Samstag, 29.08.2009

Menschwerdung

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist in Deutschland wohl kaum etwas so heilig wie die Menschenwürde. Sie ist der unantastbare Kern des Grundgesetzes und steht niemals zur Diskussion.

Doch in der Realität gilt der Schutz der Menschenwürde nicht für das ungeborene Leben. Um die Argumentation für die Abtreibung dennoch ethisch und gutmenschlich akzeptabel zu machen, wird immer suggeriert, daß ein Embryo erst Mensch werden muß, um die Menschenrechte zu erhalten.

Wo dieses Menschsein anfängt, wird beliebig verschoben: Mal ist es nach der Einnistung des Embryos, mal nach der zwölften Schwangerschaftswoche, mal ist eine vermutete Behinderung des Ungeborenen Grund genug, ihm das Lebensrecht abzusprechen. Wird eine Behinderung diagnostiziert, kann das Kind bis zum Einsetzen der Wehen abgetrieben werden. (Vorausgesetzt die Mutter sagt, sie komme damit psychisch nicht zurecht.)

Jahrelanger Druck von Ärztekammern und Kirchen

Nach jahrelangem Druck von Ärztekammern und Kirchen hat die Bundesregierung im Mai dieses Jahres eine Verschärfung des Spätabtreibungsgesetzes beschlossen. Dennoch würden wohl nur die wenigsten Politiker zuzugeben, daß sich die hiesigen Abtreibungs- und Spätabtreibungspraxis wohl kaum mit dem Schutz der Menschenrechte vereinbaren läßt.

Doch so radikal gegen das Leben, wie Asja Huberty, Mitglied des Landesvorstandes der Linkspartei in Schleswig-Holstein, hat in Deutschland bislang kaum jemand argumentiert.

Anläßlich des neuen Spätabtreibungsgesetzes veröffentlichte sie Mitte Juni einen Beitrag auf der Netzseite der Linkspartei Schleswig-Holstein.

„Zustand der Dämmerung“

Darin spricht sie einem Ungeborenen jegliches Menschsein ab. Dieses befände sich in einem „Zustand der Dämmerung“, etwa vergleichbar mit dem „unbewußten Gefühlsleben einer Pflanze“. Sie geht aber noch weiter: „Der Fötus ist kein Individuum und befindet sich im besten Falle auf der evolutionären Stufe mit einer Kaulquappe, aber ganz sicher nicht mit einem Menschen, auch wenn er – rein ontologisch betrachtet – aufgrund seines potentiellen Menschseins der Kategorie ‚Mensch’ zugeordnet werden muß.“

Laut Huberty würde die Menschwerdung erst zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr eines Kindes stattfinden, denn erst dann bilde sich das „Sich-selbst-erkennen-können“. Dies geschehe „indem sich das Kind aus den rein auf räumlich-zeitliche Explikationen begrenzten Wahrnehmungsmöglichkeiten des Tieres befreit.“

Demzufolge könne ein Schwangerschaftsabbruch niemals als Mord bezeichnet werden, „da schlicht niemand ermordet wird“, schreibt Huberty. Fragt sich nur, ob sie auch das Töten von Säuglinge und Kleinkinder billigt, da diese ihrer Theorie nach ebenfalls noch keine wirklichen Menschen sind.

Daß Linke im Namen sogenannter Frauenrechte schon immer versucht haben, die Grenze „des Menschwerdens“ zu verschieben, ist keine Neuigkeit. Denn je enger die Definition des Menschseins begrenzt und weiter nach hinten verschoben wird, desto kürzer greifen die Menschenrechte und um so länger kann ungestört abgetrieben werden.

 



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Marc Fiedler aus Berlin

Samstag, 05-09-09 23:24

@Joachim Greenwood:

Haben Sie schon mal etwas vom Interesse der Gattung bzw. der Art gehört? Ich habe den Eindruck, daß Sie meinen Kommentar nicht einmal ansatzweise verstanden haben. Von Abtreibung als "Sport" oder "nachträglicher Familienplanung" war gerade nicht die Rede, sondern von einer schweren, jedoch notwendigen Entscheidung in legitimen Ausnahmefällen.

Lesen Sie sich meinen Kommentar (alle drei Teile!) bitte noch einmal genau durch und denken Sie über den konservativen Begriff der Lebensdienlichkeit nach, den ich verwendet habe.

 

Joachim Greenwood aus USA

Freitag, 04-09-09 18:41

Na Marc Fiedler?
Und wo bleiben die Interessen des Ungeborenen Kindes?
Interessant welche Entschuldigungen sie anfuehren.
Wie sollen sich Eltern fuehlen bla.bla.
Abtreibung ist kein Sport und auch keine Familienplanung after the fact.

Na Leute diese Bbegruendungsfuehrung ist in etwa so wie:
Mist, da habe ich einen Abteilungsleiter vor der Nase sitzen und ich muss womoeglich zig Jahre warten um auf seinen Stuhl zu klettern. Also ich verbringe doch nicht mein Leben damit... Also muss der Abgetrieben werden.

 

Marc Fiedler aus Berlin

Montag, 31-08-09 11:29

Fortsetzung II:

Deshalb stehe ich auch der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik keineswegs negativ gegenüber. Sofern sie verantwortungsvoll eingesetzt werden (d.h. lebensdienlich und damit im besten Sinne konservativ), können derartige eugenische Maßnahmen durchaus ein Segen sein. Darüber sollten die christlich-konservativen Heuchler und Pharisäer mit ihrem wie eine Monstranz vor sich hergetragenen Gutmenschentum mal nachdenken!

 

Marc Fiedler aus Berlin

Montag, 31-08-09 11:27

Fortsetzung I:

Wem ist damit gedient, wenn Paare mit Kinderwunsch nach der Geburt eines schwerbehinderten Kindes, das nun ihre lebenslange Fürsorge verlangt, so gebunden sind, daß sie in der Folge häufig auf weitere Kinder verzichten, obwohl sie aller Wahrscheinlichkeit noch gesunden Nachwuchs hätten haben können? Auch dies ist lebensfeindlich, da im Ergebnis das biologische Aussterben dieser Erblinien steht. Ich weiß nicht, was daran konservativ sein soll.

 

Marc Fiedler aus Berlin

Montag, 31-08-09 11:23

Ich kann Herrn Sydow nur zustimmen. Abtreibung ist illegitim, sofern sie aus Egoismus und Lebensfeindlichkeit geschieht. Anders sieht es bei der kriminologischen (nach Vergewaltigung) und der medizinischen Indikation aus (bei Lebensgefahr für die Mutter bzw. schwerer Schädigung des Kindes). Hier halte ich Abtreibung für absolut legitim und notwendig.

Fortsetzung folgt.

 

Winfried Wutz aus Grafling

Sonntag, 30-08-09 20:06

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Unbeschwertheit Herr Sydow zwischen Abtreibung und Abtreibung differenzieren möchte. Warum sollten denn Menschen mit Behinderungen abgetrieben werden? Welcher Grad an Behinderung sollte denn den Ausschlag geben, ob ein Kind nun leben oder nicht leben darf bzw. seine Abtreibung als Mord oder Gnade zu verstehen ist? Ich selbst haben mehrere Jahre mit geistig behinderten Menschen zusammengearbeitet und glückliche, fröhliche Menschen angetroffen. Ich hatte nie den Eindruck, dass einer dieser nicht leben wollte. Dass einem Kind, das zum Leben bestimmt ist, eine "fachgerechte" Abtreibung zum Wohle dienen sollte, grenzt schon an ebendiesen Blödsinn einer Frau Huberty.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Sonntag, 30-08-09 13:02

Ergänzende Gedanken:

Hubertys Aussagen sind schlichtweg menschenverachtend, was zeigt, was Atheismus beim Menschen anrichten kann. Jedes Kind, auch das ungeborene, ist ein Geschenk Gottes. Eine Abtreibung Ungeborener ohne Behinderung ist Mord, wenn das Leben der Mutter nicht bedroht ist. Will sie es nicht, kann es zur Adoption freigegeben werden.

Anders sieht es bei Ungeborenen mit Behinderung aus. Hier kann die Abtreibung für das Kind - es geht immer nur um das Kind - eine Gnade sein. Unser Christentum geht mit seinem Postulat vom gottgewollten Leiderduldenmüssens zu weit. Und zu sagen, vielleicht wäre das behinderte Kind lieber zur Welt gekommen, ist Unsinn, weil es von seiner Existenz nichts weiß.

 

Joachim Greenwood aus USA

Sonntag, 30-08-09 04:13

Sie koennen uns bis zum kleinsten deteil sagen wie das alles so funktioniert.
Nur sie koennen uns nicht sagen warum es passiert.

Eigendlich wissen sie nichts ausser, wie das was man nicht weis zu manipulieren sei.

Sie legen fest ab wann ein Mensch ein Mensch sei. Nun Kinder koennen erst ab dem 10ten Lebensjahr abstrakt denken.
Sind das bis dahin Menschen? Ab wann ist der Mensch kein Mensch mehr. Ab welchem grade Altersenilitaet verspielt man das recht Mensch genannt zu werden?

Nun diese Fragen sind alle nicht neu. Waren alle schon mal Gesellschaftsfaehig und kommen nun schon wieder.

 

Martin W aus München

Samstag, 29-08-09 14:08

Diese Aussagen zeigen das intellektuelle und ethische Niveau von Frau Huberty: Nehmen wir die Aussage, das Lebensrecht hänge etwa an der Wachheit des Bewusstseinszustandes. Wenn Frau Huberty schläft oder vor sich hindämmert, müsste man sie folglich straffrei töten können.
Der Vergleich von Menschen, deren Lebensrecht man nicht anerkennt, mit tierischem oder pflanzlichem Leben, hat übrigens Tradition: Schon die Nazis verglichen die Juden mit Ratten bzw. Parasiten, ebenso wie Feministinnen wie deBeauvoir, die Kinder mit Parasiten verglich. Bei Frau Huberty sind es eben Kaulquappen.

 

Florian K. aus Hannover

Samstag, 29-08-09 13:13

Sind das nicht dieselben, die täglich eifrigst bemüht sind, die Menschenverachtung der gesamten Nazi-Zeit in unseren Köpfen wach zu halten?

Die "rechts" per se als menschenverachtend hinstellen und täglich den "Kampf gegen Rechts" anfeuern, und Gewalt (durch die auch Menschenwürde von Andersdenkenden, sogar von Unbeteiligten oder Polizisten verletzt wird) als ok ansehen?

Die hingegen aber auffällig schweigen wenn es um die Menschenwürde zwischen 1945 und 1989 in Mitteldeutschland geht? Von Ostdeutschland ganz zu schweigen.

Oder dieselben, die allem und jedem hier in Deutschland volle Rechte zubilligen, die jedoch immer auf Kosten der Gemeinschaft verwirklicht werden sollen?

Das ist purer Selbsthass. Und Millionen fallen drauf rein.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Samstag, 29-08-09 12:43

Nachtrag zu eben:

"Fachgerechte Abtreibung" bezieht sich natürlich auch auf gesunde Föten.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Samstag, 29-08-09 12:29

Vorab: Ich bin auf dem Gebiet kein Experte. Für mich ist der Beginn des Menschen die Vereinigung der Samenzelle mit der Eizelle - und damit grundsätzlich der Beginn der Menschenwürde.

Was Föten mit Behinderung betrifft, habe ich jedoch eine gänzlich andere Meinung als Konservative. Ich plädiere dafür, daß sie nicht geboren werden (keine Euthanasie!). Die Menschenrechte bedeuten für mich auch, nicht auf die Welt kommen zu müssen. Für einen behinderten Fötus wird eine fachgerechte Abtreibung nicht schmerzhaft sein, ein Mensch mit Behinderung wird aber sein ganzes Leben darunter leiden und seine Eltern fragen:"Warum habt ihr mich auf die Welt kommen lassen?"

Zum Wohl des Kindes kann folglich auch sein Nichtgeborenwerden gehören.

 
 

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