Samstag, 09.05.2009

Arminius, gib uns unsere Sprache wieder!

„Plötzlich aus des Waldes Duster brachen kampfhaft die Cherusker; mit Gott für Fürst und Vaterland stürzten sie sich wutentbrannt gegen die Legionen.“ So lautet die dritte Strophe des von Victor von Scheffel verfaßten Volksliedes „Als die Römer frech geworden“. Nun, genau 2000 Jahre nach der Varusschlacht, scheint es, daß die Cherusker wieder in den Wäldern unterwegs sind, um Germanien konservativ-subversiv zu befreien. Offenbar haben sie sich diesmal mit modernstem Gerät ausgerüstet.
 
Wir schreiben das Jahr 2009. Ganz Deutschland ist von Amerikanismen und englischen Wortversatzstücken besetzt. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Sprachfreunden bevölkertes Gebiet in der Nähe des historischen Schauplatzes der Varusschlacht hört nicht auf, den Spracheindringlingen Widerstand zu leisten.
 
So berichtete die Neue Osnabrücker Zeitung am 27. März geradezu entsetzt: „Ihre Aktion müssen die noch unbekannten Täter von langer Hand vorbereitet haben. Laut Mitteilung handelt es sich nämlich nicht um Spontan-Schmierereien mit Filzstiften oder Farbe, sondern um ‘offenbar am heimischen Computer‘ vorbereitete Aufkleber.“

Klebeaktion ein „terroristischer Anschlag”?
 
Die verfemte Tat hatte sich auf dem „DiVa Walk“  ereignet. So heißt nicht etwa die Nachfolgesendung von „Germany’s Next Topmodel“ , sondern ein neuer Wanderweg im Osnabrücker Land. „DiVa“ setzt sich aus den ersten beiden Buchstaben der Wörter „Dinosaurier“ und „Varus“ zusammen. Der Wanderweg führt nämlich auch an die Stelle, an der höchstwahrscheinlich die Varusschlacht stattfand.

Der Römer Publius Quinctilius Varus erlitt dort bekanntlich im Herbst des Jahres 9 nach Christus eine schmerzliche Niederlage gegen die Germanen, die der Cheruskerfürst Arminiusanführte. Ohne diesen herben Rückschlag für die römische Machtausbreitung wäre Deutsch heute möglicherweise eine romanische Sprache.
 
Was geschah im Frühjahr des Jahres 2009? Verteidiger der deutschen Sprache hatten auf dem über einhundert Kilometer langen Wanderweg „DiVa Walk“ an mehr als vierzig Markierungen, Wandertafeln und Hinweisschildern das Wort „Walk“ mit der deutschen Bezeichnung „Weg“ überklebt. Rückten die Verantwortlichen die Tat in ihrer Wortwahl beinahe schon in die Nähe eines terroristischen Anschlags, so wandelte sich allmählich die öffentliche Meinung, als sich in Leserbriefen und Anrufen zahlreiche Bürger zu Wort meldeten, die ebenfalls eine Umbenennung des Wanderweges forderten.

Sprachschützer haben sich in den Wald zurückgezogen
 
Die Neue Osnabrücker Zeitung meldete daraufhin am 17. April, daß die Verantwortlichen der Varusregion „die Kritik am Walk nicht mehr hören können. ‚Wir hatten bei der Namensfindung vor zwei Jahren das bereits sehr kritisch diskutiert‘, sagt Sprecher Dirk Meyer, 'letztlich waren sich die Vertreter der sechs beteiligten Kommunen aber einig: Man muss auch mal etwas anderes machen dürfen. Das Image des Wanderns war zugegeben doch jahrelang verstaubt.‘ Der Name DiVa Walk solle letztlich auch für ein frisches und modernes Image sorgen. 'Wir sind sicher, dass der Walk viele Wanderer, jung und alt, begeistern wird.‘“
 
Also endlich einmal „etwas anderes machen dürfen“ und – Wie überaus neu und mutig! – zur Abwechslung einmal ein Wort aus dem amerikanischen Wortschatz entlehnen, weil das sonst keiner macht? Weil die deutschen Wörter „Weg“ oder „Steig“, ja die deutsche Sprache verstaubt ist? Die Verantwortlichen sind auf dem Holzweg, denn die überflüssigen Amerikanismen sind Legion.

Die Sprachpanscher sollten den Varusweg solange ablaufen, bis sie zu besserer Einsicht gelangen. Die vermissen wir jedoch bis heute. Bis zur Einweihung des „DiVa Walks“ am 19. April wurden sämtliche Wegschilder wieder mit „Walk“-Aufklebern überklebt. Kosten: 1.500 Euro, Steuergelder natürlich. Die Verteidiger des Deutschen sind unterdessen weiterhin unerkannt und flüchtig. Sicher haben sie sich in die Wälder zurückgezogen und hecken gerade ihre nächste Tat aus …
 
 
P.S.
Frage an die Leser: Von der dritten Strophe des Liedes „Als die Römer frech geworden“ werden zwei verschiedene Fassungen überliefert. In der einen brechen die Cherusker „kampfhaft“ hervor, in der anderen „krampfhaft“. Welche ist die ursprüngliche?




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Max R. aus Hamburg

Freitag, 15-05-09 11:39

Antw: "Wie Sie richtig erkannt haben, handelt es sich bei dem "DiVa Walk" um den Eigennamen eines Wanderweges. Richtig ist auch, dass beinahe jeder Wanderweg in Deutschland überwiegend auch das Wort "Weg" beinhaltet. In unserer Region etwa der Ahornweg, der Hünenweg, der Wittekindsweg etc. Nun haben wir das mal etwas anders gemacht und dem Wanderweg den Namen DiVa Walk gegeben. Ihrer Meinung nach unglücklich gewählt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Darüber lässt sich streiten - wie über so vieles im öffentlichen Leben. Aber neben Reaktionen, wie Sie sie hier schreiben, bekommen wir erfreulicherweise auch zahlreiche positive Stimmen, die es erfrischend finden, dass das mutmaßlich "verstaubte Wandern" mal einen anderen Anstrich bekommt."

 

N B aus Göttingen

Donnerstag, 14-05-09 21:00

Habe gerade eine überraschend positve Antwort erhalten (hatte nach meiner Nachricht nicht fest mit überhaupt einer gerechnet).
Herr Meyer verteidigte zwar seinen DiVa Walk, woraufhin ich natürlich eine 2. E-Salve abfeuerte, aber er findet den DonAr Weg, den ich natürlich erwähnen musste, eine tolle Idee und wird darüber nachdenken...immerhin.
Also Herr Reichel, vielleicht kommt ihr Vorschlag noch zu Ehren, er hätte es jedenfalls verdient!

 

Thomas Paulwitz aus Erlangen

Donnerstag, 14-05-09 13:38


Die verantwortlichen Gemeinden:

Tourist-Info Bad Essen
Lindenstraße 39 • 49152 Bad Essen
Tel.: 05472-94 92-0 • Fax: 05472-94 92-85
www.badessen.info

Gemeinde Belm
Marktring 13 • 49191 Belm
Tel.: 05406-505-0 • Fax: 05406-505-39
www.belm.de

Gemeinde Bohmte
Bremer Straße 4 • 49613 Bohmte
Tel.: 05471-808-0 • Fax: 05471-808-99
www.bohmte.de

Stadtmarketing Bramsche GmbH
Maschstraße 9 • 49565 Bramsche
Tel.: 05461-93 55-0 • Fax: 05461-93 55-11
www.bramsche.de

Gemeinde Ostercappeln
Gildebrede 1 • 49179 Ostercappeln
Tel.: 05473-92 02-0 • Fax: 05473-92 02-49
www.ostercappeln.de

Gemeinde Wallenhorst
Rathausallee 1 • 49134 Wallenhorst
Tel.: 05407-88 8-0 • Fax: 05407-88 8-999
www.wallenhorst.de

 

Max R. aus Hamburg

Donnerstag, 14-05-09 12:55

Habe mich über die e-Post Adresse beschwert, ich rate es allen anderen gleich zu tun um einen Sturm loszubrechen.

 

N B aus Göttingen

Donnerstag, 14-05-09 11:06

Hab mich gerade in einer e-post über diesen dämlichen Namen beschwert, wer auch will
info@belm.de
dürfte die richtige Adresse sein (steht jedenfalls im Impressum auf divawalk.de).

 

N B aus Göttingen

Dienstag, 12-05-09 19:42

Tolle Aktion, den "walk" überzukleben! Beim nächsten mal könnte man ja den erwähnten DonAr Weg als aufkleber benutzen!

 

Till Eulenspiegel aus Ottawa, Kanada

Montag, 11-05-09 02:37

Wenn der Wanderweg 100km lang ist, wäre das Wort 'walk' völlig verfehlt -- 'trail' wäre dann das richtige Wort -- mit dem entsprechenden Verb 'hiking', und nicht 'walking'. You walk five minutes, and you hike a hundred kilometers! Nun ja, mit dem Hauruck-Englisch da dort geht's wohl halt nicht anders (shurely not!?)

 

Marie Podlech aus Erlangen

Sonntag, 10-05-09 22:22

Es ist ein Irrtum zu glauben, Walk sei ein englisches Wort und mit "Spaziergang" zu übersetzen. In Wirklichkeit wird man, um die Varusschlacht wirklich hautnah zu erleben, tüchtig durchgewalkt - so eine Art Überlebenstraining eben. Ist das nicht eine tolle Idee der Tourismusexperten? Ganz klar, daß die Schilder wieder überklebt werden mußten, sonst hätte doch niemand gewußt, was für ein Abenteuer ihn da erwartet. Walken: ist doch ganz eindeutig. Oder glaubt jemand, Walkfrottier seien Textilien, die spazierengegangen sind?

 

Alexander R. aus Krefeld

Sonntag, 10-05-09 15:15

@Klaus Reichel:
Eine wirklich vortreffliche Idee, die Sie da haben!
Nur wenn schon die Deutsche Sprache als solche verstaubt und nicht mehr dem Zeitgeist entsprechend eingestuft wird, dann wird sich eine Bennenung, die an einen germanischen Gott erinnert, leider niemals durchsetzen können. Spätestens seit 1945 ist ein solches Anknüpfen an das Erbe unserer Ahnen leider mehr als nur unerwünscht, zumal von germanischen Göttern die Entscheidungsträger in solchen Fragen herzlich wenig wissen wollen. Sollte ich aber diesen Steig einmal begehen, dann werde ich mir Ihren Vorschlag merken.

 

Hans Peter Markus aus Herbertshofen

Sonntag, 10-05-09 12:44

Lieber Bbr. Paulwitz,

zu Deiner Frage im Postskriptum: Sowohl im "Reichskommersbuch" von 1890, dem "Allgemeinen Deutschen Kommersbuch" von 1886 und dem "Commers-Buch für den deutschen Studenten" von 1859 steht an der fraglichen Stelle "krampfhaft".

Beste Grüße!

 

William M. aus Berlin

Sonntag, 10-05-09 11:34

Über die terroristisch-revolutionäre Qualität der deutschen Sprache:
daß Deutsch dort, wo es verstaubten Politikern um ein „frisches und modernes Image“ zu gehen scheint, geradezu systemerschütternd wirkt, mag nur den Sprachmitläufern, den modischen Wendehälsen und Neusprechlern so vorkommen, denn, durch uns mit Leben erfüllt, erneuert sich das Überkommene aus sich selbst – ihnen zum Trotz.

 

Michael V aus dem Werratal

Samstag, 09-05-09 23:34

@Klaus Reichel

Da haben Sie Recht! "Varusschlacht" heißt die Hermannschlacht denn auch erst so seit 1945. Genauso, wie die Schlacht von "Belle-Alliance" seit '45 "Waterloo" heißt - wohlgemerkt "Woaterluhh" gesprochen, als wenn jener Ort in England zu suchen wäre. Aber mit Arminius begann ja bekanntlich das ganze Übel, und führt in einer direkten Verbindung über Luther, Friedrich II, Bismarck zu Hitler, weshalb der germanische Sieg sozusagen die Urursünde der Deutschen ist, weshalb man sich vor Ort auch kräftig Asche aufs Haupt streut, wovon sich jeder in Kalkriese überzeugen kann. Denn heute sind wir geläutert und lieb!

 

Klaus Reichel aus Forchheim

Samstag, 09-05-09 19:36

Eine schöne, durchaus nachahmenswerte Aktion. Gelegenheiten gäbe es sicher genug, wenn man mit offenen Augen durch die Lande streicht. Bei dem Kunstbegriff „DiVa Walk“ krampft sich einem ja der Magen zusammen.

Überhaupt – Varus war doch der Gegner! Wieso wird der denn geehrt? Läge es nicht näher, das Andenken an Arminius hochzuhalten? Und wenn ich Dinosaurier gut deutsch durch Donnerechse ersetze, könnte ich mir eine Benennung in „DonAr Wanderweg“ durchaus vorstellen. Wobei dann mit Donar auch noch Assoziationen an die altgermanische Götterwelt wachgerufen werden.

 
 

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