Sonntag, 10.01.2010 Mut zur Differenz
Von Karlheinz Weißmann
Seine Zerstörung war nur deshalb möglich, weil man – in typisch deutscher Manier – irgendwann an die Überlegenheit des Fremden zu glauben begann, des amerikanischen campus und der englischen secondary schools etwa, und anfing, Schule wie Hochschule mit Forderungen zu überziehen, die sie nicht erfüllen konnten.
Von der Idee, in den Bildungseinrichtungen den demokratischen (fallweise: sozialistischen) Zukunftsmenschen vorzubereiten, bis zu der, hier würde der drogenfreie, sexuell offene und kommunikative Typus geformt, für den es nicht auf Kenntnis und Verstehen, sondern auf „Kompetenzen“ ankommt, die er in der „Wissensgesellschaft“ souverän benutzt, um sich ganz nach Wunsch auf jedem beliebigen Gebiet firm zu machen, reicht eine ununterbrochene Folge von Mißbräuchen und Mißverständnissen.
Fehlende Auslese
Eins verbindet sie alle: Es soll in Schule und Hochschule nicht um das gehen, worum es zwangsläufig gehen muß, also Lehren und Lernen, wobei der Lehrer lehrt und der Schüler lernt – der Lehrer, weil er das kann, und der Schüler, weil er das soll. Für das Können des Lehrers wie das Sollen des Schülers gibt es Maßstäbe; wer vor denen versagt, muß der Auslese anheimfallen.
Dieser Zusammenhang ist so simpel und so unbestreitbar, daß er in den Bildungsdebatten keinesfalls genannt werden darf. Denn jeder weiß oder kann wissen, daß der Krebsschaden unseres Schulsystems fehlende Auslese ist. Die Einführung schulartiger Konzepte in den Kindergärten geht nicht zusammen mit der Weigerung, die Kinder in der Grundschule zu benoten.
Das Fehlen von Aufnahmeprüfungen an den weiterführenden Schulen und Hochschulen; die allgemeine Absenkung des Standards und die pädagogische Schaumschlägerei; die systematische Verschleierung von Analphabetismus niederer und höherer Art; der politische Druck, der in manchen Bundesländern schon ausgeübt wird, um den Durchschnitt bei Klassenarbeiten zu heben, aber jedenfalls um hohe Absolventenzahlen zu erzwingen oder die Leute mit unbrauchbaren, aber wohlklingenden Titeln in die Arbeitslosigkeit zu schicken – das alles hat nur einen Zweck: echte Auslese zu vermeiden.
Eine mächtige Phalanx von Gesellschaftsingenieuren und Schlechtweggekommenen, Ungebildeten und Zynikern ist entschlossen, dieses Tabu aufrechtzuerhalten, selbst wenn das deutsche Bildungssystem daran zugrunde geht.
JF 2/10
Mehr zum Thema Bildungspolitik in der aktuellen JUNGEN FREIHEIT:
> Aufstand der Versuchskaninchen: In Norddeutschland wächst der Widerstand gegen den geplanten Ausbau der Einheitsschule, Seite 4
> In den Fängen der Parteipolitik: Die Kulturhoheit der Länder und die verwirrende Schulpolitik, Seite 10

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