Geschichte

Mittwoch, 17.06.2009

Die blutige Rache der Werktätigen

Von: Bernd Rabehl


Er mochte sich für Augenblicke als der „König“ und „Despot“ einer Stadt fühlen, der für seine Lebenspein und seine Erniedrigungen Rache nehmen konnte. Mit Drohgebärden konnte er jeden einschüchtern und in Angst und Schrecken versetzen. Der russische Okkupationsapparat transportierte die Verratenen in die Konzentrationslager Sachsenhausen oder in die Gefängnisse des Bezirks. Viele von ihnen wurden durch Schnellgerichte zu langen Haftstrafen verurteilt und nach Workuta und in andere Arbeitslager in Sibirien verschickt. Nur wenige von ihnen würden zurückkehren.

Jetzt, es mochte gegen 13 Uhr sein, riß er sich los und rannte in die Mittelstraße hinein. Einige Männer halfen ihm, Zuflucht in der Molkerei zu finden. Ein Krankenwagen wollte den Schwerverletzten bergen und ins Krankenhaus transportieren. Das Auto wurde von der Menge gestürmt und der Spitzel herausgezerrt. Ich umklammerte mein Fahrrad und beobachtete aus etwa dreißig Meter Entfernung das Geschehen.

Hagedorn wurde in die Berliner Straße, sie trug damals noch den Namen Stalins, in Richtung Havelschleuse gehetzt. Er fiel hin, raffte sich auf, wurde getreten, sprang erneut auf, rannte und kämpfte um sein Leben. Die Menge war unerbittlich. Der Spitzel sollte sterben. Die Verfolger bildeten eine Meute. Sie schlugen auf ihn ein. Haß und Wut vereinigte sie. Mordlust kam auf. Am Hafen, wo er vor 1945 gearbeitet hatte, wurde er gezwungen, ins Wasser zu springen. In einem Boot warteten fünf junge Männer auf ihn. Sie wollten ihn ertränken. Am anderen Ufer, an einem Zugang zur Altstadt, war Volkspolizei zu sehen.

Haß und Wut vereinigte sie, auch Mordlust kam auf

Hagedorn ging unter, stieß nach oben, japste nach Luft und machte Schwimmbewegungen, um das rettende Ufer zu erreichen. Er hielt sich am Boot fest. Die jungen Männer schlugen mit dem Paddel auf seine Finger. Hagedorn ließ los. Sein Kopf versank. Zwei Meter entfernt stieß er wieder nach oben. Er schrie. Mir war bewußt, daß hier ein Spitzel zu Tode gehetzt wurde. Die Rache bildete eine anonyme Kraft und vereinigte die vielen Demonstranten, die in Hagedorn so etwas sahen wie ein Symbol und den Repräsentanten der Besatzungsdiktatur.

Plötzlich sprang mein Schul- und FDJ-Freund Horst Musold, Arbeiterkind wie ich, ins Hafenbecken. Zwei andere Jugendliche folgten ihm. Mit schnellen Schwimmstößen erreichten sie den Ertrinkenden. Musold nahm den Kopf von Hagedorn und drückte ihn unter Wasser. Der tauchte wieder auf, spuckte. Seine Schreie erstarben in gurgelnden Geräuschen.

Er verschwand erneut unter Wasser. Am Hafenbecken johlte die Menge. Hunderte sahen den Qualen dieses Mannes zu. Kurz vor dem endgültigen Abtauchen konnte ihn ein Polizist am Schopf ergreifen. Er wurde in ein Polizeiauto gezerrt. Im Krankenhaus weigerten sich Krankenschwester und Ärzte über längere Zeit, den Todgeweihten zu behandeln. Nach zwei Stunden starb er an den schweren Verletzungen von Körper und vor allem Kopf. >>



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Matthias Richter aus Bayern

Mittwoch, 17-06-09 14:56

Rabehl hat diese Geschichte geschrieben, weil er eine - sehr zweifelhafte - Parallele zwischen diesem Hagedorn und Kurras ziehen will. Die Moral der Geschicht: Spitzel sind sozusagen berufsmäßige Verräter, eine Spezies für sich, keine echten Kommunisten oder Nazis oder Musterdemokraten oder was auch immer. Und wenn Hagedorn zugleich Kommunist und Nazi war, und damit zumindest "keine echter Kommunist", dann wars Kurras bestimmt auch nicht. Und schon ist für den Alt-68er Bernd Rabehl der "2. Juni" und das Benno Ohnesorg Märchen gerettet, der Gründungsmythos der 68er-Bewegung gerettet.

Hagedorn ist kein Nazi hier:
http://www.17juni53.de/tote/hagedorn.html
http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.[..]

 

Hans Holt aus Berlin

Mittwoch, 17-06-09 13:38

Heute ist der echte "Tag der Deutschen Einheit". Es ist eine Schande, dass der Tag der "administrativen Zusammenlegung" der beiden deutschen Teilstaaten am 3. Oktober 1990 als Staatsfeiertag auserkoren wurden. Die geistige deutsche Elite hat damals versagt, versagt heute und wird bis zum letztlich moralischen Niedergang in naher Zukunft wieder versagen.
Für mich ist der 17. Juni nach wie vor ein Tag zum Gedenken, er ist mein persönlicher politischer Feiertag!

 

Wolfgang Steuer aus Rochlitz

Mittwoch, 17-06-09 12:28

Diese Geschichte beeindruckt doch sehr. Man sollte öfters die Handlungen zum 17. Juni auf die Personen beziehen, sie auch benennen. In Geithain/Sachsen befindet sich in der Bahnhofstraße ein kleines Schild, das an den ermordeten Arbeiter Eberhard von Cancrin erinnert. Er arbeitete im nahe liegenden Borna, war wohl auch bei den Streikenden, wurde von den SED Schergen verhaftet und in einer Kiesgrube erschossen. Zu Hause warteten Frau und seine zwei Kinder auf den Vater, der nicht mehr heimkam. Später schickte man der Witwe, die heute noch hochbetagt in Geithain lebt, die Asche zur Beerdigung. Diese durfte nur im kleinen Rahmen stattfinden. Zu DDR Zeiten wurde dann die ganze Familie benachteiligt und schikaniert.

 
 

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