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Samstag, 25.04.2009

Stadtflucht?

In einem Mehrfamilienhaus in einem sozial durchmischten Viertel einer Großstadt möchte man oft gar nicht wissen, was die Nachbarn so treiben. Man hat gelernt, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Doch ob man will oder nicht, irgendetwas bekommt man immer mit. 

Die Frau nebenan beispielsweise arbeitet nachts. Bis spät in den Nachmittag schläft sie. Oft nehme ich ihre Postpakete an. Irgendwann erzählte sie, daß sie mit 18 geheiratet hat. Mit 25 war sie bereits geschieden. Nun wünscht sich die 30jährige nichts lieber als ein Kind. Doch ihr laufe die Zeit weg, sagt sie, und durch ihren Beruf sei es schwer, jemanden kennenzulernen und eine Familie zu gründen. Sie müsse sich wohl damit abfinden, daß sie nie Mutter werde.

Ein paar Stockwerke höher wohnt ein Ehepaar mit einem zehnjährigen Jungen. Früher war er ein fröhliches und offenes Kind. Zwar schimpfte der Vater manchmal mit ihm im Treppenhaus etwas lauter, doch wer Kinder hat weiß, daß das Leben mit ihnen nicht immer einfach ist.

Seit einigen Wochen ist er jedoch völlig verändert: still, traurig und verängstigt. Bei seinem Vater dagegen riecht man regelmäßig die Fahne, wenn er guten Tag sagt. Seine neue Lebensgefährtin sieht man immer öfter die Schnapsflaschen zum Altglas bringen.

Ganz oben im Haus wohnt eine alleinerziehende Mutter mit ihrer etwa 13 Jahre alten Tochter. Als wir vor drei Jahren hierher gezogen sind, war sie noch ein Kind. Nun läuft sie rum wie eine Dirne: Leicht bekleidet, weiß blondiertes Haar und schlecht geschminkte schwarze Augen. Da das heute jedoch die meisten Mädchen in dem Alter so machen, habe ich mir erstmal keine Gedanken gemacht.

Doch gestern nachmittag bin ich an der billigsten Kneipe in unserem Kiez vorbeigelaufen. Durch die offene Tür sah ich das Mädchen – an einem Pils schlürfend und über die Witze eines erwachsenen Mannes lachend. Ich dachte, ich sag es der Mutter – doch die saß ebenfalls dort.

Nun, was geht mich das an? Ich bin nicht der Samaritertyp. Sollen die Leute selbst ihren Mist ausbaden, dachte ich mir. Doch aus dem Kopf gegangen sind mir die Geschichten nicht. Was ist also die Konsequenz? Oft denke ich, daß wir spätestens mit der Einschulung unseres Sohnes hier wegziehen müssen – aufs Land, oder in die Randbezirke. Er wird hier nur schlecht beeinflußt (nicht nur, weil hier zunehmend Kopftücher das Straßenbild dominieren).

Doch genau das ist das Problem: Wer kann, flüchtet aus der Stadt. Dabei sind es gerade die, die noch etwas bewirken könnten – also die Konservativen, die Rechten, die Christen –, die als erste die brennende Stadt hinter sich lassen. Sie wollen sich von der häßlichen Gesellschaft abkapseln – sich und ihren Kindern eine Art konservative Idylle schaffen.

Ich gebe zu, daß es verlockend ist, alles aus der sicheren Ferne anzuschauen und zu kritisieren. Doch damit sind die Probleme nicht gelöst, und damit wird Deutschland sicherlich nicht zu einem besseren Ort. Gerade als Rechter sollte man heutzutage das Helfen eben nicht dem Staat überlassen.



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Jan Heitermeier aus Stuttgart

Mittwoch, 29-04-09 00:21

Eine wunderbar anrührende Geschichte! Und sie könnte auch in meiner Stadt spielen. In meinem Treppenhaus.

Ich habe über Jahre darüber nachgedacht, was ich beitragen könnte, um diese Verhältnisse zu ändern. Kommunalpolitisches Engagement? Gute Idee. Aber die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Die Effekte fallen bescheiden aus. Immer.

In einigen Jahren werde auch ich meinem Kiez den Rücken kehren und mit meiner Familie in eine beschaulichere Gegend gehen. Nicht allein wegen der Kinder. Vermutlich werde ich kommunalpolitisch nicht viel bewegt haben bis dahin. Vielleicht ist es vergebene Liebesmüh.

 

Kersti Wolnow aus Deutschland

Dienstag, 28-04-09 18:03

Fisch am Freitag? Haha. In den Asklepios Kliniken in Hamburg sind Schweinchen im Speiseplan aufgemalt, damit die Mitbürger beim Krankenhausaufenthalt auch verstehen, was sie nicht essen sollen. Sprachkenntnisse sind nicht vonnöten. Wozu auch? Die Helferindustrie ist allgegenwärtig.

 

Andreas Berger aus Dresden

Dienstag, 28-04-09 17:16

Kein Schweinefleisch im Kindergarten ? - Gut, wenn es dafür Freitags nur Fisch gibt! Man muß sich schließlich aneinander gewöhnen, oder nicht?
Es sieht im Moment nicht gerade aus, als ob man durch Masse konservativ punkten kann. Oder doch ?
Soziale Entmischung wird weitgehend durch Sorge um die Kinder mit vorangetrieben. Wegzug ist nur die Folge davon, daß man sich gegen andere nicht durchsetzen kann. Dableiben nützt nichts. Zumindest nicht den Kindern. Es sei den als Überlebenstrainig.

 

Kersti Wolnow aus Eversen-Heide

Dienstag, 28-04-09 13:30

Als meine Enkelin in Hamburg kein Schweinefleisch mehr im Kindergarten bekam, gab ich meinem Sohn den guten Rat, rauszuziehen. Alle, die ganze Familie einschließlich der 2 Katzen sind viel entspannter. Wir sind 2000 wegen unseres Staffordshire Bullterriers rausgezogen, der für den Senat bis heute eine unwiderlegbar gefährliche Rasse ist, hier, paar km weiter auf dem Lande ist er der Liebling von Kind bis Oma. In der Stadt leben die Menschen zusammengepfercht, da geht es dem Menschen wie jedem Lebewesen, es wird aggressiv.

 

Eric Micha aus der Eifel

Sonntag, 26-04-09 19:42

(Folge)
Ich habe zwar keine Kinder, aber wenn schon, dann würde ich sie nie wachsen lassen, ohne daß sie den Geruch des Grases nach dem Regen hätten erleben können.

Die wahre Welt erkunden Kinder über Wald und Wiese, indem sie über Stock und Stein gehen.

Als Reaktion gegen diese Entartung des Menschen durch die Stadt ist übrigens die deutsche Reformbewegung damals entstanden (s. dazu „Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880-1933“, Peter Hammer Verlag)

 

Eric Micha aus der Eifel

Sonntag, 26-04-09 19:37

Um zu wissen, daß der Mensch in der Großstadt entartet, braucht man nicht die zahlreichen Anführungen von Philosophen und Publizisten darüber zu lesen, sondern man kann es am eigenen Leibe erleben.

Meine Heimatstadt zählt nicht mal 7.000 Bewohner, hat jedoch alle Nachteile einer Großstadt (Lärmbelästigung, gefährlicher Verkehr, unreine Luft, rastlose Menschen, usw. usf.), ohne die Vorteile anzubieten (kulturelles Angebot), deshalb habe ich seit neun Jahren keinen einzigen Augenblick bedauert, aufs Land gezogen zu sein, da – zum Glück - mein Beruf mir erlaubt, überall wohnen zu können.

 

James Houston aus Berlin

Sonntag, 26-04-09 18:31

Ich finde das Leben Ihrer Nachbarn traurig, aber auch so dass Sie der ganzen Internetleserschaft der JF darueber erzaehlen muessen. Als Ihrer Nachbarn verdienen sie auch ein bisschen Respekt. Wir sind nicht bei Jerry Springer.

 

Willi Wurst aus Hamburg-Fischbääck

Sonntag, 26-04-09 05:22

die "Konservativen" kotzen mich allmählich an mit ihrem Gejammer ; die Leute hätten `68 den Knüppelstaat organisieren sollen , jetzt verbunkert man sich in HH Blankenese und schickt die Kinder auf Privatschulen . WIR werden EUREN Wohlstand nicht schützen ; WIR werden auch keine weiteren Allianzangebote machen . ( wir haben Land und Personal , ihr habt nur euren Elfenbeinturm ) ; viel Glück

 

Michael V aus dem Werratal

Samstag, 25-04-09 18:06

@Storch Heinar

Schicken Sie mal eines Ihrer Kinder ein halbes Jahr auf eine Schule mit einer hohen Muslimquote und lassen Sie Ihr Kind dort mal eine wenig "kulturell bereichern" und Ihre Sprüche werden Ihnen im Halse stecken bleiben. Während dieser Phase lesen Sie mal ein wenig den Koran - sehr heilsame Lektüre für den angehenden "Dhimmi".

 

Storch Heinar aus Schwerin

Samstag, 25-04-09 12:46

Ups!? Mursulas Sohn wird schlecht beeinflußt, u.a. "weil hier zunehmend KOPFTÜCHER das Straßenbild dominieren"?

Du lieber Himmel! Ist das schon neurotisch? Oder spricht sich hier der Wunsch nach Diktatur aus?

 

karsten reincke aus berlin

Samstag, 25-04-09 11:47

Treffende, leider auch ZUtreffende Analyse.
Von 1990-1998 wohnte ich in einem Zehnfamilienhaus in Berlin-Mitte. Man konnte von Jahr zu Jahr zusehen, wie Mieter wechselten von normalen Mietzahlern zu Sozialhilfeempfängern, die die dortigen Wohnungen zugewiesen bekamen. Verallgemeinernd wurde es lauter im Haus, es wurde im Haus auch ungepflegter. Das traf auch für das nähere Umfeld zu, den Spielplatz im Hof, die Straße. Der Verlauf war schleichend. Ich bin dann mit meiner Familie an den Berliner Stadtrand gezogen, in ein Einfamilienhaus. Mir ist die Zukunft meiner Kinder zu wichtig, als daß ich die Verwerfungen in bestimmten Innenstadtbezirken hinnehmen will.

 

Michael V aus dem Werratal

Samstag, 25-04-09 10:52

Mit Ihrer Analyse haben Sie zwar absolut recht - ich für meinen Teil als Liberaler würde jedoch immer ALLES tun, um meine Kinder bestmöglich zu schützen und in denkbar günstigsten Bedingungen zu erziehen. Zudem glaube ich, dass „Gemeinnutz“ und „Eigennutz“ oft dichter beieinander liegen, als gemeinhin geglaubt wird – z.B. in diesem Falle. Was nützt es denn der Gemeinschaft, wenn Ihre Kinder dank Ihrer patriotischen Standhaftigkeit durch schlechten Einfluss ihrer Umgebung hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben oder gar auf die schiefe Bahn geraten?

 
 

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