Sonntag, 08.11.2009 Wir 89er
Von Dieter Stein
Man sah das „ruhelose Reich“ (Stürmer) glücklich überwunden, flüchtete sich in multikulturelle Phantasien. Westdeutschland hatte es sich im weltpolitischen Windschatten des Eisernen Vorhangs regelrecht bequem gemacht. Die Last der Teilung trugen die Mitteldeutschen in der DDR.
Die CDU war im Sommer 1989 unter Generalsekretär Heiner Geißler so weit, das Ziel der Wiedervereinigung aus dem Grundsatzprogramm zu streichen. Helmut Kohl hatte Debatten über eine aktive Deutschlandpolitik verhindert, bis die historische Stunde ihn zwang, „Kanzler der Einheit“ zu werden.
Insofern überrollten die historischen Ereignisse des Herbstes 1989 nicht nur eine sklerotische kommunistische Führung in der DDR, sondern auch die westdeutsche politische Klasse, die sich von der Nation längst verabschiedet hatte und auf die Wiedervereinigung nicht vorbereitet war.
Die Einheit erkämpft haben die heldenmütigen Deutschen in der DDR, die sich ein Herz faßten und immer zahlreicher auf die Straße gingen in einem Staat, der 200.000 Mitarbeiter eines „Staatssicherheitsdienstes“ zählte, um seine Bürger von der Selbstbestimmung abzuhalten.
Es flossen Tränen, kein Blut
Wie in einem Crescendo wuchs der Mut: Den Anfang machten Flüchtlinge, die in wachsender Zahl über die löchriger werdende Grenze des „Eisernen Vorhangs“ in Ungarn flohen. Der Strom der Flüchtlinge schwoll immer mehr an. Bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig wurde der Ruf „Wir sind das Volk“ geboren, aus dem sich 1990 „Wir sind ein Volk“ formte. Diese Deutschen erzwangen den Mauerfall und die Einheit.
Die Wucht der Ereignisse, die Tapferkeit der Menschen, die Glückseligkeit sind es, die uns ungebrochen mitreißen: Das Wunder des 9. November 1989 ist, daß an diesem Tag nicht Blut floß, sondern die Tränen von Millionen Landsleuten, die sich als Wildfremde und plötzlich Vertraute an den Grenzübergängen spontan in die Arme schlossen und immer und immer wieder „Wahnsinn“ stammeln mußten angesichts einer tonnenschweren Last, die in Form der Mauer nicht nur physisch vor ihren Augen zusammengebrochen, sondern sich auch von den Seelen von 80 Millionen Deutschen gewälzt hatte.
Die Ereignisse seit 1989 zeigen, daß nationale Zugehörigkeit nicht zu ersetzen ist durch postnationale „Werte“. Was aber ist eine Nation? „Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, begründet im Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und derjenigen, die man noch zu bringen bereit ist; sie setzt eine gemeinsame Geschichte voraus; (...) die allgemeine Zustimmung, den deutlich ausgedrückten Wunsch, das gemeinsame Leben fortzusetzen.“ (Ernest Renan) Der 9. November 1989 ist der glücklichste Tag der deutschen Geschichte.
Die Wunden der Nation schließen sich
Deutschland ist seitdem enger zusammengewachsen. Atemberaubende Aufbauleistungen wurden vollbracht. Die Wunden der Nation schließen sich symbolisch im Wiederaufbau der Frauenkirche oder der kommenden Wiedererrichtung des Berliner Stadtschlosses.
Seit 20 Jahren ist Deutschland als Subjekt in die Geschichte zurückgekehrt. Heute ergreift eine Generation Studium und Beruf, die die Teilung aus eigenem Erleben nicht mehr kennt. Die Trennung, sie überlebt in Erinnerung oder Nostalgie der Eltern. In der neuen Generation liegt die Hoffnung des jungen Deutschland. Sie schreiben die deutsche Geschichte fort. Es ist ihre Aufgabe, an einer Regeneration mitzuwirken und die vernachlässigten Fundamente der Nation zu erneuern.
JF 46/09

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