Donnerstag, 18.06.2009 „Mißtrauen, Spaltung, Sprachverlust“
Von: Kai Zirner
 Jürgen Habermas Foto: Wikipedia/Wolfram Huke
Morgens um acht Uhr fünfzehn an einem Herbsttag in den neunziger Jahren war es soweit: Der Meister kam in den völlig kahlen Übungsraum des häßlichen Betonbaus an der Senckenberganlage in Frankfurt am Main, direkt neben dem legendären Institut für Sozialforschung.
Hier waren die Philosophen untergebracht, und hier betrat nun Jürgen Habermas den vollbesetzten Saal. Der Grund für den für Studenten der Philosophie so ungewöhnlich frühen Termin wurde sogleich klar: Um zwei Uhr, der Normalzeit des Tagesbeginns von Geisteswissenschaftlern, wäre hier kein Durchkommen mehr gewesen, denn auch jetzt war der größte Saal des Hauses schon voll.
Die Veranstaltung war ein Proseminar, richtete sich also an „Studierende“ im Grundstudium. Thematisch ging es um die Fortentwicklung von John Rawls Theorie der Gerechtigkeit, genauer: um die kontextualistische Wende des liberalen amerikanischen Philosophen.
Für Studienanfänger denkbar ungeeignet
Nun ist es in deutschen philosophischen Proseminaren Usus, einen vergleichsweise leichten und vor allem kurzen Text eines Klassikers zu lesen, um an diesem Beispiel in das philosophische Denken einzuführen und den Nachwuchs mit Grundfragen der Philosophiegeschichte vertraut zu machen. Beliebt sind relativ voraussetzungslos verstehbare Texte wie die Nikomachische Ethik des Aristoteles oder Descartes’ Meditationen über die erste Philosophie. Die speziellen Wendungen eines Gegenwartsphilosophen, von dem man neben den Seminartexten mindestens sein Hauptwerk „A Theory of Justice“ (1971) gelesen haben muß, sind didaktisch für Studienanfänger denkbar ungeeignet.
Doch schnell merkte man, daß Habermas jeder didaktische und pädagogische Ehrgeiz abging. Auch die vier Begleittutorien konnten dies nicht ausgleichen. So plätscherte das Seminargespräch im Wechsel zwischen dem Dozenten, einigen ganz wenigen Eingeweihten wie den Tutoren und vorlauten, aber ahnungslosen „Erstis“ dahin. Die Unterscheidung zwischen einer esoterischen, für die eigentlichen Jünger gedachten, und exoterischen Lehre für alle bei Platon kam einen in den Sinn.
Der Akademie-Gründer hätte aber vielleicht sorgsamer korrigiert: Habermas gab auf ein und dasselbe Protokoll, das zweifach an ihn gelangt war, gleich zwei unterschiedliche Noten, was zugleich seine Abkehr von der egalitären Einheitsnote dokumentierte. >>

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