Donnerstag, 31.12.2009

Lieber nackt als tot?

„Nacktscanner“ ist ein häßliches, aber passendes Wort für ein wundersam wieder aus der Versenkung aufgetauchtes Projekt.   Noch im Sommer haben Europas Innenminister das Vorhaben, alle Flugreisenden beim Passieren von Kontrollmonitoren virtuell bis auf die Haut auszuziehen, unter dem Eindruck breiten Widerstands in der Öffentlichkeit weit von sich gewiesen.

Der dilettantische Beinahe-Anschlag eines nigerianischen Islamisten am ersten Weihnachtsfeiertag hat ausgereicht, um den „Nacktscanner“ wieder auf die Tagesordnung zu setzen – ganz ohne öffentlichen Entrüstungssturm.  

Nun ist es fraglos ein berechtigtes Anliegen eines jeden für die öffentliche Sicherheit Verantwortlichen, im Rüstungswettlauf mit Islam- und anderen Terroristen um die raffiniertesten Sicherheitsvorkehrungen und ihre noch raffiniertere Überlistung nicht zurückzufallen. Und der technische Fortschritt mag zweifellos dazu beitragen, den Eingriff in die Privatsphäre auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.  

Dennoch bleibt die unbehagliche Frage, warum die Remedur stets und stereotyp zuerst in einer Einschränkung der bürgerlichen und individuellen Freiheitsrechte aller bestehen soll. Die offenkundigen Pannen bei den mehrfach vorgewarnten US-Sicherheitsbehörden und -Geheimdiensten legen jedenfalls den Schluß nahe, daß eine Reform der ineffektiven Arbeit dieser Datensammel-Institutionen aus Selbstzweck weit dringender wäre als die Einführung einer Technologie, mit der man Bürger wie Handgepäck durchleuchten kann.  

„Privatsphären-Fundamentalismus“

Totales Sicherheitsdenken führt, wie jeder Totalitarismus, zum Verlust der Freiheit. Wer sich gegen jedes Lebensrisiko rückversichern will, kann als Gefangener des eigenen Sicherheitswahns am Ende keinen Schritt mehr vor die Tür setzen. Dabei könnte nicht einmal eine absolute Sicherheitsdiktatur das Katastrophenrisiko bei Flugreisen hundertprozentig ausschließen – ein Risiko übrigens, dem wir uns beim Bahnfahren ganz ohne perfektionistische Kontrollapparate und aufwendige Sicherheitstechnologie tagtäglich aussetzen.

Wer lebt, riskiert. Freiheit ist ohne Gefahr nicht zu haben. Das nüchterne Abwägen von Risiken kann dem eigenverantwortlichen Individuum keiner abnehmen. Auch das gehört zur Debatte um die Sicherheit des kollektiven Transportwesens in Zeiten des Terrorismus.

Eine simple Parole wie „Nackt und nicht tot“, mit der der FAZ-Chefatlantiker Klaus-Dieter Frankenberger das friedensbewegte „lieber rot als tot“ aus der Ära des Kalten Krieges adoptiert und als eifriger Lobredner des amerikanischen Vollkasko-Sicherheitswahns gegen den „Privatsphären-Fundamentalismus“ zu Felde zieht, wird dem Ernst der Sache jedenfalls nicht gerecht. 




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Helmut M. aus Unfreiburg

Samstag, 02-01-10 00:15

Das Problem erledigt sich, wenn der Zentralrat der Muslime in Deutschland aus dem Silvester-Urlaub zurückkehrt. Er wird dann klarstellen, dass sich Moslems und ihre Frauen nicht vor Kameras ausziehen oder durchleuchten lassen. Deutsche kann man vielleicht mit Blödsinn von Wilhelm Reich beeindrucken, Moslems nicht. O'Bamby wird dann feststellen, dass die USA von Deutschand und von den muslimischen Ländern nicht mehr angeflogen wird, falls er auf dem Durchleuchten besteht. Kann er das wollen?

 

autorinnenkollektiv bluthilde.wordpress.com aus Bernburg/Saale

Freitag, 01-01-10 17:05

die derzeit diskutierten nacktscanner würden kein problem mehr darstellen, wenn sich alle bürger künftig einfach ein beispiel an ihren kulturschaffenden eliten nehmen würden.

die gesamte debatte beweist einmal mehr, dass die gesellschaft vor allem ein problem hat – nämlich das der prüderie.

da wir spätestens seit der rezeption wilhelm reichs durch die kritische intelligenz seit 1968 wissen, wie anerzogene hemmungen, unterdrückung natürlicher triebe, die autoritäre persönlichkeit und der
faschismus zusammenhängen, lässt sich der nutzen der nacktscanner einfach zusammenfassen: wer heute noch ein problem damit hat, nacktaufnahmen von sich anfertigen zu lassen, beweist alleine schon dadurch, dass er ein potenzieller terrorist ist.;)

 

Carsten Schulz aus Mannheim

Freitag, 01-01-10 11:59

Der Autor verweist mit Recht darauf, dass es sich um einen 'dilettantischen' versuch gehandelt hat. Aber wenn schon der Versuch eines Dilettanten alle Sicherheitsbarrieren überwinden konnte, will ich mir besser nicht ausmalen, wie wohl ein Anschlag durch 'Profis' ausgegangen wäre. Insoforn ist es schon richtig, die gegenwärtige Sicherheitssysteme kritisch zu überprüfen. Natürlich gibt es keine absolute Sicherheit. Die kann und wird es im Leben nie geben. Aber das kann doch kein Argument sein, auf die technische Optimierung von Überwachungssystemen zu verzichten. Die einschränkung von Bürgerrechten kann ich hierbei nicht erkennen.

 

MB. Casonue aus Mbcasonue

Freitag, 01-01-10 09:39

Wie die meisten Menschen,sehe ich angezogen
besser aus,als nackend. Auch fühle ich mich bekleidet wohler, außer in Sauna und Badewanne. In allen Medien sind ständig nackte, zugegeben meist hübschere, Menschen zu sehen. Warum zuerst die -gesteuerte-Aufregung? Und dann die fast bedingunslose Zustimmung? Der Mensch am "Abtaster",dem verschwommene Umrisse sichtbar werden, hat gewiß kein erotisches oder perverses Wohlgefühl. Die Folgen der "Bestrahlung" sind sicherlich weniger schädlich, als die eines Anschlags, oder der Dauertelephonie.
MB.

 

A. Müller aus der Pfalz

Freitag, 01-01-10 03:52

2.) Vorratsdatenspeicherung, Kontenüberwachung und demnächst also auch Durchleuchtungszwang am Flughafen. Eigentlich begann ja heute das Jahr 2010. Aber es scheint mir eher ein "1984" zu sein. Und was machen unsere sogenannten "Volksvertreter"? Die schlafen und winken alle "Sicherheitsgesetze" ohne große Kritik durch.

Da hilft nur: Immer schön sauber bleiben. Denn nicht vergessen: "Du bist Terrorist!"

 

A. Müller aus der Pfalz

Freitag, 01-01-10 03:45

1.) Pünktlich, bevor das Thema einschläft und aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden droht, findet wieder ein Anschlagsversuch statt. Natürlich total dilettantisch durchgeführt, dramatisch in letzter Sekunde von heldenhaften Passagieren verhindert, bietet die ganze Aktion eine ideale Plattform für den "Friedenspräsidenten" Obama, seinen rechtschaffenen Zorn über die unfähigen Sicherheitsbehörden auszuschütten.

Welch ein Zufall! Und schon haben die USA und die willigen Helfer in Europa und Deutschland einen Vorwand, unter dem Deckmäntelchen der "totalen Sicherheit" unsere Grundrechte weiter zu beschneiden.

 

P. H. aus F.

Freitag, 01-01-10 00:53

Bravo! Volle Zustimmung.

 
 

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