Deutschland

Freitag, 02.10.2009

Tag der deutschen Armut

Von Stefan Hug

Er taugt gerade mal zur Offenen Moschee und zur Werbung für Konzerte. So lädt die „Coca-Cola Soundwave Disovery Tour“ am 3. Oktober ein, mit „Bands aus Ost und West“, „renommierten Headlinern“ sowie „vielversprechenden Newcomern“ zu feiern. Daß das vor der Kulisse des Brandenburger Tors stattfindet, dürfte für das Publikum nebensächlich sein, ein beliebiges Stadion täte es genauso …  

Ein trauriges Bild bietet auch Leipzig, das mit seinen Montagsdemonstrationen 1989 zum Sinnbild für das Scheitern des SED-Regimes wurde und in diesem Zusammenhang als „Heldenstadt“ in die Geschichte einging. Damals wurden Schilder hochgehalten, auf denen „Wir sind das Volk“ geschrieben stand.

Und heute? Am 3. Oktober veranstaltet man dort ein „Interkulturelles Fest“ unter dem Motto „Einheit in Vielfalt“. Angeboten wird Indischer Tanz, Latin-Tango-Jazz, Flamenco und Halay – „ein national-folkloristischer türkischer Tanz, der die stürmisch-rhythmische Lebensweise der anatolischen Bewohner symbolisiert“. Den krönenden Abschluß bildet ein „Inline-skating für Einheimische und Migranten“. 

Wo und wann wird bei solchen Veranstaltungen das Glück der Einheit beschworen? Wo und wann die Gewalt und die Schmerzen der Teilung, die vor ihr lagen? 

Schwierigkeit eines gemeinsamen nationalen Gedenktags

Seit Jahren wird der 17. Juni 1953 von Historikern als Anfang des langen Endes der DDR gedeutet. Bereits damals erwies sich, daß das kommunistische System im Grunde die ganze Bevölkerung gegen sich hatte. Die Führung der DDR antwortete mit dem Aufbau eines Überwachungsapparats, der selbst innerhalb des Warschauer Pakts seinesgleichen suchte – nirgends gab es mehr Spitzel in der Bevölkerung.

Und doch konnten all diese Bemühungen den Untergang des Systems nicht verhindern. In dieser Perspektive erscheint der 17. Juni 1953 nur als ein vorläufig gescheiterter Anlauf zum (erfolgreichen) 9. November 1989. Es ist bedauerlich, daß dieses Datum nicht als nationaler Gedenktag beibehalten und mit neuem Leben erfüllt wurde.

Um falschen Eindrücken vorzubeugen: Das Ringen um einen Feiertag der Deutschen ist kein Problem der Bundesrepublik, sondern wesentlich älter. Bereits die Führung des Zweiten Deutschen Reichs war sich uneins in dieser Frage; die Bevölkerung feierte Kaisers Geburtstag und den Sedantag, der an den Sieg über Frankreich im Jahre 1871 erinnerte. Letzterer war in Süddeutschland unpopulär, da er als preußischer Feiertag betrachtet wurde – bei Sedan hatten vor allem preußische Truppen gekämpft.

Suche nach einem „richtigen“ deutschen Nationalfeiertag bleibt akut

Die Weimarer Republik war nicht besser. Ein Vorstoß der Nationalversammlung von 1919, den 1. Mai zum Nationalfeiertag zu bestimmen, scheiterte. Immerhin wurde der Sedantag abgeschafft. 

Von 1921 bis 1932 war der 11. August der Nationalfeiertag. An diesem sogenannten „Verfassungstag“ war 1919 die Weimarer Reichsverfassung verkündet worden. Dieser Tag blieb ohne Verankerung im Volk, in vielen Ländern des Reiches war er nicht einmal gesetzlicher Feiertag.

Die Nationalsozialisten erhoben den 1. Mai zum nationalen Feiertag, aber das war eher eine Konzession an die Arbeiter, die man damit gewinnen wollte. Der 7. Oktober, Staatsgründungs- und Nationalfeiertag der DDR, ging mit dieser unter. 

Die Suche nach einem „richtigen“ deutschen Nationalfeiertag bleibt also akut, gerade weil die politische Elite diese Frage mit dem 3. Oktober erledigt sehen will. Aber dieser bietet der Bevölkerung kaum Anlaß zur Identifikation mit dem deutschen Gemeinwesen und seiner wechselvollen Geschichte.

JF 41/09




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Martin W aus München

Samstag, 03-10-09 23:55

Ein Buchtip:
http://www.jahrhundertlüge.de/
(Die Seite ist zeitweilig gestört, also nicht locker lassen; das Buch verboten, also unbedingt anschauen!)

 

Joachim Reuter aus Mönkeberg

Samstag, 03-10-09 12:39

Ich stimme Bernd Sydow zu.

Was kann in diesem Zusammenhang symbolhafter sein, als das Haacke "Kunstwerk" im Innenhof des Reichstages, das mit großer Mehrheit aller Abgeordneten installiert wurde.
Die Aufschrift "Der Bevölkerung" ist bewußt als Gegenaussage zur Inschrift am Reichstagsportal "Dem deutschen Volke" gewählt worden.

Damit hat sich die Politikerkaste in Deutschland willentlich vom deutschen Volk distanziert. Aber das deutsche Volk wendet sich - und das läßt hoffen - in zunehmenden Maße von dieser Kaste ab. Es fehlt allerdings eine politische Organisation, die der "Befindlichkeit" des deutschen Volkes Ausdruck und Mandat geben kann.

 

Wolfgang W. aus München

Samstag, 03-10-09 12:03

Wenn wir ehrlich sind, dann gibt es nur einen Feiertag: Der 9.11. Dieser Tag drückt ideal die gesammte Bandbreite des Deutschen unserer Geschichte aus. Es war der Tag der Kristallnacht und es war der Tag des Mauerfalls. Diese beidseitige Medaillie ist unsere Geschichte, zu der wir stehen sollen ohne uns im Heute einschüchtern zu lassen. Es gibt keine Erbschuld und der freudige Anteil sollte auch überwiegen. Denn es gibt kein Land auf der Erde, das seine Fehler so permanent und nichtabnehmend widerkäut wie Deutschland. Ich habe eine 6 jährige Tochter. Ich muß ihr schon sagen, daß Hitlerdeutschland Unrecht verübt hat. Genauso wie Stalin und Mao. Das hat nichts mit Revisionismus zu tun. Es ist einfach so. Und ich bringe meiner Tochter auch bei, daß sie gar nichts damit zu zun hat. Ich werde meiner Tochter nicht den hier in Deutschland üblichen Schuldrucksack aufpacken. Nein! Sie ist unschuldig, genauso wie ich. Und ich werde ihr auch erklären, daß der Mauerfall und die Freude darüber bei den Gefühlen dominieren darf.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Samstag, 03-10-09 10:42

(Fortsetzung)

Die politische Klasse hat sich der materialistisch-hedonistischen Einwohnerschaft ihrer Hauptstadt weitgehend angepaßt. Aus dem Ruf der Mitteldeutschen im Herbst 1989 "Wir sind ein Volk!" (nämlich das deutsche) wurde "Wir sind allerlei Volk" (wie im Mittelalter). So verriet sie die Ideale der gewaltfreien mitteldeutschen Volkserhebung. Nationale Selbstvergessenheit und politische Ignoranz kennzeichnen seitdem ihre "korrekte" Politik.

So ist also der 3.Oktober 2009 wieder ein "Feiertag" ohne nationale Rückbesinnung, dafür aber mit viel Kirmes und Party.

 

Frank Fischer aus Erfurt

Samstag, 03-10-09 10:30

Es war die Angst vor dem eigenen Volk verunden mit der Dummheit und dem Ungeschick, der abgehobenen Funktionärskaste in den Parlamenten, die uns um einen echten Nationalfeiertag gebracht hat. Dies kann und wird sich das Volk nicht auf Dauer bieten lassen. Das Bedürfnis nach Identifikation mit der eigenen, deutschen Nation ist sehr viel größer, als die Massenmedien des unter Selstzensur leidenden Systems erscheinen lassen. In privaten Gesprächen läuft man mit diesem Thema immer öfter offene Türen ein. Dies ist ein Indikator für einen evorstehenden Umschwung. Das kommende wirtschaftliche und soziale Desaster des Globalismus wir der Auslöser sein.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Samstag, 03-10-09 10:26

Ein Wort zum 3.Oktober 2009 in Berlin

Eine Nation braucht den Willen, eine solche zu sein, und ein Nationalstaat Symbole, die diesen Willen versinnbildlichen. Von beidem ist in Berlin, Hauptstadt des (teil)wiedervereinigten Deutschlands, so gut wie nichts zu bemerken; der Geist des Gewöhnlichen ist zu spüren allerorten.

In dieser einstigen Preußenmetropole hat das autochthone wie das zugewanderte Prekariat längst die Herrschaft übernommen und den eingeschüchterten Rest des Bürgertums in städtische Reservate abgedrängt.

Für die Hauptstädter sind Verleugnung der eigenen Identität und Duldung fremdkultureller Ghettos Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit.

(wird fortgesetzt)

 
 

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