Donnerstag, 18.06.2009 „Mißtrauen, Spaltung, Sprachverlust“
Von Kai Zirner
Die Habermas’sche Vorlesung verlief im Prinzip ähnlich wie sein Seminar, nur daß der rein akustisch schon schwer zu verstehende Vortrag durch häufige längere englische Zitate („Verstehen Sie eigentlich überhaupt Englisch?“) verkompliziert wurde. Selbst das berühmte Bonmot von Karl Marx bewahrheitete sich, wonach Geschichte zweimal aufgeführt werde, einmal als Tragödie und einmal als Farce.
So wiederholte sich das berühmt-berüchtigte „Busenattentat“ auf Habermas’ Lehrer Adorno leider nicht in Gestalt entblößter Brüste, sondern in Form des „Go-In“ eines behelmten schwarz gekleideten Studenten, der sich aus irgendwelchen Protestgründen neben den dozierenden Habermas stellte, worauf dieser auf den Helm des Störers pochte. Konsequenzen gab es nur in Form von Gelächter, mehr Erfolg war diesem Protest nicht beschieden. Eher halb amüsant denn brisant, diese Szene.
Etwas mehr zur Sache ging es im gemeinsam mit Karl-Otto Apel veranstalteten Kolloquium. Apel stand immer im Schatten von Habermas, obwohl dieser zahlreiche Anleihen bei seinem Frankfurter Kollegen nahm und Apels Konzept der Transzendentalpragmatik durchaus anspruchsvoller als die Diskurstheorie à la Habermas ist. Im Kolloquium stritten sich nun „Jürgen“ und „Karl-Otto“ durchaus erregt und amüsant für das Auditorium, ohne daß hier auch nur eine der von den beiden aufgestellten Diskursregeln ansatzweise beachtet worden wäre.
Jeder pädagogische Ehrgeiz ging ihm ab
Von Habermas kennt man solches Verhalten in wesentlich üblerer Form aus dem Positivismus-, Konservatismus‑, Metaphysik- und Historikerstreit, um nur die bekanntesten Kontroversen zu nennen, in denen sein Gift verspritzt wurde. Immer ging es dabei um aus der Luft gegriffene politische Verdächtigungen. Bekannt ist sein denunziatorisches Verhalten im Historikerstreit. Freilich gab es damals noch wackere Streiter, die sich Habermas, wohl zum letzten Mal, in den Weg stellten.
So rüffelte Andreas Hillgruber die Unterwürfigkeit seiner Kollegen gegenüber dem Sozialphilosophen: „Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, wie sich einige Historiker-Kollegen, anstatt den in der Historie dilettierenden Agitator in die Schranken zu verweisen, ganz oder teilweise den ‘Argumenten’ von Habermas anschließen konnten. Erst dadurch ist der Habermas-Skandal zu einem ‘Historikerstreit’ geworden.“ Auch Michael Stürmer blies in dasselbe Horn: „Jürgen Habermas hat viel erreicht: Mißtrauen, Spaltungen, Sprachverlust. Ich gratuliere niemandem dazu.“
Weniger bekannt ist, daß Habermas 1988 in ähnlicher Weise seinen Kollegen Dieter Henrich, den Nestor der Idealismusforschung, als Philosophen der „Wende“ anging, der die metaphysische, gesellschaftlich verschleiernde Begleitmusik zu Helmut Kohls Regierung komponiert habe. Dabei hatte Habermas doch ein für allemal das Ende der Metaphysik dekretiert. Philosophie sollte fürderhin nur noch als Diskursethik und Vorwärtsverteidigung der Moderne betrieben werden.
Daß aber selbst in diesem sehr begrenzten Rahmen eines nachmetaphysischen Rationalitätsoptimismus wesentliche Erkenntnisse der Frankfurter Schule über die Dialektik der Aufklärung verschüttet wurden, zeigt die Enge des Habermas’schen Ansatzes. Genauso seine Weigerung, andere als abstrakt-konsensuale Loyalitätsbindungen anzuerkennen. >>

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