Donnerstag, 16.07.2009 Mit „Spaß“ gegen den Staat
Von: Baal Müller
Aber hißt die Polizei nicht mancherorts selbst die Regenbogenfahne der Schwulenbewegung? Schließlich wird in den Shopping-Centern oder der Berliner O2-Arena, gegen die sich ebenfalls Aktionen der Hedonistischen Internationale richteten, die gleiche Spaß- und Konsumkultur propagiert. Welcher grundlegende Unterschied besteht letztlich zwischen den gutmenschlichen Staatsdemos, bei denen ein Konstantin Wecker auftritt, und den bestmenschlichen Antistaatsdemos mit Techno-Musik?
Die Spaßguerilleros fordern einen globalen Humanismus
Wenn nur der Staat im allgemeinen oder ein paar standardisierte Bösewichter (denen das Demonstrieren dagegen reichlich schwer gemacht wird) als „Gegner“ gelten, wird jeder politische Kampf zum „poppigen Event“.
Die totale Demokratie demonstriert nur noch gegen sich selbst, niemals aber gegen solche Gegner, die – etwa aus religiösen Gründen – keinen Spaß verstehen. Letztlich ist mit dem Spaßdemo-Aktivismus somit nur der stillschweigende Konsens, der hinter den ritualisierten Schein-Auseinandersetzungen in den Parlamenten und Talkshows steht, auf der Straße angekommen.
Gegen diesen richtet sich, freilich auf der anderen Seite des politischen Spektrums, die Konservativ-Subversive Aktion (KSA), deren bislang medienwirksamste Aktion die Störung einer Lesung von Günter Grass im Hamburger Thalia-Theater im vergangenen Jahr gewesen ist. Wie die anarchisch-nonkonforme Linke knüpft auch die etatistisch-nonkonforme Neue Rechte an die Sponti-Bewegung an, beide inszenieren kontrollierte (gewaltfreie) Provokationen mit ästhetischem Anspruch und werden von den jeweiligen Orthodoxien kritisiert, Politik lediglich zu simulieren.
Der Unterschied besteht jedoch darin, daß die Spaßguerilleros einen globalen Humanismus fordern, die „Politischen Existentialisten“ das selbstreferentielle „Palaver“ der Medien- und Spaßgesellschaft hingegen beenden wollen und eine neue Ernsthaftigkeit der politischen Kultur verlangen.
JF 30/09

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