Mittwoch, 17.06.2009 Die blutige Rache der Werktätigen
Von Bernd Rabehl
Andere ältere Arbeiter folgten diesem Redner. Ihre Forderungen liefen darauf hinaus, Streikräte in den einzelnen Betrieben zu bilden. Die SED sollte als Kontrollorgan aus den Betrieben entfernt werden. Andere verlangten einen zentralen Streikrat der Stadt, der sich mit den Streikenden des Kunstseidenwerks in Premnitz, der Nachbarstadt von Rathenow, verständigen sollte. Die Rathenower Arbeiterschaft klagte ihre politische Selbständigkeit ein und pochte auf Teilhabe an der Mitbestimmung in Betrieb und Kommune.
Erste Schritte wurden angesprochen, zuerst betriebliche Streikräte zu wählen, ehe an einen zentralen Streikrat gedacht werden konnte. Zum Schluß der Kundgebung wurde das alte Arbeiterlied „Brüder zur Sonne zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor“ gesungen. Wir stimmten freudig mit ein, denn dieser Gesang gehörte zu unserem Repertoire aus der FDJ. Dieses alte Arbeiterlied wurde zur Hymne des Streiks.
Lastwagen waren zu hören. Russische Soldaten mit Kalaschnikow kamen zögernd auf die Streikenden zu. Sie wurden mit „Druschba“-Rufen begrüßt. Wir drehten weitere Runden mit unseren Fahrrädern. Vor dem Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft gab es einen Auflauf wütender Bürger. Ein älterer Mann, er mochte etwa 60 Jahre alt gewesen sein, sollte an einem Blitzableiter erhängt werden. Er schrie und wehrte sich. Er blutete am Schädel. Ein Auge schien aus der Kopfhöhle zu hängen. Ich konnte mich mit meinem Fahrrad nicht durchdrängen.
Ein stadtbekannter Spitzel
Das sah nach Wilhelm Hagedorn aus. Ich kannte ihn, weil er in der Nachbarschaft wohnte. Außerdem hatte er sich wiederholt an meine Mutter heranmachen wollen. Ich mochte ihn nicht. Er war als Spitzel stadtbekannt. In der Gaststätte „Wernecke“ in der Kurlandstraße hatte er geprahlt, daß er nach 1945 etwa 300 Faschisten und Konterrevolutionäre an den sowjetischen NKWD ausgeliefert hätte.
Im RIAS wurde sein Namen als „Spitzel“ durchgegeben und vor ihm gewarnt. Meine Mutter hatte mir erzählt, daß er in den zwanziger Jahren zur KPD und zum Rotfrontkämpferbund gehört hatte. Nach 1933 hatten die Nationalsozialisten ihn kurzfristig in ein KZ gesperrt. Danach hatte er als Hilfsarbeiter am Rathenower Hafen gearbeitet.
Die Aufmärsche der SA hatte er in dieser Zeit beobachtet und sich die Namen der Führer gemerkt. Nach 1945 nahm er Rache und wurde zum gefürchteten Mann der Stadt. Er verriet jedoch nicht nur die NS-Größen des Ortes an den Sowjetgeheimdienst. Er denunzierte Unternehmer oder die, die er für die „feindliche Klasse“ hielt. Jugendliche wurden als „Wehrwolf“ verdächtigt und verraten, egal ob der Verdacht beweisbar war. Sozialdemokraten und Kommunisten, die bei der Vereinigung 1946 nicht mitgemacht hatten oder die aus der SED herausgesäubert wurden, waren vor ihm nicht sicher. >>

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