Freitag, 22.01.2010

Neues aus der Versöhnungsanstalt

Der polnische Historiker Tomasz Szarota begründet seinen Rückzug aus dem wissenschaftlichen Beraterkreis der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ in einem lesenswerten Interview mit der taz vom 19. Januar 2010.

Treffend ist wohl seine These, daß es der Stiftung weniger um internationale als um die innerdeutsche Versöhnung geht. Das „sichtbare Zeichen“ von Berlin soll nach dem Willen der Bundesregierung die Vertriebenen damit aussöhnen, daß ihnen elementare Rechte  vorenthalten wurden. Einen Versuch der Bundesrepublik, für eine Rückerstattung ihrer verlorenen Vermögenswerte einzutreten, wird es so wenig geben wie den Anlauf für eine Verfolgung von Vertreibungsverbrechen wie Mord und Totschlag.

Verzicht auf ein Viertel Deutschlands

Allenfalls soll daran erinnert werden, daß es so etwas gegeben hat, sorgfältig aufgelöst in eine Allgemeindarstellung von europäischen Vertreibungen des 20. Jahrhunderts, jeweils ohne politische Verantwortungszuweisung – mit einer Ausnahme: Über den Umweg von Kollektivschuldbehauptungen und verqueren Kausalitätsthesen wird den deutschen Vertriebenen eine Mitverantwortung für ihr Schicksal zugeschoben.

Soll man sich nun damit aussöhnen, weil mehr derzeit angeblich nicht durchsetzbar ist? Dies wäre der klassische Weg der Ostpolitk der letzten vierzig Jahre, die mit vollen Händen und ohne Gegenleistung weggab und sich folgerichtig nach dem billionenschweren Verzicht auf ein Viertel Deutschlands aus den Vertreiberstaaten noch Narreteien der Art anhören muß, es fehle an deutschen Reparationsleistungen.

Versöhnung fällt unter diesen Umständen schwer, ob das Zeichen nun „sichtbar“ wird oder nicht und irgendwie auch ganz unabhängig davon, wer letztlich auf welchem Stuhl plaziert wird. Der Bruch von anerkannten Rechtsnormen schafft eben keine Versöhnung, um so weniger, wenn er von Finanztransfers begleitet ist. Dann weckt er eher Begehrlichkeiten.

Zentrum für ehrliche Geschichtsforschung

Auch Szarota winkt mit Geldforderungen: „Sie sehen, daß Berlin den Tätern und Opfern, die im BdV organisiert sind, Millionen an Steuergeldern zuschanzt. Da fragen sich die Griechen, die Italiener, die Polen natürlich: Und was ist mit uns?“ So fragt er. Vielleicht kommen eines Tages wirklich noch die Nachfahren der italienischen Faschisten nach Berlin und wollen Schadensersatz für den Krieg, den diese Faschisten 1940 mutwillig unter anderem gegen Griechenland vom Zaun gebrochen haben.

Sicherheitshalber sollte vor einem Zentrum gegen Vertreibungen wohl doch erst ein Zentrum für ehrliche Geschichtsforschung errichtet werden. Da kann dann auch Tomasz Szarota seinen Platz einnehmen und erklären, wie das so war am 31. August 1939, als der polnische Botschafter in Berlin erklärte, sich nicht für deutsche Verhandlungsangebote interessieren zu müssen und vom kommenden Marsch polnischer Truppen auf Berlin sprach. Und wenn das alles einmal auf dem Tisch war, dann wird es auch eine Chance für wirkliche Versöhnung geben.



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Manfred M. aus Augsburg

Samstag, 23-01-10 12:03

Gut, daß dieser Herr hingeschmissen hat. Da wollte sich der Bock zum Gärtner machen.
Genau die Logik der Vertreibungsdekrete, vertreten am Anfang des 21.Jahrhunderts. Traurig!

 

Friedrich Zehetner aus Wien

Samstag, 23-01-10 08:10

Man sieht wie wichtig heutzutage ein ZgV wäre, das noch besser "Dokumentationszentrum deutscher Osten" heißen und nicht im Zeichen der sogenannten "Versöhnung" sondern der geschichtlichen Wahrheit, des Rechtsbewußtseins sowie der Darstellung der ostdeutschen Geschichte und Kulturleistungen stehen sollte.

An Japan sollten wir uns ein Vorbild nehmen (auch in der Einwanderungsfrage). Japan begeht alljährlich am 7. Februar den "Tag der nördlichen Territorien". http://www.de.emb-japan.go.jp/aussenp/noerdliche-territorien.html

Warum gibt es hier keinen "Tag für Ostdeutschland" ? Bis in die Sechzigerjahre war das Rechtsbewußtsein der BRD-Politik ja noch in Ordnung, da hätte er festgelegt werden sollen.

 

Philo Soph aus Irgendwo

Freitag, 22-01-10 23:51

Zweifel ist der Anfang jeder Wissenschaft.
Wer den Zweifel verbietet, verbietet die Wissenschaft und damit die Wahrheit.
Ohne Wahrheit gibt es keinen gerechten Frieden! Wer die Lüge züchtet, rüstet zum Krieg!
Vielleicht sollten wir mehr Wahrheit wagen, auch wenn es schmerzt.

 

Otto Ohnesorge aus Berlin

Freitag, 22-01-10 23:05

"Sicherheitshalber sollte vor einem Zentrum gegen Vertreibungen wohl doch erst ein Zentrum für ehrliche Geschichtsforschung errichtet werden."

Lieber Stefan Scheil, ein zweifellos sinnvoller Vorschlag. Das wäre zu und zu schön.

Das würde natürlich voraussetzen, daß zuvor nahezu alle Abgeordneten des BRD-Bundestages ausgetauscht werden.

Vor allem Merkel. Die will überhaupt keine historischen Wahrheiten und schon gar keine neuen, hören. Die sagt: Die Deutschen sind schuld. Für alles und für immer.
Das ist einfach, das kann die sich gut merken, dieses Merkel.
Das hat die übrigens mit Schröder gemeinsam. Auch so eine Existenz.

Bis dahin muß ich liebevoll fragen: "Wovon träumen Sie eigentlich nachts." :)

 
 

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