Mittwoch, 17.06.2009 Die blutige Rache der Werktätigen
Von Bernd Rabehl
 Gedenkbriefmarke in Erinnerung an den 17. Juni 1953 Foto: Wikipedia/NobbiP
Im Rundfunk hörte ich von den Streikversammlungen auf den Ostberliner Baustellen und in den Betrieben am 16. Juni 1953. Am 17. Juni wurde ich früh aus dem Bett geklingelt. Ein Schulfreund, Fred Pieper, weckte mich. In Rathenow formierte sich bei den Bauarbeitern eine Kampfdemonstration. Wir stiegen auf die Fahrräder und hatten sehr bald die Gruppen von Demonstranten erreicht, die sich zögernd auf die Straßen wagten.
Von Polizei war nichts zu sehen. An der Spitze der Demonstration zockelte ein Trecker. Er trug noch die Sprüche vom 1. Mai. „Nie wieder SS-Europa“, war als Hauptspruch zu entziffern. Neben dem Fahrer stand ein Soldat der Kasernierten Volkspolizei. Er war zu den Streikenden bereits übergelaufen. Er ballte die Faust, so als gehörte er zu den „roten Matrosen“ aus Kronstadt. Überhaupt erinnerte alles an die russischen Revolutionsfilme, die uns den Panzerkreuzer Potemkin von 1905 oder den Sturm auf das Winterpalais von 1917 nahegebracht hatten.
Der Trecker bog auf den Betriebshof des Volkseigenen Betriebes der Rathenower Optischen Werke (ROW). Die Pförtnerloge war leer. Der Betriebsschutz hatte sich verdrückt. Die Streikenden riefen vereinzelte Sprüche: „Akkord ist Mord“, „Runter mit den Normen“, „SED, raus aus den Betrieben“, „Weg mit dem Spitzbart“ (gemeint war SED-Chef Walter Ulbricht), „Solidarität“. Zögernd verließen Arbeiter und Angestellte die Gebäude und schlossen sich den Streikenden an. Vor dem großen HO-Geschäft machte der Zug halt.
„SED, raus aus den Betrieben, weg mit dem Spitzbart!“
Ein riesiger Platz bot Raum für Tausende. Die Polizei war aus dem Straßenbild verschwunden. Bei dem Kreisamt des Ministeriums für Staatssicherheit hatten wir beobachtet, wie die zivilen Geheimpolizisten über die Gärten geflohen waren. Der Repressionsstaat war vor der Macht der Arbeiterklasse zurückgewichen.
Der Trecker diente als Rednerpult. Ein Vertreter der Kreisleitung der FDJ, Hans Mrositzky, kletterte auf das Gefährt. Er rief die Arbeiter auf, nicht gegen die eigene Regierung zu streiken. Sie sollten Vertrauen haben und zur Arbeit zurückkehren. Der „neue Kurs“ werde die überhöhten Normen revidieren. Er wurde ausgepfiffen und vom Trecker gezerrt.
Die folgenden Redner hatten Schwierigkeiten, sich zu artikulieren. Die Angst verschluckte die Worte. Sich öffentlich zu zeigen und gegen den Staat anzureden, barg viele Risiken. Zögernd betrat ein älterer Arbeiter das Dach der „Lokomotive“. Er wurde von hinten geschoben. Er sprach ruhig und gesetzt. Er redete von einem „politischen Streik“ gegen die SED und gegen die Regierung. Die Arbeitshetze in den Betrieben sollte ein Ende finden. Die Normen müßten gesenkt werden. Sie folgten einer willkürlich von oben festgelegten Arbeitsleistung und ähnelten den Akkordlöhnen aus vergangenen Zeiten. >>

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