Donnerstag, 18.06.2009 „Mißtrauen, Spaltung, Sprachverlust“
Von Kai Zirner
Sein Plädoyer für einen ort- und zeitlosen Verfassungspatriotismus fand zwar Beifall selbst bei Historikern wie Habermas’ Sandkastenfreund Hans-Ulrich Wehler, die das Illusionäre dieser Konstruktion eigentlich erkennen müßten. Weltweit wird dieser aber in einem „plébiscite de tous les jours“ (Ernest Renan) für Nation, Ethnie, Stamm, Familie oder auch Religion als Primärbindungen dementiert. In einem hochartifiziellen Theoriegebäude spielen solche empirischen Einwände aber ebensowenig eine Rolle wie die philosophische Frage nach der Wahrheit, die nicht mehr durch die Einsicht in die Sache gefunden, sondern qua Zustimmung der Diskursteilnehmer konstituiert wird.
Zuletzt hat nun eine ganzes Heer von Theologen begeistert auf Habermas’ jüngste Äußerungen zur Religion reagiert. Galt zwar schon zuvor der von Habermas argwöhnisch beäugte gläubige Carl Schmitt den fortschrittlichen katholischen Theologen als Teufel, Habermas dagegen mindestens als heiliger St. Georg (Günter Maschke), so blieb doch trotz aller moralischen Korrektheit eine schmerzhafte Leerstelle durch Habermas’ „unmusikalisches Verhältnis zur Religion“ (Selbstauskunft) zu beklagen.
Nachdem Habermas, dem allgemeinen Post-Nine-Eleven-Trend folgend, großzügig religiös Überzeugte als Mitspieler im Diskurskarussell akzeptiert hat, fand die Begeisterung über diese Epiphanie keine Grenzen. Dabei hat Habermas, wie er jetzt noch einmal klarstellte, keineswegs die normativen Grundlagen unserer säkularen Verfassung à la Böckenförde in religiösen Voraussetzungen gesucht. Er hat nur den Zwang zur religiösen Kastration als Voraussetzung für einen rationalen herrschaftsfreien Diskurs etwas gelockert.
Früh wies er auf die Verbreitung der JF hin
Damit ist Habermas endgültig seiner Rolle als bundesdeutscher Staatsphilosoph entwachsen, der mit feinem Näschen jedes kleinste Anzeichen konservativer Gegenwehr erschnüffelte: So wies er auch früh auf die zunehmende Verbreitung der jungen freiheit hin, wollte sich aber von ihr nicht interviewen lassen. Zu groß sei die Gefahr der Aufwertung: Also sprach der Theoretiker des herrschaftsfreien Diskurses.
Auf seiner Agenda stehen nun globale Probleme wie das Verhältnis zwischen säkularer Weltgesellschaft und religiösen Residuen. Mit heimischen Scherereien sollte man ihn nicht mehr belästigen – zumal sein Erbe hierzulande bestens verwaltet wird. Dafür hatte Habermas frühzeitig die Weichen gestellt. Von den Vätern der Frankfurter Schule hatte er sich das kompromißlose „Durchregieren“ in der Berufungs- und Wissenschaftspolitik abgeschaut.
Verhinderten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno so manche mißliebige Berufung wie etwa die Golo Manns, so hat sich Habermas nicht nur ein Institut, sondern beinahe eine ganze bundesdeutsche Wissenschaftslandschaft nach seinem Gusto zusammengestellt, samt Verlag (Suhrkamp) und Hauszeitung (Die Zeit).
Von den Wunschvorstellungen der Diskurstheorie bestimmt
Zurück nach Frankfurt: Die hiesigen Philosophen sind nun, lange nach Habermas’ Emeritierung, ausgerechnet in das alte Verwaltungsgebäude der IG Farben umgezogen, den prächtigen Poelzig-Bau im noblen Frankfurter Westend, der bis zur Wiedervereinigung als Hauptquartier des V. US-Corps diente.
Mit umgezogen ist Habermas’ Geist: Das neue Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ ist ganz von den empirisch nicht geerdeten Wunschvorstellungen der Diskurstheorie bestimmt. Sprecher des staatlicherseits üppig alimentierten Forschungsverbundes ist der Habermas-Schüler Rainer Forst.
JF 25/09

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