Donnerstag, 05.11.2009

Angies Schulmädchenreport

Der deutsche Pressejubel, den die Rede Angela Merkels vor dem US-Kongreß ausgelöst hat, ist mir unverständlich. Ich habe mich während der Übertragung für ihre Beflissenheit geniert. Natürlich muß eine Kanzlerin im Ausland nett sein zu den Gastgebern, erst recht, wenn es sich um das Parlament des mächtigsten Landes der Erde handelt.

Es wäre aber interessant, ihre Geschichte vom unterdrückten Aschenputtel, das sozusagen „ganz persönlich“ vom Weißen Ritter aus Übersee aus der kommunistischen Drachhöhle befreit wurde, mit den Wortbeiträgen abzugleichen, die sie als FDJ-Funktionärin und Austauschwissenschaftlerin in Moskau gehalten hat. Wahrscheinlich ist der Unterschied gering.

Merkels Rede entsprach jener blockübergreifenden Eindimensionalität, die Milan Kundera in seinem Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ karikierte: Die Fotografin Sabina ist nach der Niederschlagung des Prager Frühlings in die USA emigriert, wo ein Senator ihr die Vorzüge des amerikanischen Way of life erläutert. Auf seinem Gesicht liegt dabei „der Ausdruck des Verständnisses für eine Frau, die aus einem kommunistischen Land kam, wo es nach der festen Überzeugung des Senators weder das Gras wächst noch die Kinder rennen. Sabina aber stellte sich gerade in diesem Moment vor, dieser Senator stünde auf einer Tribüne irgendeines Platzes in Prag. Auf seinem Gesicht lag nämlich genau dasselbe Lächeln, das kommunistische Staatsmänner von ihrer Tribüne herab auf die Bürger richteten, die im Umzug vorbeiziehen und ebenfalls lächeln.“

Anführerin an der Spitze des Marschblocks

Merkel erschien mir wie die eifernde Anführerin an der Spitze eines Marschblocks von Schuldmädchen, die ihr „kategorisches Einverständnis mit dem Sein“ (M. Kundera) bekunden.

Das gilt auch für die Politikerin. Sie nannte ihren Auftritt eine „Stunde des Dankes“ für den Beitrag der USA bei der Überwindung der deutschen und europäischen Teilung. „Ich weiß, wir Deutschen wissen, wie viel wir ihnen, unseren amerikanischen Freunden, verdanken. Niemals werden wir, niemals werde ich Ihnen ganz persönlich das vergessen.“

Bei diesen Sätzen hatte ich das Gekrähe Erich Honeckers im Ohr, „für immer und unwiderruflich“ sei die die „Ditsche 'kratsche 'plik mit der Sowjetunion brüderlich verbunden“. Er hat bitter bezahlen müssen für die Annahme, die russischen Staatsräson sei mit seinen eigenen Interessen auf alle Zeit identisch.

Feinheiten der Geschichte

Über die Aufhebung der Teilung Deutschlands und Europas läßt sich nur sinnvoll reden, wenn man zugleich die Geschichte ihrer Entstehung in den Blick nimmt. Sie wurde nicht nur von einer Seite herbeigeführt. Indem die Westmächte auf der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands bestanden, nahmen sie wissentlich in Kauf, daß Stalin sein Imperium bis an die Elbe ausdehnte.

Über die Nachkriegszeit schreibt der Yale-Historikers John Lewis Gaddis in seinem 2007 erschienen Buch „Der kalte Krieg“ unverblümt: „Stalin tappte in die Falle des Marshallplans, die darin bestand, ihn dazu zu bringen, die Mauer zu errichten, die Europa teilen sollte.“

Natürlich kann eine Kanzlerin so etwas unmöglich sagen. Aber sind sie und ihre Redenschreiber mit solchen Feinheiten der Geschichte wenigstens vertraut?



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Nikolas Böck aus Franken

Freitag, 06-11-09 11:57

Gefehlt hätte noch ein Kniefall wie von Willy Brandt, im Zeichen der absoluten Dankbarkeit.





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"Es hätte nie ein Christentum und nie eine Reformation und keine Staatsrevolution und überhaupt nichts Gutes und Großes gegeben, wenn jeder stets gedacht hätte: „Du änderst doch nichts!“

Robert Blum 1844

 

Till Eulenspiegel aus Toronto, Kanada

Freitag, 06-11-09 03:48

Beim Auftritt von "Dunja, unser Blümelein" kamen einem die Tränen (shurely not!!!???...)

 

Mario Offner aus TRier

Freitag, 06-11-09 02:16

Bei aller Kritik aber nicht vergessen: Bei einer solch öffentlichwirksamen Rede vor beiden Kammern der USA ist es naiv, zu glauben, es hätte vorher keine Absprache/Instruktion stattgefunden, was DEFINITIV gesagt werden solle! Wie schon mehrere US Journalisten festgestellt haben "...das Lob und die Erinnerung an den Fall der Mauer ist Balsam für die Amerikaner, die, nach so vielen schlechten Entscheidungen in der Außenpolitik, endlich an Etwas erinnert werden wollen, was die USA mal richtig gemacht haben." Hat denn wirklich jemand erwartet, daß in dieser Rede großartig Kritik oder Ähnliches stattfinden würden? Schon der Hinweis auf ökologische "Imperative", die sogar von "standing ovations" beantwortet wurden,wären früher undenkbar gewesen.

 

Bernd Schmieder aus Berlin

Freitag, 06-11-09 00:58

Peinlich, einfach nur peinlich - auch der Jubel der deutschen Medien !
Ich möchte noch anmerken, daß es höchste Zeit wird, unsere unwissende Jugend über die erwähnten Feinheiten der Geschichte aufzuklären.

 

Alexander D. aus Ebersberg

Donnerstag, 05-11-09 22:15

"Wahrscheinlich ist der Unterschied gering." Das trifft es auf den Punkt. Den inneren Punkt ihres Wesens. Da ist für mich nichts wirklich Persönliches erkennbar. Angela Merkel gefällt sich in ihrer Lebensrolle einer Praeceptrix Germaniae und ihres politliturgischen Rollenspiels. Denn es ist ein Spiel der Macht, bei dem Inhalte und Werte austauschbar und beliebig geworden sind. Auch ihre Einstellung zur Geschichte Deutschlands und der eigenen Identität. Nach der FDJ ist vor der FDJ. Und wenn die ehemals nützliche FDJ vergangen und die bloße Erinnerung an sie sich als schädlich für die eigenen Ambitionen erweist, dann dient man umso eifriger der anderen Herren Geist.

 

Willi Brandt aus Norwegen

Donnerstag, 05-11-09 14:45

Also ich finde, sie hätte sich wie einst Herbert Frahm, auf die Knie fallen lassen sollen. Hätte viel hysterischer gewirkt (y=i,E=o).
Daß bei so viel Schleim Niemand ausgerutscht ist, wundert mich.

 

Joachim Mader aus Hessen

Donnerstag, 05-11-09 14:07

Die Rede erschien mir stil- und würdelos, sie war in Teilen direkt peinlich.
Und wie bereits angesprochen: Sich für die Unterstützung bei der Wiedervereinigung zu bedanken ist ein schlechter Witz, oder wie immer man das bezeichnen mag. Merkel übersieht bei dieser Kriecherei völlig, wie die Teilung Deutschlands zustande kam. Sie bedankt sich für die Beendigung eines Unrechts bei denen, die es verursacht haben. Oder zumindest weitestgehend dafür verantwortlich sind.
Ich schäme mich für diese Regierung. Mit Ach und Krach wurde sie gewählt, unser Land hätte Besseres verdient.

 

Anna Luehse aus Hessen

Donnerstag, 05-11-09 12:51

"Ich habe mich während der Übertragung für ihre Beflissenheit geniert."

Die kriechende Andienerei der Kanzlerin gegenüber dem Ausland ganz allgemein sind in der Tat nur noch peinlich und würdelos.

 

Gerd-Joachim Kalkowski aus Hildesheim

Donnerstag, 05-11-09 12:32

Als Zeitzeuge - von Stresemann über Fischer bis Westerwelle - habe ich ja schon viel Kurioses erlebt. Und jetzt auch noch die Treueschwüre der Kanzlerin.
Ihre exzellent - vergniügliche Würdigung ihres Auftritts, bereitete mir ein unerwartetes Lesevergnügen.
Danke, Herr Hinz, für Ihre Zielgenauigkeit!

 

Bernd Sydow aus Berlin

Donnerstag, 05-11-09 12:05

Da hat mir doch der Schulmädchenreport im Kino Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger ungleich besser gefallen, als dieser "Schulmädchenreport" von Angela "Angie" Merkel alias "Kohls Mädchen" vor den amüsierten US-amerikanischen Parlamentariern.

 
 

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