Samstag, 26.12.2009 Im Reich der Zuckerfee
Von: Wiebke Dethlefs
 Szene aus dem „Nußknacker“. Aufführung von 1981. Foto: Wikipedia/Rick Dikeman
Die meisten Musikfreunde werden auf die Frage, welches große Werk der klassischen Musik am eindrucksvollsten Weihnachten und seinen Geist wiedergibt, sicherlich Bachs Weihnachtsoratorium nennen. Andere werden auf Händels „Messias“ hinweisen, bei dem allerdings nur der erste seiner drei Teile von Weihnachten handelt. Eine kleine Zahl wird Humperdincks „Hänsel und Gretel“ bevorzugen, wo zwar die Handlung keinerlei Weihnachtsbezug hat, aber der stille Märchenzauber dieser Oper doch so recht zu Weihnachten paßt, wie meist die Antwort ergänzt werden wird.
Doch wird kaum jemand für ein Werk eintreten, das zwar auch zur Weihnachtszeit aufgeführt wird (wenngleich nicht häufig), doch ein „weltliches“ Stück ist. Aber seine wunderbar-bezaubernde Märchenhandlung spielt sogar an Weihnachten, und es ist in seiner farbenprächtigen, überquellenden Phantasie gleichsam das weltliche, „romantische“ Pendant zum strengen Protestantismus, zur barocken holzschnittartigen Herbheit Bachs. Gemeint ist Peter Tschaikowskis Ballett „Der Nußknacker“.
Während Bach die Heilsgeschichte in unvergängliche Töne packt, läßt Tschaikowski etwas anderes lebendig werden, was ebenso untrennbar mit Weihnachten verbunden ist: das Traumland der Kinderzeit mit der stillen Vorfreude auf die Bescherung und dann dem überschäumenden Jubel, wenn sich am Abend des 24. Dezember endlich die Tür zum Gabenzimmer öffnet. Für Kinder war das stets ungeheuer phantasieanregend, kaum konnten sie vor diesem Tag oder in der Nacht danach einschlafen. Tschaikowski gibt all diesen Empfindungen musikalischen Raum; und sein Werk wirkt um so ergreifender, da es sich um Reflexionen eines Erwachsenen handelt.
Keineswegs eine Geschichte für Kinder
Die literarische Vorlage stammt von E.T.A. Hoffmann, der im Märchen „Nußknacker und Mausekönig“ aber keineswegs eine Geschichte für Kinder verfaßte, sondern letztlich ein Nachtstück der Seele schrieb. Alexandre Dumas d. Ä. gestaltete die Vorlage unter Wegnahme des tiefenpsychologischen Moments und mit etwas verändertem Handlungsstrang 1844 zu einem wirklichen Kindermärchen um.
Petersburgs berühmter Ballettmeister Marius Petipa war von Dumas’ Märchen fasziniert, verfaßte auf dieser Vorlage das Libretto zu einem Ballett und bat Peter Tschaikowski 1890, dafür die Musik zu komponieren. Übrigens ist es daher unzulässig, wenn moderne Regisseure psychologisch verfremdete Interpretationen des Balletts inszenieren. >>
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