Montag, 23.11.2009

Schöne neue Verpackungswelt

Zu den großen „Errungenschaften“ der EU zählt die Änderung des Verpackungsrechts, das seit dem 11. April dieses Jahres gilt und damit die bis dahin in Deutschland geltende „genormte Einheitsgröße“ ersetzt hat. Seitdem nun Hersteller, sieht man einmal von denen für Wein, Likör und Sekt ab, ihre Verpackungen mit weniger Ware befüllen dürfen, trägt der „Verbraucher“ nicht mehr so schwer an den Tüten, die er nach Hause zu schleppen hat.

Und das Tollste: Er muß sich nicht einmal an neue Preise gewöhnen, weil für weniger Inhalt der gleiche Preis gezahlt wird! In einer Hinsicht freilich muß geistige Flexibilität aufgebracht werden: Dem „Gewohnheitstier Kunde“ wird nämlich abverlangt, bewußter auf die Produkte zu schauen, die er da in seinem Einkaufswagen versenkt. Das heitere, Alzheimer vorbeugende Suchspiel, das jetzt in deutschen „Lebensmitteldiskontern“ läuft, lautet: Wo ist am meisten drinnen für den Preis, den ich zu entrichten habe? Wer all das nicht als Fortschritt begreift, dem ist nicht mehr zu helfen, der kann nur ein notorischer Nörgler sein.

Die Segnungen „bedarfsgerechter Verpackungen“

Bei Hubertus Pellengahr, Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), wollte der Jubel darüber, daß jetzt endlich „bedarfsgerechte“ Verpackungen für „Singles“ und „ältere Menschen“ angeboten werden können, gar nicht mehr abebben. Nun erfolgt auch hier die Anpassung an eine sich rasant verändernde „Gesellschaft“: keine „Familiengroßpackungen“ mehr, sondern immer phantasiereichere Verpackungen für „Singles“, „Dinkies“ oder „Best ager“.

Die europaweite „Entbürokratisierung“ der Verpackungsverordnung – jawohl, so soll diese EU-Verordnung verstanden werden – ermöglicht es den Unternehmen überdies, auf „länderspezifische Verpackungen“ verzichten zu können. Jede beliebige Größe kann jetzt quer durch die EU verkauft werden. Ein Argument, dem sich die Bundesregierung nicht versagen wollte, die dieser Verordnung ohne viel Aufhebens ihren Segen erteilte.

Lästige Verbraucherschützer

Die schöne neue Verpackungswelt wird leider immer wieder von lästigen Verbraucherschützern gestört, die nicht müde werden, versteckte Preiserhöhungen im Supermarkt anzuprangern. Vor kurzem hat zum Beispiel die Verbraucherzentrale Hamburg eine umfangreiche Liste ins Netz gestellt, die diesen Vorwurf auf den ersten Blick auch noch erhärtet.

In der Tat scheint seit dem 11. April der Vielfalt in Sachen Verpackung keine Grenze mehr gesetzt zu sein. So bleibt zum Beispiel häufig die Höhe einer Verpackung erhalten, Breite und Tiefe wurden aber verkleinert. Daß eine derartige Kreativität ihren Preis hat, versteht sich wohl doch von selbst. Das haben Verbraucherschützer offensichtlich nicht begriffen, die mit kleinlichem Aufrechnen eine fortschrittliche Verordnung madig zu machen versuchen.

Es ist alles eine Frage der Kommunikation

Kreativität wird, schließlich ist alles eine Frage der Kommunikation, auch den Presseabteilungen der Lebensmittelkonzerne abverlangt, so zum Beispiel bei einer bekannten Frischkäsemarke. Hier wurde eine „verdeckte Preiserhöhung“ mit der „verbesserten Streichfähigkeit“ des Produktes begründet. Andere Produkte sollen „knuspriger“ geworden sein. Wieder andere haben auf den Einsatz von Konservierungsstoffen, künstlichen Aromen oder Farbstoffen verzichtet. Und, natürlich, auch das wollen die Verbraucherschützer nicht kapieren: Überall hat man mit gestiegenen Rohstoffbeschaffungskosten zu kämpfen, die „irgendwie“ an den Kunden weitergegeben werden müssen.  

Verbraucherschützern sei an dieser Stelle eines gesagt: Findet euch endlich mit der neuen Kreativität in der Verpackungswelt ab und spielt nicht ständig den Spielverderber. Das befördert gefährliche EU-kritische Ressentiments gerade dort, wo die EU für eine „Entbürokratisierung“ gesorgt hat. Am Ende könnte man noch auf den Gedanken kommen, horribile dictu, daß nationale Sonderregelungen womöglich sinnvoll waren und ihre Berechtigung hatten.



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A. Müller aus der Pfalz

Mittwoch, 25-11-09 22:36

Übersichtliche und genormte Verpackungsgrößen haben ja nichts mit "Unfreiheit" zu tun, sondern sind Verbraucherfreundlich. Man konnte auch vor dieser Novellierung sinnvolle und kleinere Verpackungen anbieten. Und wenn plötzlich bei gleichem Preis und ähnlicher Verpackung ungerade und natürlich geringere Mengen verkauft werden, ist das eben nicht zum Vorteil der Kunden.

 

Michael V aus dem Werratal

Dienstag, 24-11-09 19:18

@A. Müller

Na und? Das entspricht doch der Situation direkt nach der Widervereinigung, als viele Bürger der ehem. DDR anfangs sehr hilflos der Tatsache gegenüberstanden, dass auf einmal nicht alles das Selbe kostete usw. Auch damals nutzten viele diese anfängliche Unwissenheit aus. Hätte man damals Recht gehabt, wenn man gefordert hätte, wieder zu den altbekannten planwirtschaftlichen Fixpreisen zurück zu kehren? Das Problem entstand doch nicht durch die Einführung der Freiheit, sondern durch die vorhergehende Unfreiheit! Würde man heute z.B. von der idiotischen staatlichen Zwangsrente Abstand nehmen, gäbe es mit Sicherheit auch genug Dumme, die nicht in der Lage wären, ihre Rente privat zu regeln.

 

A. Müller aus der Pfalz

Dienstag, 24-11-09 17:45

Das Problem ist ja nicht, daß die Verbraucher zu blöd sind, auch mal den Preis pro 100g oder kg zu überschlagen, auf die Einwaage zu achten und zu vergleichen.

Allerdings wurde bei dieser Umstellung von den Herstellern sehr wohl damit kalkuliert, daß die Käufer aus Gewohnheit nicht jedes Mal nachprüfen, ob in der Verpackung noch der gleiche Inhalt ist, wie beim letzten Einkauf. Da steckt schon Berechnung dahinter, wenn z.B. bei besagter Frischkäsemarke plötzlich 1/8 weniger Inhalt drin ist - bei gleichem Preis, wohlgemerkt.

Das ist genauso ein Nepp wie bei der Umstellung von DM auf Euro, diesmal unter dem Mäntelchen der "Verbraucherfreundlichkeit".

 

Jörg Hildesheim aus der Eifel

Dienstag, 24-11-09 11:56

Warum ruft man gleich nach den Verbraucherschützern, nur weil ein Großteil der Bevölkerung keine Dreisatzrechnung mehr beherrscht? Abgesehen davon steht der Kilopreis ja auf dem Regaletikett. Einkaufen, versichern, telefonieren, Steuern (nicht) zahlen, das alles sind Intelligenzspiele.

Man sollte den Bildungspolitikern Beine machen, daß in der Schule Menschen erzogen werden, die nicht jedem Demagogen, Bauerfänger oder Klingeltonverkäufer auf den Leim gehen. -- Was zugegeben schwer ist, wenn viele der Bildungspolitiker und Lehrer selber Bauernfänger sind.

 

Paul Pope aus Baden-Württemberg

Dienstag, 24-11-09 08:28

Stimmt genau, Herr Wiesberg!
Da wir Bürger oft nicht über unseren Tellerrand schauen, verstehen wir das alles nicht.
Daher bin ich auch dafür die Wahlen fürs Europäische Parlament abzuschaffen. Die nationale Exekutive könnte doch jeweils Vertreter entsenden, ähnlich wie bei den Kommissaren. Die wissen was für uns gut ist und obendrein wird die EU so besser und demokratischer.
Mit dem Lissabon Vertrag sind wir ja auf dem richtigen Weg...
ps: Endlich wurden auch die schädlichen Glühbirnen verboten.

 

Michael V aus dem Werratal

Dienstag, 24-11-09 03:58

Tut mir Leid, ich kann mir nicht helfen: Ich sehe beim besten Willen keinerlei Sinn darin, Verpackungsgrößen oder - Inhalte vor zu schreiben! Wenn unser kleines Debilchen von Verbraucher - immer schön eine Rundumbeschnullerung in Deutschland gewohnt - nicht im Stande ist, Preis und Inhalt ins Verhältnis zu setzten, dann kann ich ja noch verstehen, wie man für eine vorgeschriebene separate Angabe des Preises pro Gewicht eintreten kann. Weshalb sich jedoch die tatsächlich nachgefragten Größen nicht mit der Zeit im freien Wettbewerb herausbilden sollen (und es gibt nun mal keine andere Möglichkeit, diese anders zu finden!), bleibt für mich ein Rätsel.

 

A. Müller aus der Pfalz

Montag, 23-11-09 18:13

Die EU-Bevölkerung ist einfach nur zu dumm, die Segnungen der Eurokratur zu verstehen! Wenn solche Verordnungen beschlossen werden, hat das nichts mit "wes Brot ich ess, des Lied ich sing" zu tun, sondern nur damit, daß die Politiker und die Wirschaft unser Bestes wollen. Nämlich unser Geld! Ein Hoch auf die Konzerne und ihre Lobbyisten!

 
 

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