Donnerstag, 19.11.2009

Der Präzedenzfall von Dresden (III)

Ich packe gerade die Presseberichte über den Fall der getöteten Ägypterin Marwa el-Sharbini zusammen, darunter die Artikel von Gisela Friedrichsen und Sabine Rückert, die Gerichtreporterinnen vom Spiegel und der Zeit, die ich eigentlich sehr schätze. Deshalb ein letzter Blick aus einer anderen Perspektive auf diesen Fall.

Ich finde, daß die Berichterstattung komplett versagt hat. Vor allem hat sie sich keine Mühe gegeben, die Stummheit des Täters Alex W., seine Autoggressivität, seine Selbstverletzungen während des Prozesses zu ergründen. Banale Erklärungen wie „Verstocktheit“ oder „Fanatismus“ mußten ausreichen.

Dabei drängen sich Parallelen zu Dramenfiguren von Gerhart Hauptmann auf. In ihnen toben Orkane, für die sie aber keine Sprache haben. Sie gestikulieren, stammeln, schreien, weinen, sie würgen zusammenhanglose Wortbrocken heraus, sie ersticken beinahe daran, nehmen sich am Ende das Leben oder erwürgen – wie die Kindsmörderin Rose Bernd – ihr Neugeborenes.

Ging es um den risikolosen Triumpf?

Oder Georg Büchners „Woyzek“, das Drama des armen Soldaten, der von der anständigen Gesellschaft gedemütigt, von den Vorgesetzten kujoniert, vom Arzt für medizinische Experimente mißbraucht wird. Für wenig Geld, das er sogleich seiner Freundin gibt, läßt er eine Erbsendiät an sich ausprobieren, die Haarausfall und Wahnideen veruracht. Der Tambourmajor drückt ihn durch seinen Rang und seine körperliche Kraft zu Boden und spannt ihm seine Freundin aus. Wehrlos, sprachlos, ersticht er die Frau.

Der Fall des Alex W. läßt sich ebenfalls wie eine eskalierende Tragödie lesen. Der 28jährige Arbeitslose, gesellschaftlich isoliert, lungert tagsüber auf einem Spielplatz herum, macht dem dreijährigen Sohn der Ägypterin den Platz auf der Kinderschaukel streitig, beschimpft die Mutter. Doch die anderen Anwesenden sehen ihn ihm nicht den Leidenden, den Gestörten, sondern den Störfaktor, sie schauten, wie es bei Rückert heißt, „nicht weg“, sondern ermutigten Marwa, die Polizei zu rufen.

War das tatsächlich couragiert, angemessen gewesen, oder befolgten sie nur, was ihnen täglich einhämmert wird? Ging es ihnen insgeheim um den risikolosen Triumpf, den der Denunziant empfindet? – Mal nebenbei: Als ich neulich vom Theater mit dem Fahrrad nach Hause fuhr, wie immer durch das Brandenburger Tor die lange, einsame, zum Glück gut ausgeleuchtete Straße des 17. Juni entlang, versperrte plötzlich wie aus dem Boden gezaubert eine Gruppe dunkelhaariger Jugendlicher den Radweg. Ich konnte den Kickboxer-Tritten noch gerade so ausweichen, die Rufe changierten zwischen „deutsches Schwein“ und „schwule Sau“. Doch Schwamm drüber, es ist ja nichts passiert.

Die Situation eskalierte

Ausgerechnet eine Rußlanddeutsche stellte Marwa ihr Handy zur Verfügung, was Alex W. besonders erbitterte. Seine Landsfrau demonstrierte ihm, daß sie in der Gesellschaft angekommen, er selber zurückgeblieben ist. Die Polizei konnte die Marwa auf den Weg der Privatklage weisen, doch sie nahm den Fall als ein fremdenfeindliches Delikt auf.

Andernfalls, so ist anzunehmen, hätten die enttäuschten Couragierten die Presse informiert und den Beamten eine Dienstaufsichtsbeschwerde beschwert. Genauso die Staatsanwaltschaft. Statt das Verfahren wegen Geringfügigkeit einzustellen, setzte sie – konform zum publizierten Zeitgeist – ein öffentliches Interesse voraus und verhängte gegen den Hartz-IV-Empfänger einen Strafbefehl von 330 Euro, deren Zahlung er verweigerte.

Vor dem Amtsgericht eskalierte die Situation, seine Reden wurden als ausländerfeindlich verbucht, die Strafe erhöhte sich auf 780 Euro. Bei der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht zog die Staatsanwaltschaft sogar eine Freiheitsstrafe gegen Alex. W. in Erwägung, sollte er weiter auf seiner „abwegigen Position beharren“.

Das absolute Nichtverstehen

„Die Welt um Alex W. schließt sich zusammen, um Recht zu schaffen für Marwa el-Sharbini.“ Das ist von Sabine Rückert ganz unironisch gemeint und erinnert in seiner bildhaften, metaphorischen Formulierung an die Schlußszene aus Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“.

Oder an Filme, in der sich ein Kreis aus den Leibern der Anständigen um den Delinquenten schließt, wobei letzterer entweder ein Schwarzer, ein Punk oder ein Behinderter ist, seine Umkreiser dagegen stiernackig, glatzköpfig, glubschäugig sind. Nun, das war in diesem Fall ja anders. Nur wie? Alex W. jedenfalls standen keine Worte zur Beschreibung seiner Lage zur Verfügung, sein Mittel, den Kreis aufzusprengen, war das Messer.

Das absolute Nichtverstehen zeigte sich auch im Plädoyer des französichen Anwalts der Nebenklage, der beifällig zitiert wurde: Er plädiere hier „als Freund und Nachbar“ gegen Barbarei und die Absurdität der Gewalt. Er verglich die getötete Marwa und ihren durch W. schwer verletzten Ehemann mit „Studenten, die im Mittelalter als Erben einer der ältesten Kulturen der Menschheit nach Europa kamen, um ihren Horizont zu erweitern“. Der Angeklagte W. hingegen, eingewandert aus Perm, einer Stadt am Ural, „wo es Gulags gab“, behaupte, eine besondere Rasse verteidigen zu müssen: „Er verkörpert eine Ideologie, an die wir nur mit Schrecken denken.“

Zur Erinnerung: Hunderttausende Rußlanddeutsche haben als Geiseln in Gulags eingesessen, viele sind umgekommen. Was der Anwalt „Ideologie“ nennt, kann bei Alex W. auch ein schicksalhaftes Wissen sein, für das es im heutigen Deutschland weder Raum noch Worte gibt.

Wo ist der Dichter, wo der Drehbuchautor, der das zu beschreiben wagt?




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Stefan Weber aus Göppingen

Samstag, 21-11-09 12:10

Küntig sollte man auch bei den sogenannten Spätaussiedlern etwas genauer hinsehen, wem man die Einreise gestattet. Bisher bekommt ja jeder einen deutschen Pass, wenn der Uropa in Kasachstan mal einen Schäferhund hatte. Deutschland hat keinerlei Verpflichtung, gewaltbereite und kriminelle Elemente allein aufgrund mehr oder wenige deutscher Vorfahren ins Land zu holen und durchzufüttern.

 

dito sagt; rechtsvorlinks aus Hamburg

Donnerstag, 19-11-09 20:40

"Ausgerechnet eine Rußlanddeutsche stellte Marwa ihr Handy zur Verfügung, was Alex W. besonders erbitterte",
schreibt Torsten Hinz. Also bitte,-als resolute Russlanddeutsche hätte sie ihr Kind an der Hand, dem Bengel auf russisch die Leviten gelesen, zumal von ihm ausser Verbalattacken keine Gefahr ausging. Insofern kommt der Autor kristallklar sarkastisch zur Schlussfolgerung:,
"Seine Landsfrau demonstrierte ihm,- daß sie in der (PC)Gesellschaft mbH. angekommen ist", im Gegensatz zu ihm.
Wenn es in de. demnächst bis auf bald einmal beginnt hier so richtig zu kacheln (bellum civile)wird sich so mancher an der Seite von Russlanddeutschen sicherer fühlen als bei den meisten eierlosen Autochthonen. Die tlw.nur unter sich russisch sprechenden Rückkehrer werden weniger eine Gefahr für uns ,denn mehr ein Vorteil sein. Das nur am Rande bemerkt.

Dem Herrn aus der Scheich Kleinstadt Baden Baden sei
zwecks Selbsterkenntnis-und Erfahrung empfohlen, wenn Sie das nächste mal "abends ausgehen" wollen, -nicht Ihr vornehm, beschauliches Domizil,- sondern sich als Ziel das benachbarte Mannheim vorzunehmen.Sollten sie Zufallsglück haben, werden sie kulturbereichert verschont.
_______________________________________

 

A. Müller aus der Pfalz

Donnerstag, 19-11-09 18:28

Alex W. hat für den Mord eine harte und angemessene Strafe verdient. Und die hätte er bekommen - auch ohne die Einmischungen aus dem islamischen Ausland, der Lobbyverbände und den grenzwertigen Kommentaren mancher Juristen während der Verhandlung.

Allerdings verwundert es schon, wie der Vorfall auf dem Spielplatz derart eskalieren konnte, wie wenig die persönlichen Umstände berücksichtigt (welche doch sonst bis zum Exzess als Strafmildern ausgegraben werden) und wie schnell diesmal ein Urteil gefällt wurde. Da war Justitia nicht wirklich blind. Und die, die am lautesten geschrieen haben, bekamen ihren Willen.

 

Peter Martin aus Bras.

Donnerstag, 19-11-09 16:23

(Fazit)
Alex W. ist gewiss Täter, aber er ist auch Opfer:
Opfer der neuen deutschen Zweiklassenjustiz, bei der nur Deutsche die Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.

 

Peter Martin aus Bras.

Donnerstag, 19-11-09 16:22

(Fortsetzung)
...und später wegen Beleidigungen, die sonst gewiss keinen "Migranten" vor Gericht gebracht hätten.
Doch ihn wollte die Justiz am Ende sogar wegen Beleidigung ins Gefängnis stecken, während andere selbst nach schweren Gewalttaten mit Bewährungsstrafen und pädagogischen Segeltörns belohnt werden (oder denken wir an den "Jugendlichen", der aus einer Gruppe heraus, zuerst den Begleiter des Informatik-Studenten "Sven" bepöbelte und niederschlug und dann später auch auf diesen selbst losging. Als sich "Sven" schließlich zur Wehr setzte, war es der Angreifer, der als Nebenkläger auftreten durfte und mehrere tausend Euro Schmerzengsgeld erhielt).

 

Peter Martin aus Bras.

Donnerstag, 19-11-09 16:13

Bei einer anderen Art von Migrationshintergrund hätten sich bestimmt viele berufen gefühlt, die (mildernden) Umstände einer solchen Tat zu ergründen...
Aber zu einem hatte man es ja mit einem Russlanddeutschen zu tun, zu anderem Stand man einem muslimischen Mob gegenüber der präentiv schon Tod- und Gewaltdrohungen Richtung Deutschland schleuderte.
Da fällt dann dem 68er, der sonst Verständnis für alles und jedem hat, auch nichts mehr ein.
Die Analyse von Hinz ist sehr zutreffend.
Ich kann durchaus nachvollziehen, wie sich der spätere Täter immer weiter in die Enge getrieben sieht. Wie er vom Rudel der Anständigen gehetzt wird, ursprünglich wegen einer Bagatelle wie der nicht freigemachten Schaukel...

 

Kevin-Silvio Nowitzky aus koeln

Donnerstag, 19-11-09 15:27

Herr Hinz, der Vorfall im Tiergarten klingt aber doch recht ernst. Moechten Sie sich vielleicht etwas genauer dazu aeussern? Haben die Kulturbereicherer tatsaechlich versucht, sie zu treten? Ihr Fahrrad kann Ihnen Ihr Leben gerettet haben! Sie koennten auch ernthaft verletzt sein.

So ein Vorfall ist doch keine Kleinigkeit. Da wuesste man wirklich gerne mehr ueber die Umstaende, und was dies in Ihnen ausloest, so selbst erfahren zu haben, was es heisst, in Ihrem eigenen Land diesen Leuten so schutzlos ausgeliefert zu sein.

 

vielleicht Botho Strauß? rechtsvorlinks aus Hamburg

Donnerstag, 19-11-09 14:45

Philip Tolmein aus Baden-Baden

Die Inquisitoren des Mittelalters nennt man heute Gutmenschen, einer Gattung welcher Sie sich augenscheinlich angeschlossen haben, wohlan es sei Ihnen gegönnt,- Sie dürfen sich "Wohlfühlen" für heute.
___________________________________________________
"Wenn du nicht versuchst zu verstehen, wirst du nie wissen, ob du es kannst" (Hans Kammerländer)

 

Philip Tolmein aus Baden-Baden

Donnerstag, 19-11-09 13:24

Seit wann ist es üblich, ein Mordopfer vertraulich (oder herablassend?) lediglich beim Vornamen zu nennen, gar zu schreiben "die Marwa"?

Ansonsten ist die hier vorgetragene Argumentation ja wohl genau von der Art, die sonst in dieser Zeitung nicht heftig genug gescholten werden kann, sofern die Täter nur dem islamischen Kulturkreis entstammen.

Und wie soll man das verstehen: ist die Rußlanddeutsche, die der Ägypterin gegen einen aggressiven Mann beisprang, eine "Volksverräterin", weil sie sich gegen ihren "Landsmann" stellte? Was soll das?

 

Kevin-Silvio Nowitzky aus koeln

Donnerstag, 19-11-09 12:05

Wo ist der Dichter, wo der Drehbuchautor, der das zu beschreiben wagt?

Herr Hinz, Sie selbst sind dieser Dichter!

 
 

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