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Mittwoch, 14.01.2009

Debatte: Abschied von der „Neuen Rechten“

Von Dieter Stein

Alain de Benoist: Abschied vom Begriff einer „Neuen Rechten“

Benoist, Aufstand der Kulturen

Dieter Stein, Phantom „Neuen Rechten“ – ein Buch über Sinn und Unsinn dieses Begriffs Fotos: JF

BERLIN. Plötzlich ist der Begriff einer „Neuen Rechten“ wieder in der Diskussion: Der durch Verfassungsschutzämter und etablierte Politikwissenschaft desavouierte Begriff geistert wieder als Selbstbezeichnung durch Internetforen und Blogs, die Zeitschrift Sezession verortet sich neuerdings auf einer „Neuen Rechten“.

Immer wieder als „Vordenker der Neuen Rechten“ genannt wird der französische Philosoph Alain de Benoist (65), dessen Autorenkreis um die von ihm herausgegebenen Zeitschriften Nouvelle École und Éléments, als „Nouvelle Droite“ in der französischen Intellektuellenszene für rege Debatten sorgten. Wie Alain de Benoist heute zum Begriff der „Neuen Rechten“ steht, erläutert er in einem Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT:

Unverändert sind in Deutschland einschlägige Politikwissenschaftler, vor allem diejenigen, die sich einem „Kampf gegen Rechts“ verschrieben haben, bemüht, nonkonforme Intellektuelle, die konservativ denken, unter einer des Extremismus verdächtigen „Neuen Rechten“ zu subsumieren. Was denken Sie dabei?

Benoist: Ein Politikwissenschaftler geht ohne Vorurteile an seinen Forschungsgegenstand heran und zieht erst nach Beendigung seiner wissenschaftlichen Analyse Schlußfolgerungen. Die Menschen, von denen Sie sprechen, sind alles andere als Wissenschaftler. Sie sind militante Pamphletisten, die sich für ein Werk einzig und allein in der Hoffnung interessieren, zu ebenjenen Schlußfolgerungen zu gelangen, von deren Richtigkeit sie von vornherein überzeugt waren. Sie nehmen weder Rücksicht auf feine politische oder ideologische Unterschiede noch auf die Komplexität der Lebenswege.

Ohne jegliches Gespür für den historischen Moment, in dem sie leben, wiederholen sie die immergleichen Mantras. Sie reißen Zitate aus dem Zusammenhang, um daraus Aussagen entnehmen zu können, die so nicht gemacht wurden, oder sie stellen Texte, die jemand vor einem halben Jahrhundert verfaßt hat, als aktuelle Stellungnahmen dar. Sie erstellen wahnwitzige Organigramme, denen zufolge plötzlich alle „guilty by association“ sind. Sie spekulieren über Hintergedanken, Intentionen, das „Ungesagte“ und legen somit anderen etwas zur Last, was in Wirklichkeit ihr eigenes Vorgehen charakterisiert.

„Das Gespenst einer imaginären 'faschistischen Bedrohung'“

Wie ist diese Stupidität zu erklären?

Benoist: Deutschland war einst dasjenige Land, in dem die Hexenverfolgung mit der größten Erbitterung betrieben wurde. Die deutsche „Antifa“ führt diese Tradition fort. Sie sind ideologische Dinosaurier, Extremisten, deren Methoden sich kaum von denen Goebbels’ unterscheiden. Ihr gesamtes Trachten gilt einer weitestmöglichen Einschränkung der Meinungsfreiheit.

Zudem sind sie nützliche Idioten, mit deren Hilfe sich die herrschende Ideologie ihrer Kritiker erwehrt. Indem sie das Gespenst einer imaginären „faschistischen Bedrohung“ (im Jahr 2009!) beschwören, lenken sie von den realen Bedrohungen ab: Zerstörung der Umwelt, Dominanz der Profitlogik, Heraufkunft der Gesellschaft des Spektakels, die zugleich eine Gesellschaft der totalen Überwachung ist.

In Frankreich gibt es durchaus Wissenschaftler, die sich in seriöser Weise und aus kritischer Perspektive mit „rechten“ Bewegungen beschäftigen. Ich denke an Autoren wie Pierre-André Taguieff oder Jean-Yves Camus. Die deutschen „Antifas“ sollten sich ein Beispiel an ihnen nehmen. Dann würden sie vielleicht damit aufhören, sich in sämtlichen seriösen wissenschaftlichen Kreisen lächerlich zu machen.  



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Franz Kaiser aus Brandenburg

Freitag, 16-01-09 17:52

Verehrter Herr Toris, niemand zwingt Sie sich irgendeiner Meinung anzuschließen. Und Sie brauchen Sich auch nicht als nicht als geistig vereinnahmt fühlen. Sie haben IHRE Ansichten, wie Rechts ist, andere haben eine andere Ansicht. Ich finde die Dinge, die hier Benoit schreibt sehr überlegenswert. Es geht doch nicht um irgendwelche pubertäre Rechthaberei, es geht um Argumente, um das was unser Volk vor Unheil bewahrt! Wenn da bessere Ideen auch von Linken kommen oder Personen, die sich dem näher zugehörig fühlen ist es selbstverständlich, dass ich diese Idee ebenso vertrete, als wenn sie von meiner rechten Seite käme. Das heißt für Sie den Kampf aufgeben, kapitulieren. Nein, da bin ich ganz anderer Ansicht, genau das ist doch neu und mutig! Der mainstream verlangt die alten Rechts-Links Kontroversen ,vergeudet aufs schlimmste geistige Ressourcen unseres Volkes mit solchen Banalitäten. Dabei spielen doch die alten Hardcoredogmatiker beider Seiten, diese Fundamentalisten, die mich mehr an islamische Fundamentalisten in ihrem Hass erinnern, doch nur ein überzogen egoistisches mieses Politikspiel vorbei an den Interessen der Nation.

 

Dimitrios Toris aus Wuppertal

Freitag, 16-01-09 14:40

Was de Benoist da sagt klingt für mich wie eine bedingungslose Kapitulation der ich mich in keinster Weise anschließen kann und möchte.
Übrigens, weder de Benoist noch sonst ein neurechter Intellektueller sollten die Rechten als sein geistiges Eigentum betrachten. Ob wir existieren oder nicht entscheidet jeder von uns allein. Die Frage ist hier nur, ob es noch rechte Intellektuelle gibt, welche (noch) nicht des Kampfes überdrüssig sind!

 

Theo Brandt aus Jena

Mittwoch, 14-01-09 18:45

@ Frank W.

Sie haben Recht, die Stimmung der Bevölkerung treffen die Volksparteien eher nicht. Trotzdem suchten die großen Parteien das Rechts-Links-Schema über Bord zu werfen, ich erinnere nur an „New Labour“ in England und an Schröders „Neue Mitte“, von der heute kaum noch was übrig ist, und die die CDU, die als „Partei der Mitte“ auftritt, teilweise beerbt hat. In der Tat haben die großen Parteien in Deutschland die Stimmungslage verkannt, sonst würden sich nicht rechte Bürgerbewegungen wie Pro Köln gründen. Man darf auch nicht vergessen, dass ein relativ großer Teil der Bevölkerung durch politische Denunziation einfach ausgegrenzt wurde und immer noch wird. Dieser Teil meldet sich nun mehr und mehr zu Wort. Ich bin gespannt, wie die CDU in Zukunft darauf reagieren wird und ob sie es schafft, noch rechtzeitig umzuschwenken, oder sich eine neue, politisch rechts von der CDU befindliche Partei etablieren kann.

 

Frank F. aus NRW

Mittwoch, 14-01-09 17:49

Herr Theo Brandt aus Jena, Sie schreiben:"... sie passen sich aus wahltaktischen Gründen der Stimmung in der Bevölkerung an ..."
Das ist gerade nicht der Fall. Was Sie meinen: Sie passen sich dem an, was von den von ihnen kontrollierten Medien als "öffentliche Meinung" veröffentlicht wird. Die Diskrepanz aber, zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, dürfte in der BRD inzwischen so groß sein wie in der DDR.

Viele Grüße nach Thüringen

 

Christian Werner aus Braunschweig

Mittwoch, 14-01-09 17:02

Danke für das Interview. Das ist eine hochinteressante Klarstellung, weil ich selbst immer dachte, daß Benoist sich als Vordenker einer Neuen Rechten sieht. Man liest das ja überall in der politischen Sekundärliteratur.
Es ist sehr nachdenkenswert, was er sagt. Es klingt auch allzu simpel sich "rechts" einzuordnen.

 

Theo Brandt aus Jena

Mittwoch, 14-01-09 16:58

Die Verwirrung ist groß. Dass ehemals linke Parteien in die Mitte tendieren, rechte Politiker und Intellektuelle linkes Gedankengut übernehmen, ja überhaupt die politische Linke und Rechte sich in gewissen Punkten ähneln, und politische Programme im Wandel der Zeit neu formuliert werden, hat es seit Beginn der Moderne schon immer gegeben.

Doch ich würde vorsichtig sein, voreilig das Ende dieser Begriffe zu verkünden. Wer von der politischen Parteienlandschaft her auf die Wirklichkeit politischer Ideen schließt, könnte leicht einem Irrtum erliegen. Erinnern wir uns an die fünfziger und frühen sechziger Jahre der Bundesrepublik. Diese Zeit kann als konservativ beschrieben werden; selbst die SPD stand mit dem Godesberger Programm und einem Wertekonservativismus, als das er wirklich bezeichnet werden kann, nun mehr in der „Mitte“. Die Entwicklung der APO zeigt, dass sich der Zeitgeist unabhängig von der parteilichen Landschaft ändern kann, auch wenn seine politische Avantgarde zunächst nur am Rande zu operieren schien.

Parteien sind Chamäleons, wie Dieter Stein in JF 37/08 kürzlich zu Recht feststellte. Sie passen sich aus wahltaktischen Gründen der Stimmung in der Bevölkerung an; dies gilt in hohem Maße zumindest für die so genannten Volksparteien. Dass das Rechts-Links-Schema einer gegenwärtigen Realität entspricht, musste und muss auch weiterhin die SPD als schmerzliche Erfahrung hinnehmen, als sich die Linkspartei auch in den westdeutschen Parlamenten erfolgreich etablieren konnte. Dass die CDU momentan keine „rechten“ Positionen vertritt, heißt nicht, dass es sie nicht gäbe. Hier nur ein paar rechte oder konservative Positionen, welche die CDU nicht oder nur unzulänglich vertritt: das Beibehalten des gegliederten Schulsystems, Verbot von Abtreibungen, Kindgerechte Familienpolitik, Schutz der Ehe, Verteidigung des Grundgesetztes und Stärkung der nationalen Identität, Abwehrkampf gegen die Islamisierung, Stopp der Gender – Umerziehung, Schutz der deutschen Sprache.

Der Begriff „Neue Rechte“ ist ein besetzter, und zwar nicht von seinen Protagonisten, sondern von seinen Gegner, die ihn missbraucht haben, um die Rechten zu diffamieren. Es mag sein, dass es nötig ist, diesen Begriff fallen zu lassen, um negativen Assoziationen auszuweichen. Doch dies wird auf Dauer nicht möglich sein. Die politische Rechte braucht Begriffe, die ihr eine Identität geben und ein politisches Profil hin nach außen zeigt, welches für den Wähler identifizierbar ist.

 

Thomas Hägele aus Stuttgart

Mittwoch, 14-01-09 12:30

Die Unterscheidung Links und Rechts ist tatsächlich überflüssig und nichtssagend geworden. Zu den Gründen die Benoist nennt könnte man noch andere wichtige Dinge speziell für Deutschland hinzufügen, also die spezifisch deutsche Situation.

1. Es ist neuerdings eine weitere Bezeichnung hinzugekommen. Das ist die sogenannte Mitte. Darin verorten sich gleichzeitig z.B. SPD und CDU. Man will weder links noch rechts sein. Etliche Parteien haben sich also bereits außerhalb dieses klassischen Gefüges von Links und Rechts gestellt. Anders gesagt: Die Begriffe Rechts und Links reichen nicht mehr aus um die politische Landschaft vollständig zu erfassen, weil noch eine weitere Bezeichnung eingeführt wurde, die selbst aber noch schwammiger ist als die klassischen Begriffe.

2. Es gibt eine eigene Partei "Die Linke". Damit hat eine Partei den Begriff Links vereinnahmt und es wird zunehmend schwieriger werden, etwas als linke Position zu bezeichnen, wenn die Partei "Die Linke" eine gegensätzliche Position hat. Sie kann also selbst auch mitbestimmen, was der Begriff links aussagt und wie er aufgefasst wird.

3. Der Begriff "Rechts" ist ein Stigma geworden. Ein Begriff der nur noch zur Ausgrenzung dient. Er wird demzufolge auch kaum noch als Selbstbezeichnung verwendet. Der Begriff lässt sich kaum noch normal und unbefangen gebrauchen.

Was aufgrund dem oben genannten übrig geblieben ist, ist die Aufhebung der klassischen Kategorien, weil Rechts verschwunden ist, und dadurch nur noch Links und Mitte übrig geblieben ist. Die Begriffe sind nichtssagend und überflüssig. Nicht mehr eine solche Kategorisierung, sondern nur die Inhalte können von Bedeutung sein. Die Inhalte können über eine solche Kategorisierung aber nicht mehr erfasst werden. Nicht zuletzt weil die Zeit nicht stehen geblieben ist und sich die Inhalte geändert haben. Globalisierungskritik, USA- und Israel-Kritik, EU-Kritik, ja selbst Einwanderungs-Kritik, sind heute weder rechts noch links. Heute machen oftmals nicht mehr die Ziele den eigentlichen Unterschied, sondern die Beweggründe, warum man diese Ziele hat. Eine so simple Kategorie von schwarz und weiß, rechts und links reicht da nicht mehr aus.

 
 

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