Donnerstag, 31.12.2009 Wunder sind möglich
Von Thorsten Hinz
 Feier zur Wiedervereinigung am 3.10.1990: Rettung und friedlicher Zugewinn Foto: Wikimedia/Bundesarchiv
Denken wir uns den Jahresbeginn 2010 ohne den Mauerfall und die Wiedervereinigung 20 Jahre zuvor: Wirtschaftlich würde es der DDR schlimmer ergehen als Polen 1980. Städte wie Görlitz, Naumburg, Schwerin, Stralsund, Wittenberge, jetzt Stolz und Zierde des vereinten Landes, wären Plattenbauwüsten. Die Mauer in Berlin stünde unangefochten, verschönt allerdings durch Blumenrabatten. Eine neue Sorte Landminen an der innerdeutschen Grenze würde nur noch Füße zerfetzen, aber nicht mehr töten.
Bundeskanzler Oskar Lafontaine (SPD), im Amt seit 1991, würde beides als Zeichen ernsthaften Reformwillens in der Ost-Berliner Führung begrüßen. Die Westpresse grübelte über die Gerüchte eines Zickenkriegs im verjüngten SED-Politbüro zwischen Petra Pau und Sahra Wagenknecht nach. Der Bundesbeauftragten für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Frauen und Familie, Alice Schwarzer (parteilos), bliebe es vorbehalten, die Spekulationen auf ihren politischen Kern zurückzuführen: Unsere DDR-Schwestern emanzipieren sich von den männlichen Machtstrukturen!
Wiedervereinigung war alles andere als selbstverständlich
Wer aus der DDR kommt, wird die Realität, so kritikwürdig sie ist, solchem Alptraum auf jeden Fall vorziehen. Für jene Westdeutschen, für die die Wiedervereinigung keinen Wert an sich darstellt, denen sie auch keine berufliche Perspektive inklusive „Buschzulage“ eröffnet hat, könnte sich ihr Vorzug wenigstens auf einer abstrakten Ebene ergeben: indem sie nämlich die Rettung und den friedlichen Zugewinn von Landschaften, Orten, städtebaulichen Schönheiten, die eine nationalgeschichtliche und -kulturelle Tiefendimension enthalten, auf sich selber zu beziehen lernen.
Die Wiedervereinigung, die gern als Naturereignis beschrieben wird, war alles andere als selbstverständlich. Unmittelbar, ehrlich und real war sie zuletzt durch den Ost-Berliner Aufstand vom 17. Juni 1953 auf die Tagesordnung gesetzt worden. Dieses Datum ist von doppelter Tragik, denn nach Stalins Tod sandte die Sowjetunion Signale aus, daß sie die DDR möglicherweise zur Disposition stellen wolle. Welchen Preis die Bundesrepublik und der Westen dafür zu zahlen bereit waren, mußten beide nicht beweisen, denn nach dem Aufstand hätte die Preisgabe der DDR einen Prestigeverlust bedeutet, den die östliche Supermacht sich nicht leisten konnte. Der Tag der Deutschen Einheit wurde danach zu einem Ritual, dessen Sinn von immer weniger Menschen verstanden wurde.
Exklusives Schlachtfeld im Ost-West-Konflikt
Nach dem Zweiten Weltkrieg war die politische Ohnmacht Deutschlands, die durch die Reichsgründung 1871 kurzzeitig behoben worden war, total geworden. Die beiden deutschen Teilstaaten formulierten ihre politische Identität, indem sie sich besonders eng an ihre jeweiligen Vormächte anschmiegten. Für die Bevölkerung in der DDR war das bitter, weshalb hier die Hoffnung auf die deutsche Einheit lebendig blieb. Für viele Westdeutsche dagegen erschien es als eine Frage der Lebensklugheit, wirtschaftliches Wohlergehen durch politische Enthaltsamkeit und nationale Selbstneutralisierung abzusichern. >>

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