Montag, 30.11.2009

Anne Will und „mehr Geld für Bildung“

Wenn es ein Argument gibt, das ich nicht mehr hören kann, dann ist es dieses: Wir müssen mehr für die Bildung tun, ergo mehr Geld ausgeben. Jede Steuererhöhung, jede Eigentumsverletzung läßt sich heute blendend damit begründen, daß es die ach so benachteiligten Kinder aus schwachen Familien gibt, die es in Deutschland so furchtbar schwer haben, weil das diskriminierende Schulsystem Kinder von Beamten und Selbständigen fördert, Kinder aus armen Haushalten aber benachteiligt.

Was für ein Blödsinn. Ok, hier ist die brutale Wahrheit: Dumme Eltern bekommen dumme Kinder. Schlaue Eltern bekommen schlaue Kinder. Durchschnittliche Eltern bekommen durchschnittliche Kinder. Ausnahmen bestätigen die Regel.

An diesen Mechanismen werden auch noch so viele Steuermilliarden, die an Universitäten oder in Gemeinschaftsschulen gepumpt werden, nichts ändern. Das Bildungssystem eines Landes ist kein Zigarettenautomat, wo ich oben fünf Euro einwerfe und unten statt einer Schachtel Kippen kluge Menschen herausbekomme.

Es war klar, daß diese Dinge bei Anne Will anders diskutiert werden würden. In der Sendung „Wa(h)re Bildung“ waren gestern Annette Schavan (CDU), Rudolf Dreßler (SPD) und Bernd Stotz, ein Berliner Student und Aktivist der Linkspartei. Alle drei Politiker waren sich einig: Nach 16 Minuten sagte Dreßler den zentralen Politikersatz: „Wir brauchen mehr Geld.“

„Alles soll kostenlos sein“

Und Annette Schavan nickte zustimmend: „Mehr Geld ist immer gut.“ Stotz hatte es schwer, das noch zu toppen. Also forderte er: „Alles soll kostenlos sein“, und damit meinte er auch „Bildungseinrichtungen“ wie die Kita.

Er sagte „kostenlos“, meinte aber „kostenfrei“, denn eine kostenlose Universität gibt es nicht, nirgendwo auf der Welt. Irgendjemand muß immer zahlen. Doch mit so komplizierten ökonomischen Zusammenhänge können wir einem abgebrochenen Politologiestundenten (jetzt: Lateinamerikanistik und Theologie im achten Semester) natürlich nicht kommen.

Die Sendung begann mit einer verzerrten Zahl, um nicht zu sagen, mit einer Lüge: Anne Will sagte, die Zahl der Studenten aus Familien von Nicht-Akademikern sei von 64 Prozent (1985) auf 49 Prozent (heute) gesunken. Ergo: Die armen, armen Nicht-Akademiker werden ausselektiert. Die Wahrheit aber ist: Die Zahl der Akademiker in Deutschland ist in den Jahren insgesamt stark gestiegen. Also schrumpft natürlich auch die Basis zusammen, aus der Nicht-Akademiker überhaupt noch rekrutiert werden können.

Im Extremfall hätten wir 100 Prozent Akademiker-Haushalte in Deutschland. Dann kämen 0 Prozent aller Studenten aus Nicht-Akademiker-Familien und die soziale Ungerechtigkeit wäre demzufolge am größten – wenn wir diesen Denkansatz von Anne Will zu Ende führen.

Private Institutionen sind meistens besser als private

Die beiden vernünftigen Teilnehmer der Runde waren wie so oft zwei Menschen aus dem richtigen Leben: eine Mutter und der Journalist Harald Martenstein (Tagesspiegel), der in Kreuzberg wohnend, die multikulturelle Realität seit einiger Zeit mit größter Skepsis betrachtet. Er schimpfte: „Wir reden zu viel über Geld, das Geld wird doch nur versickern.“ Und die PR-Beraterin Astrid Nelke sorgt lieber dafür, daß ihre drei Kinder auf Privatschulen gehen statt an staatlichen Schulen zu versauern.

Jeder weiß, daß private Institutionen in den meisten Fällen besser sind als staatliche. So ist es mit Telefongesellschaften, Zeitschriftenverlagen, Arztpraxen – und auch mit Universitäten. Deswegen zeigte die Anne-Will-Redaktion am Anfang auch eine private Uni mit einem zufriedenen Studenten, der über 5000 Euro Studiengebühren pro Semester dafür berappen muß (kann er hinterher abzahlen).

Auf der anderen Seite: Eine „streikende“ Studentin von der Humboldt-Uni mit Nasenpiercing, die sich, obwohl sie im roten Berlin noch nicht einmal Studiengebühren zu begleichen hat, über schlechte Bedingungen beschwert hat. Damit war eigentlich schon gleich zu Beginn alles gesagt. 




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Florian Geyer aus Hofheim

Dienstag, 01-12-09 21:49

Nicht umsonst heißt es:
Was nichts kostet, taugt auch nichts.
Man sollte allerdings auch diejenigen hochbezahlten Karriere-Akademiker, vor allem Politiker, die sich selbst Goldfüller noch vom Steuerzahler spendieren lassen,
die sich öffentlich für Studiengebühren aussprechen, befragen,
ob sie nicht nachträglich auch selbige zu zahlen bereit wären.

 

Ralf Kersten aus Flensburg

Dienstag, 01-12-09 12:50

Die ganze "Bildungsdiskussion" ist ein sagenh. Nebenkriegsschauplatz gesättigter linker Wohlstandsbürger, die für Kinder nichts übrig haben außer "Bildung, Bildung, Bildung!" (Schlüsselkinder-Syndrom: "Geschenke statt Gehör"). Ich finde diese ignorante Art der Verantwortungsverlagerung sog. "Erwachsener" auf Kinder, die es angeblich "besser machen/haben" sollen, besorgniserregend. (Es soll schon Väter geben, die ihre Hodensäcke mit chines. Sprachkassetten beschallen, um "hyperintelligente, marktkonforme" Kinder zu zeugen!) Wo sollen Kinder noch spielen? Wo gibt es noch Natur zwischen geschleckten Hochglanzfassaden? Und wo gibt es noch Väter, die Kindern signalisieren: "Du darfst Kind bleiben! Du mußt nicht Mamas 'Bedürfniserfüller' sein!"

 

Anna Luehse aus Hessen

Dienstag, 01-12-09 01:06

Fortsetzung:
Es kommt darauf an, was gelehrt wird. Wir müssen den lieben Kleinen bereits in der Grundschule wieder lesen, schreiben und rechnen beibringen, damit sie in die Lage versetzt werden, sich bilden zu können. Dazu gehört auch die Vermittlung einer auf andere rücksichtnehmende Disziplin (ich weiß, ist Autobahn). Nur so wird ein Lernklima geschaffen, in dem jeder seinen Fähigkeiten entsprechenden Erfolg haben kann. Wäre der politische Wille dazu da, könnte bessere Bildung zu Gunsten der Kinder tatsächlich relativ schnell umgesetzt werden. Die vorhandenen Gelder müßten dazu nur unwesentlich umgeschichtet werden.

 

Anna Luehse aus Hessen

Dienstag, 01-12-09 01:05

Mehr Geld - auch ich kann es nicht mehr hören.

In Deutschland war eine breite Schicht des Volkes auf einem Bildungsstand, um den uns andere Länder beneideten. Damals besuchten die meisten Kinder "nur" die Volksschule. Das Allgemeinwissen, das dort vermittelt wurde, reichte um einen Beruf ergreifen zu können, mit dem man seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten konnte und somit frei von staatlicher Bevormundung durch "Geldgeschenke" war. Dort wurde auch die Grundlage für weiterführende Schulen gelegt, die ebenfalls durch Forderung förderten, so daß die jungen Menschen, wenn sie zur Uni kamen, auch studierfähig waren.
(Fortsetzung)

 

Bernd Schmieder aus Berlin

Montag, 30-11-09 15:40

Vielen Dank, Herr Gläser. Ich mag bissige Texte. Ich hätte noch einen Vorschlag um die Zahl der 36 jährigen Studenten etwas schrumpfen zu lassen. Studiengebühren füpr alle einführen, man geht mit Dingen, die man selbst (bzw die Eltern) bezahlen muss, sorgsamer um. Wenn dann nicht abgebrochen oder gewechselt wird, sollte man einen Teil der Gebühren erlassen. Das alles entbindet Staat und Länder aber nicht davon, dafür zu sorgen, daß es ausreichende Plätze und Lernmöglichkeiten bei Pflichtveranstaltungen gibt.

 

MB. Casonue aus Mbcasonue

Montag, 30-11-09 12:54

Die Ausbildung des Einen war für Ihn kostenlos,die des Anderen allerdings umsonst.

Wenn dann wirklich alles kostenfrei ist, Ausildung, Schulspeisung, -Bücher, -Bus + Bahn, Computer, Nachhilfe usw. dann hat all dieses auch keinen Wert
oder andersrum, ist all dieses wertlos.
Warum soll man nach wertlosem streben?
MB.

 

Bernd Sydow aus Berlin

Montag, 30-11-09 11:52

Mehr Geld für (Hochschul)Bildung? Einverstanden, aber nicht vom Staat, d.h. vom Steuerzahler, sondern von den Bildungsempfängern.

Studiengebühren halte ich aus zwei Gründen für wünschenswert. Zum einen wirken sie sich positiv auf das Verhältnis des Studierenden zu "seiner" Universität aus. Zum Beispiel dürfte mit dem Hochschulinventar wohl pfleglicher umgegangen werden. Zum andern, und dies ist das Entscheidende, würden sie Motivation und Anstrengungsbereitschaft des Studierenden deutlich fördern.

Und für Studenten aus ärmeren Verhältnissen könnte man Spezialkredite (ähnlich Bausparkrediten) zur Verfügung stellen, die später abzuzahlen für Akademiker mit bekanntlich höherem Einkommen doch wohl kein Problem sein dürfte.

 

Paul Pope aus Baden-Württemberg

Montag, 30-11-09 10:38

In jeder Stadt, gar in den kleinsten Käffern gibt es öfftl. Bibliotheken. Eltern können ihre Kinder anmelden, Bücher ausleihen und daraus vorlesen. Kostenpunkt 0,00 €! So gesehen ist diese Alternative billiger als fernsehen, wo ich zumindest den Strom bezahlen muss. Ähnlich ist es bei der Erwachsenenbildung. Die armen Unterschichtler haben meist eine Viedeospielkonsole und dutzende Spiele. Gebrauchte, selbst neue, gebundene Bücher wären um ein vielfaches billiger! Es muss endlich offen gesagt werden, dass viele Menschen überhaupt kein Interesse an Bildung haben. Und die Studenten: Ja es gibt Probleme mit überfüllten Pflichtveranstaltungen, hier muss was getan werden. Aber den Lebensunterhalt muss man eben überwiegend selbst finanzieren!

 
 

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