Deutschland

Sonntag, 07.02.2010

Lebensversicherung Familie

Von: Jürgen Liminski

Immer mehr Menschen in Deutschland hängen am Tropf des Staates Foto: Pixelio/Gabi Schoenemann

Am kommenden Dienstag wird das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe sein Hartz-IV-Urteil verkünden. Es wird die Debatte um den Sozialstaat beleben. Der Sozialhaushalt ist der größte Brocken im defizitären Budget, und nach der Wahl in Nord­rhein-Westfalen wird es ans Sparen gehen. Da werden die Blicke vor allem auf die Fettpolster des Sozialstaats fallen. Aber die gierigen Blicke sehen allenfalls die Oberfläche, die Politik doktert nur am schwächelnden Sozialstaat herum.

Dabei gehört die soziale Sicherheit zur Staatsräson moderner Gemeinwesen. Sie ist integraler Bestandteil staatlicher Souveränität. Wer seinen Bürgern keinen existentiellen Schutz bietet und die Solidarität nur in guten Zeiten, also in Zeiten des Überflusses übt, der zerstört in Zeiten der Krise das Gemeinwesen. Jean Bodin, einer der ersten denkerischen Begründer der abendländischen Rechts- und Staatsphilosophie, formulierte in seinem Hauptwerk vor rund 450 Jahren, der Zweck des Staates sei „in erster Linie die Sicherung der schlichten sozialen Existenz, die Sicherung von Leib, Leben, Freiheit und Eigentum also“.

Der Staat solle nicht nur das Gegenmodell zur Räuberhöhle sein, sondern die „Voraussetzung einer glückseligen Existenz“ sichern. Es ging nicht um die Glückseligkeit von Apothekern, Hotelbesitzern, Alleinerziehenden oder einer anderen sozialen Gruppe. Bodin meinte das Gemeinwohl, das bonum comune.
Die moderne Definition dieser Gedanken findet sich im Sozialstaatsprinzip des Artikels 20, Abs. 1 des Grundgesetzes. Es verpflichtet den deutschen Staat, seinen Bürgern ein Existenzminimum als Grundlage für ein menschenwürdiges Dasein zu sichern.

Eine Frage des Systems

Die Sozialleistungen sollen nicht nur deren physisches Überleben garantieren, sondern auch ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen („soziokulturelles Existenzminimum“). Über ein solches Existenzminimum müssen nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts nicht nur Transferleistungsempfänger, sondern alle Bürger frei verfügen können: Besteuert werden dürfen deshalb nur Einkünfte, die über dieses Existenzminimum hinausgehen. Konkret: Steuerlich zu verschonen ist auch der für die Versorgung und Erziehung von Kindern notwendige Bedarf.

Hier wird es willkürlich. Die Politik setzt den Existenzfreibetrag entgegen der Rechtsprechung tiefer fest. Das aber ist nicht nur eine Frage der Finanzen, sondern auch des Systems. In den Familien werden die Voraussetzungen geschaffen, von denen der Staat lebt, die er selber aber nicht schaffen kann (Böckenförde), zum Beispiel Gemeinsinn, Toleranz, Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft, Verantwortung. Es ist bezeichnend, daß – folgt man der wissenschaftlichen Literatur – „die Erzeugung solidarischen Verhaltens“ als ein Grund für den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie genannt wird. Es sei eine Leistung, schreibt der Nestor der Familienpolitik, Heinz Lampert, die in der Familie „in einer auf andere Weise nicht erreichbaren Effektivität und Qualität“ erbracht werde. Benedikt XVI. formuliert es so: „Die Familie ist der Kern aller Sozialordnung.“

Diese Solidarität, dieser Gemeinsinn, die Toleranz, die Ehrlichkeit, die Verantwortungsbereitschaft und viele weitere soziale Tugenden gehen allmählich verloren, wenn die Familie diesen Schutz nicht erfährt. Ehe und Familie nutzen dem Staat. Nicht nur finanziell in Höhe von 77.000 Euro pro Kind bis zum Alter von 18 Jahren, die der Staat an jedem Kind verdient, wie das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung ausgerechnet hat. Stabile Beziehungen senken auch die Risiken von Armut und Krankheit und erhöhen die Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit, wie Forscher herausgefunden haben. >>



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Herbert Weiß aus Stahnsdorf

Montag, 08-02-10 23:18

Lieber Otto Ohnesorge,

was die genannten Beispiele betrifft - es ist tatsächlich haarsträubend. Wenn ich allerdings daran denke, dass 20 Jahre nach dem Mauerfall die S-Bahn immer noch nicht wieder nach Stahnsdorf fährt, jeder Bahnmanager dennoch wahrscheinlich mehr einstreicht, als dieses ganze Forum zusammen ...

@ A. Müller - zum Apostel-Paulus-Zitat: es war sicher der Anspruch, den dieser Mann an sich selbst gestellt hat. Nach Sirach ist aber auch jeder Arbeiter seines Lohnes wert. Krumme Hunde gibt es in allen sozialen Schichten.

 

A. Müller aus der Pfalz

Montag, 08-02-10 17:26

3.) Wer meint, es sich in Hartz IV bequem machen zu müssen, der sollte nur noch das Allernötigste zum Überleben bekommen. Irgendeinen Anreiz, überhaupt den Hintern hochzubekommen, muß es ja noch geben.

Frei nach dem Apostel Paulus: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen."

 

A. Müller aus der Pfalz

Montag, 08-02-10 17:20

2.) Sehe ich mir die Beispielrechnungen an, die in den letzten Tagen verstärkt in den Medien kursieren, wundert es mich nicht, daß Deutschland so beliebt bei bestimmten Migranten ist. Otto Normalverdiener bekommt jedenfalls keinen neuen Fernseher oder eine Waschmaschine bezahlt; die muß er sich vom Munde absparen.

Der Abstieg für diejenigen, die bisher fleissig gearbeitet und gespart haben, ist der Abstieg in Hartz IV sehr hart. Man verliert fast alles, was man sich aufgebaut hat. Aber derjenige, der nie einen Finger krum gemacht hat, bekommt ein doch recht komfortables Leben finanziert. Da muß es einfach einen Unterschied geben - auch zu denen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen.

 

A. Müller aus der Pfalz

Montag, 08-02-10 17:10

1.) Wenn man für´s Nichtstun mehr Geld in der Tasche hat als ein vollbeschäftigter Geringverdiener, stimmt etwas Grundsätzlich nicht.

Bleibt die Frage, woran es liegt, daß es teilweise kaum noch einen Abstand im frei verfügbaren Einkommen gibt: Zu hohe Hartz IV-Sätze oder fehlender Mindestlohn? Auch kann es nicht Sinn und Zweck sein, daß Geringverdiener aus Steuermitteln Aufstockungsbeträge erhalten müssen, um überhaupt erst auf Harz IV-Niveau zu kommen. Da dürften sich nicht Wenige fragen, wozu sie noch arbeiten gehen. Für´s Selbstbewußtsein und die täglichen sozialen Kontakte im Betrieb?

 

Otto Ohnesorge aus Berlin

Montag, 08-02-10 13:18

Lieber Herbert Weiß aus Stahnsdorf,

Sie sprechen vom Geld des Steuerzahlers, der dafür arbeiten muß! Einen selbstverständlichen, sozusagen gottgewollten Anspruch, gibt es nicht.

Solange Sozialhilfeempfänger beim Zahnarzt den Status eines Privatpatienten haben und solange Sozialhilfeempfänger bei Bedarf ihren Fernseher ersetzt bekommen, stimmt etwas nicht.

Ich weiß nicht, ob sie ihre Wohnung selbst tapetzieren? Ich schätze mal nein. Weil sie sich solch Handwerkerstunde vermutlich nicht leisten können.
Ein Hinweis ans Sozialamt. Bei deren Klientel wird, bei Bedarf, sofort renoviert.

In allen europäischen Ländern wurden die Sozialleistungen deutlich zurückgefahren. Mit großem Erfolg.

In der BRD unterbleibt dies aus rwahltaktischen Gründen

 

Carsten Schulz aus Mannheim

Montag, 08-02-10 09:19

'Dabei gehört die soziale Sicherheit zur Staatsräson moderner Gemeinwesen. Sie ist integraler Bestandteil staatlicher Souveränität.'

Das Streben nach sozialer Sicherheit gehört ganz sicher dazu. Ob man aber die permanente Alimentierung von 'Dauerarbeitslosen', also die institutionalisierte Schwäche als 'Staatsraison' bezeichnen sollte, kann man mit Fug und Recht bezweifeln. Das genau ist der Gedankenfehler der Linken. Sie verwechseln das Streben nach sozialer Sicherheit und der Hilfe der Solidargemeinschaft in schwierigen Lebenssituationen mit dem Päppeln von sozialen Randgruppen, die sich nur in ihrer Nische einrichten wollen und gelernt haben, dass der am meisten bekommt, der am lautesten schreit.

 

Paul Pope aus Baden-Württemberg

Montag, 08-02-10 08:17

Als ich meinen Wehrdienst leistete, betrug mein erster Wehrsold ca. 350,00 €.
Im Elternhaus bzw. der Kaserne hatte ich freie Unterkunft - wie ein Hartz IV - Empfänger auch. Vom Essen abgesehen, lebte cih also auf gleichem Niveau. Ich konnte aber immer noch einige Euro auf die Seite legen und bin auch nicht vom "soziokulturellen Leben" ausgeschlossen gewesen, wie immer angeführt wird. Der Satz ist nicht sehr hoch, aber völlig ausreichend. Das Problem liegt in der mangelnden Fähigkeit mit Geld umzugehen und es sich einzuteilen. Diese fehlt heute vielen Menschen. Da brächte es auch nichts den Satz zu verdoppeln...

 

Herbert Weiß aus Stahnsdorf

Sonntag, 07-02-10 21:12

Über die genaue Höhe des Regelsatzes kann man streiten. Ich meine, 's passt schon. Allzu gemütlich ist dieser kaum. Welche Gegenleistung will man für die paar Kröten verlangen? ALTIORO PETRO stimme ich in sofern zu, dass die Grundbedürfnisse auf jeden Fall gesichert sein müssen. Denn was soll aus einem - ob zu Recht oder zu Unrecht - Abgestraften werden, wenn er seine Wohnung verliert? Wohl kaum wieder ein nützliches, arbeitsames Mitglied der Gesellschaft. Er wird ein Problemfall bleiben, bis er stirbt.

Es ist irgendwie kleinkariert, Geringverdiener und Hartz-IV-Empfänger gegeneinander aufzurechnen. Man sollte doch besser die so genannten Leistungsträger unter die Lupe nehmen, ob sie tatsächlich eine adäquate Leistung erbringen.

 

ALTIORA PETO aus Frankfurt/Main

Sonntag, 07-02-10 17:47

Hartz4 soll so hoch sein dass keiner verhungert oder erfriert, aber gleichzeitig hoechste Anreize schaffen, sich kreativ SELBSTSTAENDIG nach Arbeit umzuschauen. Und nicht nur aufs Amt zu warten.

Not macht erfinderisch. Viele wuerden endlich auch angeblich "untragbare" Stellen annehmen, und kreative Wege in die Selbststaendigkeit finden.

Das Argument "Es gibt keine Arbeit" zaehlt nicht. Wem das nach Sozialdarwinismus klingt: Jawohl, das ist es! Dieses Lamd ist einer gaenzlichen Verweichlichung erlegen, wo der der Dumme ist, der arbeiten geht.

Deutschland ein Jammerland.

 

Soslan Khan Aliatasi aus Wildon/Steiermark

Sonntag, 07-02-10 17:45

„Warum steckt man solch Energie nicht in die Bemühungen um eine intakte Gesellschaft?”

Herr Ohnesorge: Man steckt die Bemühungen deshalb nicht hinein, weil eine intakte Gesellschaft nicht so leicht zu gängeln (fast hätte ich geschrieben: zu versklaven) ist. Wer intakte Strukturen angreift verbrennt sich meist (zu Recht!) die Finger. Und das weiß der Staat. Wer aber hinter den Obertanen, die uns Untertanen beherrschen wollen, steht, das kann nur vermutet werden. Die „Hintertanen” sind sehr schwer zu identifizieren - deshalb sind die Probleme in ganz Europa so gravierend wie sie eben sind...

 

ALTIORA PETO aus Frankfurt/Main

Sonntag, 07-02-10 17:39

Der Sozialstaat in seiner jetzigen Form ist eine Perversion, weil er die Schwachheit foerdert und belohnt. Der Buerger hat sich daran gewoehnt dass der Staat an allem Schuld ist und alles leisten muss.

Hartz4 darf in keiner Weise gemuetlich sein. Entgegen allen Behauptungen der "Unmenschlichkeit" von Hartz4 kann man davon bescheiden aber wohlig leben. Ich habe als Student auch nicht mehr und mir geht es gut.

Hartz4 soll Wohnung, Nahrung und Heizung enthalten, nicht mehr. Also nicht 351 Euro sondern 200 pro Monat.

Im Gegenzug waere ich dann aber auch fuer einen moderaten Mindestlohn. Das verkraftet die deutsche Vokkswirtschaft.

 

Otto Ohnesorge aus Berlin

Sonntag, 07-02-10 12:09

In einer Demokratie haben die Bürger die Politiker, die sie verdienen. Denn sie könnten sich andere wählen.

In den 65 Jahren nach dem Krieg hat sich manches etabliert, was langsam gewachsen ist. Z. B. der zusnächst unerwartete Wohlstand.
An diesem ließ man zunehmend auch bildungsferne und sozialschwache Menschen teilhaben.

Im Rahmen gefährlicher Ideologie wurden in dem Wahn eines nie endenden wirtschaftlichen Wachstums bestimmte Gruppen bevorzugt. Z.B. Alleinerziehende.

Heute haben wir 3-4 Millionen davon. Sie werden uns stets als benachteiligt und besonders bedürftig vorgeführt.
War der Preis der angeblichen Selbstbestimmung der Frau das wirklich wert?

Warum steckt man solch Energie nicht in die Bemühungen um eine intakte Gesellschaft?

 
 

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