgesehen von einigen Überläufern in alliierten Diensten werden Deutsche nur als Sadisten und Judenhasser dargestellt, als niederträchtige Zyniker, Stürmer-Leser oder verklemmt grölende Saufköpfe. Sie trinken Bier und lachen dumm und stopfen sich Apfelstrudel mit Schlagsahne gierig in den Schlund. Brutalität lauert stets im Hintergrund ihrer miesen Scherze. Doch auch hinter ihren zuweilen scheinbar harmlosen Fassaden sitzt stets das Mördergemüt. >>

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